Berlin
Alexanderplatz.
Roman von Alfred Döblin (dtv/2004,
S. Fischer).
Besprechung von Hartmut Ernst, Homepage Kübelreiter:
Vielleicht der erste deutsche
Großstadtroman. Unter Einbeziehung neuer Techniken (Collage und Montage) zeichnet der
Arzt Döblin ein expressionistisches Gemälde einer Stadt, die quasi als Personifikation
des Bösen den Einzelnen in den Strudel von Sünde und Schuld zieht. Der Strafentlassene,
Franz Biberkopf, ist weniger Handelnder als Behandelter: Sein Weg ist determiniert und
vorgezeichnet. Die überall und jederzeit präsenten Präfigurationen seines Versagens
begleiten ihn sowohl auf der "realen" Handlungsebene (einer Gaunerstory aus dem
Berliner Untergrundmilieu), als auch auf der Ebene traumatisch-traumhafter Assoziationen
und Phantasmagorien.
Das Zusammengesetzte, Komponierte, des Romanes läßt bereits die Gebrochenheit und
Uneinheitlichkeit der modernen Welt sichtbar werden, der ein geordnetes und einheitliches
Ganzes nicht mehr verfügbar ist. Psychologisch wird der Roman dort, wo er mit der Gewalt
auktorialen Erzählens in der personalen Erzählperspektive untergeht und versinkt:
Biblische Versatzstücke tauchen an der Oberfläche des verarbeitenden Bewußtseins ebenso
auf, wie Fragmente modern-technischer Lebenskultur. Es gibt keine Mitte mehr, keine
Zentralperspektive, aus der heraus sich das Geschehen ordnen oder bewerten ließe. Die
nihilistische, und gleichwohl mythologisch garnierte Figur des Todes, der die Pläne und
Sehnsüchte des Menschen Biberkopf (der doch eigentlich "gut sein will") immer
wieder zerbricht und auf ihre Echtheit hinterfragt, repräsentiert indessen jene fehlende
Mitte, deren Nicht-Darstellbarkeit zum großen Problem der Moderne wird.
Indessen illustriert der Roman zugleich die Auslöschung des Individuums und seines
Strebens inmitten einer unübersichtlich gewordenen Welt. Der anfängliche Austritt des
Strafentlassenen Biberkopf aus der Haftanstalt in die inzwischen grundsätzlich
veränderte Welt ist paradigmatisch: Der Mensch hält den Belastungen der modernen Welt
auf Dauer nicht stand, wenn er sich selbst bewahren möchte. Erlösung ist zuletzt ein
vage erhofftes Verschwimmen der Grenzen von Realität und Fiktion. Die Handlung löst sich
auf, indem der Text sich auflöst.
Daß das Buch aktuell und empfehlenswert ist, ist angesichts des Gesagten wohl nicht mehr
zu begründen
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