Berichte aus der dunklen Welt von Dževad Karahasan, 2007, SuhrkampBerichte aus der dunklen Welt.
Roman von
Dževad Karahasan (2007, Suhrkamp - Übertragung Brigitte Döbert).
Besprechung von Jörg Plath aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2007:

Unsichtbares Herz
Für Dževad Karahasan ist Bosnien nicht nur dunkel

Als Enes seinen zwei Freunden die Geschichte eines grausamen Wesirs erzählt, holt er weit aus, verspricht aber schon bald einen kurzen und bündigen Schluss, so lehre es schließlich die Rhetorik - um dann noch zwei weitere Geschichten einzuflechten, eine länger als die andere. In diesem wiederholten Aufschub des Endes, in der Verschachtelung der Geschichten und Ebenen, im Verknüpfen des Entferntesten mit dem Nächsten, im Umschlag des Alltäglichen in das Wunderbare lässt sich die Unendlichkeit erahnen und jener Reichtum, auf die alle Sehnsucht und alle Imaginationskraft in Dževad Karahasans neuem Buch Berichte aus der dunklen Welt zielen.

Seit der Schriftsteller und Professor für Dramaturgie 1993 widerstrebend aus dem belagerten Sarajewo floh, reist er mit jedem seiner Bücher dorthin zurück. Die bosnische Heimatstadt lebt in seiner Prosa weiter. Ihre Kultur der spannungsreichen ethnischen Vielfalt und seinen Auszug aus ihr hat er in dem Tagebuch der Aussiedlung beschrieben. Seine Romane Schahrijars Ring und Sara und Serafina erzählen von Liebe und Tod in und zu der Stadt, und in Der nächtliche Rat hat er zuletzt mit den Mitteln des Horrorromans an die Opfer der Kriege in Bosnien erinnert. Karahasan, der inzwischen in Graz wohnt und einige Wochen im Jahr an der Universität Sarajewos unterrichtet, vermählt das Fragmentarische, die Vielstimmigkeit und Polyperspektivik der westlichen Moderne mit den ausgreifenden Erzähltraditionen des Orients, insbesondere der sufischen Mystik.

Im Mittelpunkt der Berichte aus der dunklen Welt steht erneut Bosnien. Die vier Erzählungen verbinden das kleine Land mit der Gewaltgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte. Enes' ausführliche Erzählung vom Wesir Dželaduddin-Pascha findet sich im vierten und letzten Bericht. In einer Kneipe in Sarajewo, gestört von UN-Angestellten, die sich wie üblich unangenehm laut gebärden, streiten drei Freunde über das Ausmaß des Hasses zwischen Menschen und Religionsgemeinschaften in Bosnien. Sie erzählen sich Geschichten aus der Gegenwart, dann dem 9. Jahrhundert, in dem Harun al-Raschid und Karl der Große Gastgeschenke wechselten, und schließlich aus dem 19. Jahrhundert, in dem der grausame Wesir einen Elefanten als Geschenk erhielt und sich in ihn verliebte. Weil Enes als Kind immer am Grab des Wesirs in seiner Heimatstadt vorbeigelaufen ist, bringt er in Istanbul alles über dessen Liebe zu einem Elefanten in Erfahrung. Am Ende ist ihm der anfangs verhasste osmanische Okkupant und Henker der bosnischen Intelligenz beinahe sympathisch.

Vor diesem Ausflug in das 19. Jahrhundert (und dem Abstecher zu Karl dem Großen) konzentrierten sich die ersten drei Berichte aus der dunklen Welt auf das 20. Jahrhundert. Der dritte erzählt von dem Serben, der 1914 aus Hass auf den Vielvölkerstaat den österreichischen Thronfolger in Sarajewo ermordete und damit den Ersten Weltkrieg auslöste. Davor ist im zweiten Bericht die Rede von dem Wunsch eines jungen Mannes, im belagerten Sarajewo durch den Tod erlöst zu werden, und im ersten von der Depression eines Kriegsflüchtlings in Italien. Wie ein ins Wasser geworfener Stein ziehen die Erzählungen immer weitere Kreise und verwandeln immer größere Bezirke der Vergangenheit in Vorgeschichte: aus den Neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, aus der Nachkriegszeit, fällt der Blick zurück und streift in den Lebensgeschichten den Aufbau des jugoslawischen Sozialismus, den Spanischen Bürgerkrieg, die Konzentrationslager der Nationalsozialisten, den Ersten Weltkrieg, die österreichische und die osmanische Herrschaft. Im Mittelpunkt all dieser mit leichter Hand erzählten Ereignisse aber, dort, wo der Stein aufs Wasser trifft, liegt Bosnien und mit ihm die Kriege, die es zerstörten. Das ganz und gar unwichtige Land ist winzig - und enthält die Welt.

Das ist natürlich eine dunkel-mystische Vorstellung. Karahasan trägt sie mit leuchtender Überzeugungskraft und ziemlicher Gerissenheit vor. Man muss nicht unbedingt Bosniake zu sein, um ihm darin zu folgen. Aber es ist ziemlich unmöglich, nicht ins gläubige Staunen zu geraten. Im Nachwort, einem Essay, der die vier Berichte kommentiert, schreibt Karahasan, "dunkle Welt" sei eine häufige metaphorische Bezeichnung für Bosnien und zugleich für den geheimnisvollen Ort der eleusinischen Mysterien oder den von Parzifal gesuchten Gral. Solche Zwischenwelten besäßen wie Bosnien einen "Überschuss an Sinn und diesen betonten Mangel an Wirklichkeit. Wie soll man das erklären", fragt der listige Erzähler, "wenn nicht mit der Prämisse, dass die dunkle Welt eben doch kein halbmythischer Begriff der alten Kulturen ist, sondern etwas real Gegebenes, eine innere Welt, die Bosnien als ihre materielle Widerspiegelung zum Vorschein bringt?"

Freundlich insinuierend stellt dieser Cicerone die Mystik als der Weisheit letzten Schluss vor: Das kleine Land ist das Zentrum der europäischen Leidens- und Gewaltgeschichte, weil es zugleich Bild einer inneren Welt ist, das "sichtbare Abbild des unsichtbaren Herzens der Welt". Alle äußere und alle innere Welt laufe hier zusammen. Natürlich könne niemand die Frage beantworten oder entscheiden, ob sein Heimatland tatsächlich die "dunkle Welt" sei, schränkt Karahasan zuvorkommend ein. Und seine "Berichte" lieferten nur "schemenhafte Hinweise" für eine Antwort. Aber er habe ausschließlich von wahren Ereignissen und den Schicksalen existierender Menschen erzählt.

Selten hat sich Karahasan klarer über seine Poetik geäußert. In ihr ist die Kultur des untergegangenen Sarajewo auf romantische Weise bewahrt: Das zerstörte Bosnien ist zum dunklen, undurchdringlichen Hintergrund geworden, aus dem der Künstler seine Gestalten und Geschichten formt. Der Verlust ist zur Voraussetzung der Neuschöpfung gewendet: dem melancholischen Metaphysiker wird ein ganzes Land zur leitenden Idee. Kein Wunder, dass Karahasans Prosa, dieses Kind des ethnischen Hasses und seiner Folgen, obsessiv um jedwede Art von Beziehung zwischen Menschen kreist (und dabei - bis auf zwei, drei Ausnahmen - glücklich Sentiment und Pathos vermeidet).

Enes' Erzählung von dem grausamen Wesir wirkt im Konzert der anderen zwei Geschichten im vierten Bericht wie eine Antwort oder eine Frage, eine Bemerkung oder auch ein Symbol. Worauf, wofür, wozu oder wovon? Das lässt sich nur mit Blick auf die anderen Geschichten entscheiden - und mit einem jener Blicke in die dunkle Welt, wie sie dieses leicht wirkende und ungemein suggestive Buch von Dževad Karahasan erlauben will.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0801 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau