Berliner Tatsachen von Jayne-Ann Igel, 2009, Engeler1.) - 2.)

Berliner Tatsachen.
Prosa von Jayne-Ann Igel (2009, Edition Engeler).
Besprechung von Hanne Kulessa, 14.6.2009:

DDR-Underground
In ihrem Buch erzählt die Schriftstellerin Jayne-Ann Igel, 1954 in Leipzig geboren, davon, wie es einem "suspekten Subjekt" in den 1970/80er Jahren in der DDR ergangen ist.

"Immer öfter der Eindruck, in nicht- oder nur unzureichend kartiertem Gelände unterwegs zu sein, hier in O’Berlin, wenn er seine Runden drehte, Besuche abstattete, zwischen den Fangarmen der Spree. Immerzu geriet er an Absperrungen, Bauzäune, die mit Spanplatten verblendet waren, an der Friedrichstraße, strandete er in Winkeln, Durchgängen, die blind endeten, und öfters fand er sich unvermittelt in Straßen oder Vierteln, die er gar nicht hatte aufsuchen wollen, landete in Rummelsburg oder Karlshorst, weil er am Ostkreuz die falsche S-Bahn bestiegen, dabei hatte er wieder und wieder die Karte studiert, sich den Weg erklären lassen" (Zitat).

"Berliner Tatsachen" heißt das neue Buch von Jayne-Ann Igel, und zu den Tatsachen gehört, dass es auf den Stadtplänen und Landkarten in der DDR weiße Flecken gab. Da konnte man die Karten ausgiebig studieren und verirrte sich doch. Gehörte das zum System? Jayne-Ann Igel führt die Leser mit einem "Zeitgenossen" durch das Ostberlin der 70er/80er Jahre, keine Sight-Seeing-Tour allerdings, sondern eine biographische Erkundung, die, bruchstückhaft, Erinnerungen und Gefühle sammelt. Die „weißen Flecken auf der Landkarte“ sind so ganz konkret, aber auch metaphorisch, für Erinnerungslücken und Auslassungen, gemeint.

Der „Zeitgenosse“, der durch die Hauptstadt der DDR stromert, ist Student der Theologie, aber auch ein gewesener Student, denn 1982 hat er sein Studium abgebrochen. Und nicht nur an diesem Detail erkennt man, dass es sich bei dem „Zeitgenossen“ um die Autorin selbst handelt. Jayne-Ann Igel, 1954 in Leipzig geboren,
verbrachte ihre Kindheit und Jugend in einer Siedlung am Rande der Stadt. Der Vater war Polizist. In Leipzig machte sie eine Lehre als Bibliothekarin, arbeitete sechs Jahre in der Deutschen Bibliothek und studierte von 1978 bis 1982 in Leipzig Theologie. Sie hatte schon während des Studiums begonnen zu schreiben und brachte 1989, nach Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, ihren ersten Gedichtband heraus. Für Jayne-Ann Igel waren nicht nur die Publikation des ersten Gedichtbandes und der Fall der Mauer wichtige Markierungen in ihrem Leben, sondern vor allem das Bekenntnis zur weiblichen Identität. Jayne-Ann Igel hieß bis 1989 Bernd Igel, unter diesem Namen erschien auch ihr erster Gedichtband. Nach einer geschlechtsangleichenden Operation und Therapie konnte sie auch äußerlich das sein, was sie war: eine Frau. „Berliner Tatsachen“ dieses lyrische Prosastück, das von einem Mann erzählt, dessen Nichtanpassung und Auflehnung gegen die herrschenden DDR-Verhältnisse nicht nur der Abwehr eines doktrinären, schikanösen Systems gilt, sondern auch einer inneren Unruhe geschuldet ist, versteht man besser, wenn man den biographischen Hintergrund kennt. In diesem Fall ist es eben nicht ein literarischer Rollenwechsel, in dem ein Autor, eine Autorin aus der Perspektive des anderen Geschlechts erzählt. Die Autorin Jayne-Ann Igel, weiß, wovon und worüber sie schreibt, auch wenn dieses Thema in den „Berliner Tatsachen“ nur in Andeutungen erwähnt wird.

Anlass: Mauerfall

Der „Zeitgenosse“, nicht auf der Suche nach der „verlorenen“, sondern nach der neuen Zeit, schlängelt sich durch das halbe Ostberliner Großstadtdickicht, durch heimatliche Nächte und Tage, er kommt durch, auch wenn er immer wieder mit „Beamten“ zusammen stößt. Mal ist es sein Geschick, mal ist es der Vater, der als Polizist zur Obrigkeit gehört; bei einem Polizistensohn drückt man vielleicht ein Auge zu, zumindest, wenn man sich heimatlich kennt. Doch in Ostberlin ist er ein „suspektes Subjekt“.

Zitat: "Was suchte einer wie er in O’Berlin, in dieser verschossenen Kutte, in Verdacht, das Heer der Penner zu verstärken, das temporär in leerstehende Wohnungen abtauchte, tags in düstere Parks, und statistisch kaum erfassbar war, höchstens daß man eines der Subjekte im Rahmen einer Personenkontrolle erwischt, eingestickt in den Polizeibericht, Berliner Tatsachen, außer ein paar Promille kaum etwas nachweisbar; nein, die neuralgischen Punkte in Mitte haben sie wohl gemieden, sicher klüger als er."

Schon auf der Leipziger Frühjahrs-Buchmesse wurde deutlich, um was es in diesem Jahr – historisch und literarisch - geht: vor 20 Jahren fiel die Mauer. Anlass, um nicht nur über Deutschland nach der Wiedervereinigung, sondern vor allem auch, um über die DDR nachzudenken. Jayne-Ann Igels Buch ist – auch in diesem Kontext – ein Buch, das unbedingt auf die Empfehlungsliste der Neuerscheinungen gehört. Die „Berliner Tatsachen“ sind, auch wenn sie als Prosa daherkommen, eigentlich ein Langgedicht. Also kein Erfahrungs- oder Aufarbeitungsbericht. Diese lyrischen Impressionen über den „DDR-Underground“ sind poetisch verdichtete Botschaften eines Einzelgängers, einer Einzelgängerin, die manchmal nicht leicht zu entschlüsseln sind und die doch den erreichen, der – und sei es in der DDR – gelernt hat, auch zwischen den Zeilen zu lesen.

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Berliner Tatsachen von Jayne-Ann Igel, 2009, Engeler2.)

Berliner Tatsachen.
Prosa von Jayne-Ann Igel (2009, Edition Engeler).
Besprechung von Katrin Ernst, Mai 2010:

In feinsten Nuancen

Themen aus Politik und Gesellschaft haben in Erzähltexten ihren festen Platz, werden jedoch selten in poetischer Schreibweise präsentiert. Anders in Jayne-Ann Igels Erzählung „Berliner Tatsachen“, die sich durch ihre besondere lyrische Dichte auszeichnet: eine Dichte, die im modernen Erzähltext nicht nur ihresgleichen sucht, sondern es zudem schafft, gesellschaftliche Wirklichkeit als Spannungsraum erfahrbar zu machen.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit hier ist die DDR der 70er- und 80er-Jahre, die „der Zeitgenosse“, so die schlichte Bezeichnung für die Hauptfigur, erlebt. Bild für Bild schiebt sie sich auch vor die Augen des Lesers, entsteht die Kammer, in der der junge Mann im Halbdunkel des Mittags liegt und eine Vergangenheit Revue passieren lässt, die ihn an diesen namenlosen Zufluchtsort führte. In dieser Kammer hat jedes Möbelstück seine Geschichte. Auch der Tisch, an dem einst bei den Großeltern der Familienkaffee abgehalten wurde und an dem nun, im Tagtraum des Mittags, die Seinen über ihn zu Gericht sitzen. Der Gerichtsbarkeit von Vater und Bruder, die ihn an den Stirnseiten des Tisches, ohne Gesichter, anschweigen, kann er sich nicht entziehen – so wie er sich den Staatsorganen nicht entziehen kann, bei denen beide angestellt sind. Was der Zeitgenosse ab sofort mit den verlässlichen Mitteln der Sprache auslotet, ist umfänglicher als die eigene Geschichte. Es ist „dieser atmosphärische druck, der dem wesen eigen.“

