Berlin ist
mein Paris.
Geschichten aus der Hauptstadt von Carmen
Francesca Banciu (2002, Ullstein).
Besprechung von Nicole Henneberg in der Frankfurter Rundschau, 9.1.2003:
Lesen,
schreiben, Kräfte messen
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"Berlin ist mein
Paris": Carmen Francesca Bancius Erzählungen sind ihrer neuen Traumstadt
gewidmet
Jede Geschichte fängt mit einem Schritt beiseite
an; so auch diese. Die Schriftstellerin beschließt eines trüben Morgens, nicht
ihr gewöhnliches Schreibcafé aufzusuchen, sondern, ihrer momentanen
Mutlosigkeit und Müdigkeit nachgebend, zu Hause zu bleiben. Keine zwei Minuten
später nimmt sie eine Bewegung vor ihrem Fenster im zehnten Stock wahr und
sieht dort draußen einen Freund aus Kindertagen auf dem Fahrrad vorbeifahren.
Wie kann das sein? Sie stürzt ans Fenster, und tatsächlich, B. mit den
rotblonden Locken kämpft sich von Wolke zu Wolke - auf den flachen, kleinen
kommt er entschieden leichter voran als auf den plüschigen; er winkt ihr
freundlich zu und bringt sie dann mit seinen halsbrecherischen Kunststücken so
gründlich aus der Ruhe, dass auch die Geschichte, an der sie gerade schreibt,
entgleist und sich nur noch um ihn, den "Radritter über den Wolken"
dreht.
Diese Erzählung ist eine der schönsten im neuen Band von Carmen Francesca
Banciu: Berlin ist mein Paris. Und wer die anderen Bücher der aus Rumänien
stammenden Autorin, die seit 1990 in Berlin lebt, kennt, wird sich gerade über
diese Geschichte in phantastischer Manier wundern. Denn so viel Leichtigkeit und
Heiterkeit ist neu im Werk Carmen Francesca Bancius. Und das ist auch kein
Wunder, denn der Weg, den sie von Ost nach West, von einer Welt in die andere,
von einer Sprache in die andere zurückgelegt hat, war lang und mühsam. Ihre Bücher
legten biografisch und literarisch Zeugnis davon ab, so zum Beispiel die Erzählung
"Das strahlende Ghetto" (wunderbar lakonisch übersetzt von Rolf
Bossert), mit der sie im Westen bekannt wurde.
Anfang der achtziger Jahre versinkt das Land im Elend, und das kalte, kleine
Zimmer im Erdgeschoss eines feuchten und muffigen Wohnblocks in einer
verkommenen Hochhaussiedlung am Rand von Bukarest ist ein Sinnbild dafür. Es
gleicht eher einer Höhle als einer Wohnung, das Fenster muss geschlossen
bleiben, wegen der stinkenden Mülltonnen direkt davor; der Geruch der Armut und
Verrohung durchzieht jede Ritze. Aber die Erzählerin und ihre Familie kämpfen
einen genauso unerbittlichen wie absurden Kampf ums geistige Überleben: Sie
lernen Französisch, Italienisch und Englisch, lesen die humanistischen Denker
und spielen Mozartsonaten auf einer gemalten Tastatur, denn, so das bittere und
trotzige Fazit der Erzählerin: "Wenn man im Ghetto wohnt, so ist das kein
Grund, ein Instrument mangelhaft zu beherrschen." 1985 gewann Carmen
Francesca Banciu mit dieser Geschichte den internationalen
Kurzgeschichtenwettbewerb Arnsberg, was ein Publikationsverbot in Rumänien nach
sich zog; und vielleicht ist diese in ihrem Werk so wichtige Geschichte ja der
letzte Anstoß zur Ausreise 1990 gewesen.
Für Francesca Banciu, das begabte Vorzeigekind einer parteitreuen
Nomenklatura-Familie, war dieser Weg jedenfalls eher ungewöhnlich. Ihr stark
autobiografischer Roman Vaterflucht (1998) zeichnet nach, wie sie sich
als Heranwachsende immer mehr über die Lügen, Brutalitäten und
Scheinheiligkeiten zu Hause und in der Schule empört. Das Erstaunlichste daran
sind wohl der Mut und die widerständige Energie, die nicht nur der wütenden
Enttäuschung der Eltern, sondern auch wochenlangen Securitate-Verhören und
Drohungen standhält. Die mit der politischen Erziehung dem Kind eingeimpfte
heroische Ader, seine Sehnsucht nach einer ehrlichen und gerechten Welt wird
jetzt sein Schutzschild. Und als die 19-jährige nach der Schule ein (von der
orthodoxen Kirche finanziertes) Studium der Kirchenmalerei beginnt und mit der Künstlertruppe
über Land zieht, hat sie den Raum ihrer Erziehung endgültig in Richtung
Freiheit verlassen.
Mit diesem, ihrem ersten auf Deutsch geschriebenem Roman schlägt Carmen
Francesca Banciu in ihrem Werk einen neuen Ton an: einfache und schnelle Sätze,
schnörkellos, in hartem Rhythmus - bei der Lektüre denkt man unwillkürlich an
die Französisch schreibende Ungarin Agota Kristof - skizzieren eine Welt, in
der Funktionieren alles und Gefühle nichts bedeuteten: Die waren nur lästig,
man bekam Ausschlag und Depressionen davon und wurde angreifbar. Fehler machen dürfen,
Angst haben dürfen, einfach nur zu dürfen, zu sein - diese in Rumänien
lebensgefährlichen Dinge werden für das erzählende Ich in Bancius Büchern
(und für sie selbst) erst in Berlin möglich, das ihre Traumstadt deshalb ist,
weil es eine Schnittstelle, eine erst entstehende Stadt ist, deren Wunden so unübersehbar
sind, dass ein Wanderer zwischen den Welten sich dort vertrauensvoll und
selbstbewusst niederlassen kann.
So ist es kein Zufall, dass ein Haus an der Leipziger Straße ihr neues Domizil
wird, mit Ausblick auf die Riesenbaustelle Potsdamer Platz und nur wenige
Gehminuten vom Checkpoint Charlie entfernt - Orte, an denen sich die
historischen Stadtschichten nach wie vor bewegen.
Aber nicht zum Überleben sei sie hergekommen, sagt die Autorin in der
Titelgeschichte, sondern um ihre Kräfte zu messen, so wie Künstler eben früher
nach Paris gingen: um sich mit anderen Künstlern und ihren Werken auseinander
zu setzen und dabei den eigenen Platz zu finden. Und beides sei ihr in Berlin
besser gelungen, als es in Paris je hätte gelingen können. Natürlich war die
französische Hauptstadt der Traum aller rumänischen, traditionell frankophilen
Intellektuellen; aber 1990, nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Welt, war
vor allem die Ost-West-Nahtstelle Berlin der magische Ort geworden, an dem ein
neues Leben gelingen musste.
Was es natürlich nicht immer tat - und an einem mutlosen Tag voller
Selbstzweifel geriet sie in ein Atelier, genauer: in die Bastelwerkstatt von Ed
Kienholz (die ein bisschen wie Andy Warhols Factory funktionierte) und war
begeistert von seiner Gelassenheit und seinem Bekenntnis zu den kleinen Dingen,
in denen sich die eigene Sehnsucht fängt wie in einem Hohlspiegel.
Wie ein Hohlspiegel für Geschichten funktionieren auch ihre Schreibcafés, alle
in der Nähe des früheren Grenzübergangs Friedrichstraße - dieser
Einflugschneise des Umbruchs. In den Cafés schreiben sich die Geschichten fast
von selbst, weil es dort Leute gibt, die Leute beobachten, und der Autor nur
aufzuschreiben braucht, was in beider Gesichtern steht. Manchmal sitzt am
Nebentisch ein Kollege und schreibt, und wenn sein Buch erscheint, kann man das
eigene davon kommentieren lassen ...
Ein empfehlenswertes Berlinbuch (trotz mancher eher journalistischer Gelegenheitsarbeiten) und ein spannender Werkstattbericht in einem sind also hier anzuzeigen, denn Carmen Francesca Banciu ist inzwischen eine ganz typische Berlinerin, die ihre Begeisterung für diese Stadt in schnoddrige Halbsätze packt und die kleinen Wunder, über die sie stolpert, gern mit den prosaischen Details des Alltags kurzschließt; womit sie das liebenswert provinzielle wie das weltoffene Berlin in ihren Geschichten hat.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]
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