Berliner Orgie von Thomas Brussig, Piper, 2007Berliner Orgie.
Reportage-Roman von Thomas Brussig (2007, Piper).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 30.03.2007:

Ein Held wie ich
Thomas Brussig treibt Feldforschung auf dem Strich: "Berliner Orgie".

Sie heißen Monique, Bibi, Tita oder Carmen, Silvia de Sol oder Lilly de Luna. Sie kommen aus der Karibik, aus Thailand und Osteuropa. Ein paar Deutsche gibt es auch. Aber reden ist nicht die Hauptsache. Anmachen, abmachen, wegmachen (mit der Küchenrolle). Der Nächste bitte. Das Milieu hat seine immergleichen Schemen. Wie die Schriftstellerei, auch ihre Ausübenden sind Professionelle. Nur lassen sie gern ein wenig Zeit vergehen zwischen Erleben und Worte finden dafür. Und üblicherweise machen sie auch nicht so komplett die Nacht zum Tag und umgekehrt. Nur, wenn ein Boulevardblatt, "die größte Zeitung Berlins", einen Autor als Auftragsspanner auf Erkundungstour an Orte der Lust schickt. Thomas Brussig hat es getan, hat seiner Frau versprochen, es nicht zum Äußersten kommen zu lassen und ist zu Feldforschungen auf dem Strich ausgezogen.

Immendorff und Friedman sind ja auch noch da

Jeder Ostsozialisierte hat Erfahrung mit FKK, doch um im Westen anzukommen, muss man den Weg vom Wir zum Ich finden. Nicht mehr "Helden wie wir" heißt Brussigs Parole, sondern "Ein Held wie ich". Und im Schummerlicht der Bordelle Berlins ist man ja nicht allein mit seiner sozialistischen Vergangenheit. Wenigstens die Dialekte sind vertraut. Der Rest muss es werden. Michel Friedmans und Jörg Immendorfs Karrieren sind durch ihre Orgien auch nicht dauerhaft geknickt worden.

Wenn man schon von höchster Stelle als "Balzac vom Prenzlberg" apostrophiert wurde, kann man sein Revier ruhig ausdehnen. Odysseus hat ja früher auch widerstanden. Ohnehin gucken Schriftsteller immer nur zu. So wird es ein Stationenpanorama: vom "Laufhaus Hase" durch die Oranienburger Straße mit dem Verkehr ihrer "Bordsteinflamingos" zu Topless-Bar, Puff, Pornokino, Table Dance schließlich zum Sex- und Wellnesstempel "Artemis", wo Bedenken und Vorurteile verfliegen und eine utopische Vision des Gewerbes schon Gegenwart ist. FFK-, private, Swinger- und Edelclubs, Escortdamen und Hobbyhuren, das ganze Spektrum des Druckausgleichs 2006 um die Fußballweltmeisterschaft herum. Schubumkehr im Mann-Frau-Verhältnis: Hier macht sie die Regeln und am Ende hat er doch nicht gekriegt, was er wollte.

Da geht es dem Bordellbesucher ungefähr so wie dem Brussig-Leser diesmal. Der hat zwecks Spesenminimierung vor Ort viel Kaffee getrunken und Champagner den dienstleistenden Damen gelassen. Doch das ist schon die einzige Parallele zu Balzac. Es fehlen weitgehend fesselnde Geschichten. Es fehlen Witz, Verve und Originalität. Es fehlt die Tiefenschärfe der Nachtarbeit im Tageslicht. Wir lesen eine flotte Stoffsammlung als Reportagenreigen, einen Guide für den Hauptstadtausflug des VW-Vorstandes, ein echtes Gelegenheitsbuch. (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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