Zu diesem Zweck geraten scheinbar selbsterklärende Begriffe wie Gott und Staat unters Mikroskop sprachlichen Ausdrucks und zeigen offenherzig ihre Struktur. Markant der Auftritt Frau W.s, der Nachbarin, die die Ordnung des Hauses wiederherstellt: „das vorrücken des besens, eimers, der nässe auf gerader linie, so sie das linoleum wischte, auf den knien …“. Die Vision vom Strafgericht wird jäh verstärkt durch Putzgeräusche, die aus dem Flur in die Kammer des Träumenden dringen – dem Flur, der ihm „als fortsatz eines fremden vorlebens erschienen war.“ So ergibt sich das Bild einer kaum verortbaren Gefangenschaft. „Verriegelt der zugang zur mansarde, ab und an war ein klopfen zu vernehmen, wenn der besen, das instrument der w., gegen die fußleiste oder das türblatt stieß.“

Wenigstens lebt der Zeitgenosse in teilhauptmiete, bevor sein Weg sich fortsetzt in die teilhauptstadt o‘berlin, wo mithin, wieder unter Mitwirkung von Vater und Bruder, ein weiterer Teil gegenwärtiger Tatsachen geschaffen wird. Stets sind die fein angedeuteten zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Wirkungszusammenhänge als „Fortsatz eines fremden Vorlebens“ zu verstehen, das von den Vätern und Vorvätern herkommt, aus Fluren und Vorfluren, und, jahrtausendalt, die Zustände in verschiedenen Kulturen bestimmt: „Der Kiefernbestand in den randlagen, das knistern ihrer rinde, als würde sie von einer glut versengt, schälte sie sich allmählich ab, und zurück bliebe der durchglühte stamm, blieben die glutnester – nein, sie hatten es nicht vermocht, vorzudringen bis mitte, die abordnungen des kieferngeschlechts, mit ihrer glut unter der asche ...“.

Das „Kieferngeschlecht“ wütet hier wie dort, lauscht man mit der weichen Unerbittlichkeit dieses Zeitgenossen in die eigene Seele oder Mitte und von da hinüber in die Amtsstuben, Glutnester mancherlei politischer oder religiöser Organisation. Igel führt das Spiel mit sprachlichen Bedeutungen (Fußleisten, Schreib-, Akten- und Sägeblättern, Instrumenten, Besen, Glutnestern jeglicher Zeit) zu selten erreichter Meisterschaft und entwickelt daraus eine schlüssige sprachphilosophisch-ontologische These, die zur genauen Interpretation einlädt. Diese Art Sinnstiftung – in Wahl und Verknüpfung der Textwörter begründet, ins Weltanschauliche weit hinausweisend – kennt man von Thomas Mann, Fontane, E.T.A. Hoffmann, Novalis, ...: Es ist nicht übertrieben, die Dichtung Jayne-Ann Igels hier einzuordnen, wo sie direkt in den romantischen Kontext gehört: Das gleiche Vexierspiel, die semantische Leerstelle der gebrochenen Form und die kunstvoll hergestellte Bedeutungsdichte, die geradewegs in die Dimension des Sprachklanges hineinläuft.

Auf der klanglichen Ebene schließlich fügt sich alles, was auf der Erzählebene gebrochen scheint, zu einer einfachen harmonischen Einheit zusammen. Man darf auch diesen Aspekt interpretieren: Der Text ist von der ersten bis zur letzten Zeile musikalisch. Während des Lesens wird man fortgetragen von seinem leichten, konsequent gleichbleibenden Rhythmus – und damit lösen sich die von Urkräften getriebenen Widersprüche, die an keinem Familientisch oder Gerichtshof je zu bereinigen wären, im allumfassenden Klangerlebnis auf. (Man mache die Probe mit den obigen Zitaten.) Wer nach „Tatsachen“ fragt, klopfe sie aus den Erzadern des Textes, er lasse sich, Satz für Satz, in diesen Zauberberg hineinlocken, in diese vielstimmige Hymne, in der das Unsagbare unserer Welt in unendlich feinen Nuancen von Hell und Dunkel ineinanderfließt.

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