Bestseller.
Roman von Klaus
Modick (2006, Eichborn).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger
Nachrichten vom 22.09.2006:
Der Lockvogel und die Nazi-Tante
Klaus Modick hat einen ganz persönlichen und pfiffigen „Bestseller“
geschrieben
Der Buchmarkt dreht sich längst nicht mehr um
Literatur, sondern immer heftiger um Schlagzeilen und Bestsellerlisten. Viele
anspruchsvolle Titel gehen in der Flut von Neuerscheinungen sang- und klanglos
unter. Einen neuen Roman per Titel vorab als „Bestseller“ zu stempeln, könnte
daher beim Buhlen um die Gunst der Leser/Käufer als ebenso raffiniertes wie
verkaufsförderndes Marketingkonzept durchgehen.
Klaus Modick, einer der unterhaltsamsten und produktivsten deutschen
Schriftsteller, legt nach seinem autobiografischen „Vatertagebuch“ nun eine
glänzende und vielschichtige Satire auf den Literaturbetrieb vor. Sein
„Bestseller“ handelt von einem frustrierten, mäßig erfolgreichen
Schriftsteller, der endlich auch seinen Schnitt machen will. Unversehens kommt
ihm das Schicksal dabei zu Hilfe.
Der Autor und Ich-Erzähler namens Lukas Domcik - ein Anagramm für Klaus Modick,
das Lesern durch sein Buch „Weg war weg“ bekannt ist - weiß, worum es geht:
„Um wahr zu wirken, muss die Wirklichkeit gefälscht werden. Das ist das ganze
Geheimnis der Literatur.“ Eines Tages erfährt Domcik unverhofft, dass er
Alleinerbe einer weit entfernten Tante ist. Allerdings entpuppt sich die
Erbschaft, von der er sich das Ende seiner finanziellen Sorgen erhofft, als ein
alter Koffer voller Manuskripte. Die verstorbene Tante hatte ihre
nationalsozialistischen Verstrickungen mehr schlecht als recht zu ungenießbaren
Memoiren verarbeitet.
Das bringt den Schriftsteller, der den Buchmarkt bestens kennt, auf eine Idee:
Warum nicht den aktuellen Trend zur literarischen Vergangenheitsbewältigung
bedienen und es selbst einmal mit der beliebten Doku-Fiktion versuchen? Der
Verlag liegt ihm seit langem damit in den Ohren.
„Vom Memelstrand zum Themseufer“ soll das Machwerk über ein deutsches
Frauenschicksal im Dritten Reich heißen, ein Ghostwriter ist auch schnell
gefunden. Denn Lukas Domcik, ein verheirateter Mann in den Fünfzigern, hat sich
gerade unsterblich in die attraktive Rachel verknallt, die als Kellnerin in
seiner Stammkneipe arbeitet. Die junge Engländerin ist eine gescheiterte
Schauspielerin und Möchtegernautorin, die allerdings mit Sprache und Grammatik
auf Kriegsfuß steht. Dennoch erscheint sie Domcik wie geschaffen für seinen
Plan: Rachel soll der Öffentlichkeit ihr hübsches Gesicht präsentieren und
dem Buchprojekt damit Aufmerksamkeit garantieren.
Der perfide Plan gelingt - allerdings anders, als sich das der arme Poet gedacht
hat. Am Ende ist er jedenfalls der gelackmeierte: Von der Liebe enttäuscht, um
seinen Gewinn geprellt, aber um eine ganze Reihe Erfahrungen reicher.
Klaus Modick, der jede Menge Insider-Erfahrung besitzt, ist eine ebenso giftige
wie geistreiche Satire auf den aktuellen Literaturbetrieb gelungen - und
zugleich eines seiner besten Bücher. Das Lesevergnügen ist umso größer, je
besser man die zahlreichen Anspielungen auf reale Personen und Geschehnisse
versteht.
Komme, was da wolle: Klaus Modick hat jedenfalls endlich seinen verdienten
„Bestseller“ geschrieben. Es geht auch ohne hübschen Ghostwriter.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1006 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten