Bestattung eines Hundes, 2008, Kiepenheuer & Witsch1.) - 2.)

Bestattung eines Hundes.
Roman von Thomas Pletzinger (2008, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Oliver Pfohlmann in der Frankfurter Rundschau, 19.6.2008:

Scherbenhaufen, bist so schön

Mandelkern (oder auch Amygdala) nennen Neurologen einen Teil des Limbischen Systems unseres Gehirns. Wessen Mandelkern zerstört ist, der ist arm dran: Droht ihm eine Gefahr, läuft er nicht weg, sondern bleibt stehen. Daniel Mandelkerns Mandelkern ist nicht zerstört. Deshalb gerät der Icherzähler in Thomas Pletzingers Debütroman auch in Panik, als ihn Elisabeth, seine Frau, zur Entscheidung für ein Kind nötigen will. Und flieht Hals über Kopf, eine handfeste Identitätskrise im Gepäck und noch Menstruationsblutreste seiner Gattin vom letzten Beischlaf am Leib, von Hamburg an den Luganer See.

Dort soll der freie Journalist einen öffentlichkeitsscheuen Kinderbuchautor interviewen. Denn für seine Chefredakteurin ist der studierte Ethnologe, dessen Dissertation schon seit geraumer Zeit "auf Eis liegt", der Mann für "Seltsamkeiten". Dass seine Chefin zugleich seine Frau ist (oder umgekehrt), sie die Miete der gemeinsamen Wohnung bezahlt und er das Telefon und sie ihn beruflich wie privat nur noch mit dem Nachnamen anredet (etwa beim Sex: "Halt still, Mandelkern!"), macht die Verhältnisse für ihn freilich nicht einfacher.

Ein Schäferhund mit drei Beinen

Seinem Auftrag, den Menschen Dirk Svensson hinter seinem Bestseller "Die Geschichte von Leo und dem Nichtviel" sichtbar zu machen, erweist sich Daniel jedoch als ebenso wenig gewachsen wie der von ihm erwarteten Vaterrolle: Antworten auf seine vorbereiteten Fragen erhält Mandelkern von Svensson nicht, stattdessen stellen sich ihm nur neue: Warum hat Svenssons Schäferhund Lua nur drei Beine? Wer ist Tuuli, die hübsche Finnin, die gleichzeitig mit ihm am Luganer See ankommt, und wer ist der Vater ihres Jungen? Wer war Felix Blaumeiser, und was verbirgt sich in seinem Koffer, den Mandelkern im Gästezimmer findet? Vor allem aber: "Wer genau ist Daniel Mandelkern?"

Dessen Aufschreibefuror im Zeichen von "teilnehmender Beobachtung" und "dichter Beschreibung" sorgt rasch dafür, dass mehr und mehr die Figur des Beobachters in den Fokus rückt. Alles wird vom Icherzähler in einer atemlosen und zugleich geschliffenen Sprache notiert und mit immer neuen Zwischenüberschriften ("meine Überschriften, meine Schubladen") und Kommentaren in Klammern versehen, Badezimmerartikel, Erinnerungsfetzen, Abfahrtszeiten, Telefonate und Zeitungsartikel: "Ich schreibe mit, weil ich die Dinge ordnen will (ich will mich sortieren)."

Kontrastiert, in einigen bizarren Details aber auch gespiegelt wird seine von ihm Stück für Stück rekonstruierte Lebens- und Beziehungsgeschichte von der Dreiecksbeziehung zwischen Dirk Svensson ("Svensson sammelt die Scherben und bastelt sich daraus die Welt zusammen, die er ertragen kann"), der finnischen Chirurgin Tuula (Daniels "Hauptinformantin") und dem verstorbenen Felix Blaumeiser. Unversehens wird Mandelkern in die dramatische Ménage-à-trois hineingezogen, die zehn Jahre zuvor im brasilianischen Urwald begann, in einer Silvesternacht in Lappland ihren Höhepunkt erreichte und im schockstarren New York nach 9/11 zerbrach. Und für die Lua, der dreibeinige Schäferhund, der sich bizarrerweise schon mal ein Bierchen bestellt und nun im Sterben liegt, eine großartige Metapher darstellt ("Zeit ist ein See und die Erinnerung ein trauriger Hund"). Am Ende erhält Elisabeth aus Italien von Mandelkern einen Stapel Papier, 345 Seiten, und sieben Postkarten: "Unsere Geschichten passen nicht auf eine Zeitungsseite", steht auf einer von ihnen. "Ich bin die Zeitungsseiten leid, Elisabeth. Das Leben ist ein Wirbel und kein Strich."

Danke, das liest man selten

Der Verdacht, der Leipziger Literaturinstitutsabsolvent Thomas Pletzinger habe zu viel gewollt, zu viel in sein Debüt reingepackt, liegt nahe. Bestätigt wird er insofern, als die Binnengeschichte, der Roman-im-Roman, den Pletzingers Icherzähler in Form eines von Svensson aufgegebenen Manuskripts im Gästezimmer findet, als Ganzes seine Herkunft vom Reißbrett nicht verleugnen kann. Im Einzelnen enthält Svenssons Geschichte jedoch glänzend erzählte Passagen, etwa von einem Hahnenkampf in einem brasilianischen Dorf oder von den ganz individuellen Erlebnissen und Reaktionen auf die Terroranschläge in New York.

Geradezu danken möchte man dem Autor dafür, mit welcher Genauigkeit und Einsicht in die psychosexuellen Verstrickungen und Nöte der Beteiligten hier endlich von heutigen Geschlechterverhältnissen erzählt wird, von denen die Gegenwartsliteratur sonst erstaunlich selten etwas zu berichten weiß. Zumal Pletzinger für seinen virtuos erzählten, hochreflexiven, anspielungsreichen Erstling die einzig mögliche Form findet: die Unordnung, aber auch Offenheit des Scherbenhaufens.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0808 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Bestattung eines Hundes, 2008, Kiepenheuer & Witsch2.)

Bestattung eines Hundes.
Roman von Thomas Pletzinger (2008, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Martin Halter in der Stuttgarter Zeitung vom 1.8.2008:

Ein Journalist in der Sinnkrise

"Unsere Geschichten passen nicht auf eine Zeitungsseite", sagt Daniel Mandelkern, studierter Anthropologe und freier Kulturjournalist in Hamburg, zu seiner Frau, die zugleich seine Chefin ist. "Ich bin die Zeitungsseiten leid, Elisabeth. Das Leben ist ein Wirbel und kein Strich." Daniel Mandelkern hadert mit der Formatierung seines Lebens, mit seiner Ehe und mit seinem Beruf; nur widerwillig lässt er sich an den Luganer See schicken mit dem Auftrag, ein Porträt des eigenbrötlerischen Kinderbuchautors Svensson in 16.000 Zeichen zu schreiben.

Die Dienstreise in den Süden, man ahnt es, wird die langsame Heimkehr eines desorientierten "Heimwehtouristen" zu sich selbst werden: Krise und Selbstprüfung eines antriebs- und willensschwachen Mittdreißigers in der Konfrontation mit einem ganz anderen Lebensentwurf.

Svensson ist mundfaul, draufgängerisch, verschlossen: ein Mann, der riskant und gefährlich lebte, dafür bezahlt hat und sich jetzt in keine Ordnung mehr fügen will. Mandelkern ist das Gegenteil, ein Grübler und Zauderer, fasziniert und abgestoßen von der Tragödie, der er auf die Spur kommt: Svensson, sein Jugend- und Männerfreund Felix und Tuuli, die schöne Finnin, waren unzertrennlich, bis ihre Dreierbeziehung an einem Kind zerbrach. Sie waren wie die drei borromäischen Ringe in den Wappen, die so ineinander verhakt sind, dass sie zu zweit auseinanderfallen müssen. Svensson lebt jetzt mit der Fotografin Kiki zusammen, aber er kann Tuuli so wenig vergessen wie Mandelkern Elisabeth und ihren aggressiv vorgetragenen Kinderwunsch.

Mit Interviews und journalistischen Recherchen ist Svensson nicht beizukommen; auf einfache Fragen antwortet er ausweichend oder gar nicht. Mehr erfährt Mandelkern aus seinem Kinderbuch von "Leo und dem Nichtviel", aus seinem unveröffentlichten Tagebuchroman "Astroland" und vor allem durch die Methoden teilnehmender Beobachtung und männliche Einfühlung.

Das Leben ist ein Wirbel, kein gerader Strich. Pletzinger gibt seinem Roman mit Rückblenden, Einschüben, Perspektiv- und Ortswechseln eine kunstvoll verwirbelte Struktur: vier Tage, fünf Länder, zwei Dreieckgeschichten mit einem dreibeinigen Hund, Erinnerung und Fantasie, Erleben und Schreiben, alles so souverän verknüpft und verzahnt, dass die Konstruktion trotz ihrer Komplexität nie papieren oder überlastet wirkt.

Thomas Pletzinger ist Absolvent des Leipziger Literaturinstituts und Verlagsmitarbeiter. Derzeit beschäftigt er sich mit einer Dissertation über den US-Dichter Gerald Stern. Dieser Autor befindet sich offensichtlich auf der Höhe der literarischen Diskurse. Als skrupulöser Kulturanthropologe hinterfragt er routiniert Authentizität und Wahrheit; als postmoderner Erzähler spielt er mit biografischer Fiktion ("Man kann nur über sich selbst schreiben. Und daran scheitern"). Er streut Realitätsschnipsel (Supermarktbons, Hotelrechnungen, Fotos) wie Schokostreusel über den Text, zitiert die Stilmittel von Postkarte, Kinderbuch oder Krankenaktenprosa, ein Sachbuch von Clifford Geertz oder auch Max Frischs "Montauk".

Das wirkt manchmal so prätentiös wie das gewählte Motto: "Hardly art, hardly garbage". Immerhin, sein Roman "Bestattung eines Hundes" ist weder Müll noch Kunst: Thomas Pletzingers Sprache ist unsentimental und genau, seine Figuren sind erfreulich ambivalent und klischeefrei, sein Tiefsinn liegt an der Oberfläche, und außerdem scheut er weder Drama noch Action, weder Spektakel noch derben Sex.

Keine Frage, der 33-jährige Debütant kennt den Markt und die Moden und weiß sie auch professionell zu bedienen. Man sollte den Roman nicht, wie die Kritikerin Iris Radisch dies in der "Zeit" getan hat, auf den "Fick- und Bierdosen-Ton" reduzieren; aber es wird schon ein bisschen zu viel getrunken, gekotzt und gefickt in diesem Buch. Der Hund liegt vor allem an tollen Locations begraben, und nicht nur bei seiner trifft man viele Künstler und Intellektuelle.

Natürlich war Svensson am 11. September zufällig in New York; natürlich kann in der Kunstszene zwischen Recife und Oulu Blut auch mal ein "Fashion-Statement" sein. Aber der Hahnenkampf im brasilianischen Busch, das Baseballspiel mit mexikanischen Ghettokids, das desinfizierte Geschlechtsteil, der sprechende, biertrinkende, körperbehinderte Polizeihund (das vierte Bein und den vierten Buchstaben Luas hat die angehende Ärztin Tuuli mit dem Bolzenschneider amputiert) - das ist dann doch alles eine Spur zu drastisch, laut und beziehungsreich.

Thomas Pletzinger beherrscht sein Handwerk, aber sein Porträt einer "Generation ohne Bindung und ohne Tiefe" - auch kein ganz originelles Thema mehr - lässt einen kalt. "Bestattung eines Hundes" ist wieder einmal ein Roman aus der Leipziger Schule für und über die polyglotten, globalen Kulturnomaden, die für Hamburger Magazine schreiben, Lacan lesen und dabei wie dreibeinige Hunde unter ihrer Heimatlosigkeit, Unentschlossenheit und Gefühlsarmut leiden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Stuttgarter Zeitung]

Leseprobe I Buchbestellung 0808 LYRIKwelt © Stuttgarter Zeitung