Berge Meere Menschen von Maria E. Brunner, 2005, Folio

Berge Meere Menschen.
Roman von Maria E. Brunner (2005, Folio Verlag).
Besprechung Beatrix Simonsen aus Rezensionen-online *LuK*, 2005:

Von der Schattseite
Prosa von Maria E. Brunner

Berge und Meere sind oft benutzte literarische Klischees - als Hintergrund für den alpenländischen Heimatroman einerseits, als Sehnsuchtsmotiv für ein leichteres Leben im Süden andererseits. Die gebürtige Südtirolerin Maria E. Brunner, die mehrere Jahre in Sizilien lebte, lässt solche Klischees in ihrem ersten Roman "Berge Meere Menschen" an einer ebenso realistischen wie sprachlich direkten Darstellung zerschellen.

Ihr Roman nimmt in der Enge der Südtiroler Berge seinen Anfang. Im Mittelpunkt steht die Dreiecksbeziehung Kostherr - Kostfrau - Kostkind. Die unfruchtbare Jungbäuerin wird von der kleinhäuslerischen Besatzung des Einödhofes verachtet und geschmäht und knüpft ihre letzten Hoffnungen an den Freiheitsdrang des angenommenen Ziehkindes. In ihm möchte sie den eigenen Wunsch nach Selbständigkeit verwirklicht sehen. Der unnachgiebige Jungbauer herrscht über seinen Hof mit eiserner Hand, die Bäuerin erduldet wehrlos, ihre Rache besteht in der dürftigen Unterstützung des Kindes, dessen Schulbesuch zum Ausgangspunkt für den Aufbruch in die Unabhängigkeit wird.

Maria E. Brunner zeigt die Negativseite des Bergpanoramas. Hinter Postkartenklischees verbirgt sich eine dumpfe Atmosphäre, in der Menschen sich ausgeliefert und ausgebeutet fühlen. Hier lebt nur, wer das Erbe zu pflegen oder wer sich verdingt hat - "hinterhältig" die einen, "gottergeben" die anderen. Man beugt sich jahrhundertealten Traditionen und ergibt sich in festgefahrene Hierarchien und Lebensanschauungen.

Die Modernität hält mit den Vertretern der landwirtschaftlichen Hauptgenossenschaft und übermotorisierten Traktoren Einzug und so mancher Bauer unterschreibt sein Todesurteil im Hinblick darauf, "immer schon der größte gewesen zu sein". Die Fremdenverkehrswirtschaft übertüncht geschäftstüchtig das ausgemergelte Bauerntum und lässt mit Landesgeldern in aller Eile "Kloschüsseln mit Naßzelle" für den "Aktivurlaub" ausbauen. Zu all dem kommt noch die Situation des geteilten Grenzlandes: "...Bücher und Altkleidersammlungen trugen zur Ausbildung unserer gesunden Bergbauernjugend in volklich gemischten Sprachgrenzdörfern bei." In einem weit ausholenden Rundumschlag berührt Maria E. Brunner alle wunden Punkte ihrer Heimat und räumt mit allen Romantisierungen über die schöne, heile Bergwelt schmerzhaft gründlich auf.

Die Autorin erzählt die Geschichte des Kostkindes mit dem notwendigen Abstand für ein solches Thema. Sie lebt heute in Deutschland, als Professorin für deutsche und italienische Literatur. Die Übersetzung des sizilianischen Autors Vincenzo Consolo ("Bei Nacht von Haus zu Haus", 2003) hat ihren eigenen Stil geprägt. In einer unnachahmlichen Mischung aus Strenge und Poesie beobachtet sie Situationen und Menschen. Eine Allgemeingültigkeit versucht sie dadurch zu schaffen, dass keine Namen genannt werden. Weder die Menschen noch die Orte sind benannt, was manchmal zu steifen Umschreibungen führt, andererseits die Anonymität wahrt. Immerhin ist Maria E. Brunners Romanerstling eine scharfe Kritik am engstirnigen Bauerntum, dessen Blick ganz offensichtlich von "aufdringlichen und vermessenen" Bergen verstellt wird. Der Vergleich mit Franz Innerhofers "Schöne Tage" drängt sich auf. Maria E. Brunners "Kostkind" wird in einer ähnlichen Situation der Leibeigenschaft gehalten, wobei das Mädchen nicht nur als Arbeitskraft sondern auch als Sexualobjekt herhalten muss. Thematisch mag Brunner von einer ähnlichen Situation wie Innerhofer ausgehen, ihre Sicht jedoch ist eine weibliche, ihr Kampf um die Befreiung der Hauptfigur nimmt einen anderen Verlauf.

Nach und nach, in wiederkehrender Vorausschau führt die Erzählung heraus aus dem unseligen Bergland, als das ehemalige Kostkind, jetzt eine junge Frau, den Absprung findet. Sie nimmt den Zug und fährt so weit das Land sie trägt, um auch wirklich unerreichbar für diejenigen zu sein, die sie zurückgelassen hat. "Die Insel" wird ihre Stätte der Zuflucht, aber nicht der Bleibe. Immer wieder wird sie "nach Hause", wo sie doch nie einen eigenen Platz für sich hatte, zurückgerufen. Nur auf diesen endlos langen Zugfahrten zwischen Bergen und Meeren, nur in dieser Ruhelosigkeit, kann das ehemalige Kostkind - so paradox es klingt - zu sich finden. Die kargen Beziehungen zu Menschen und Männern verunglücken an der Heimatlosigkeit der jungen Frau und an den sich wiederholenden Unterdrückungsmechanismen. Die anfängliche Hoffung, auf der Insel ein leichteres Dasein zu finden, löst sich bald auf. Hitze und Wüstenhaftigkeit engen das Leben "unter dem Vulkan" ein, machen das Atmen schwer. Das Sehnsuchtsmotiv des Südens verrutscht zu einer schrillen Szene des Überlauten und Überhellen. Hier ist es die Fremdheit der Sprache, wie es in der Heimat die Schwere der Sprache war, die das Aufeinanderzugehen unmöglich macht.

Sprachlosigkeit ist allgegenwärtig, da wie dort. Demnach finden Dialoge nicht statt. Ruckartig ausgestoßene Aussagen, einzelne hingesprochene Sätze bleiben ohne Antwort. Maria E. Brunner schreibt eigenwillig, schmucklos, hart und gerade, die Sätze nicht von Beistrichen unterbrochen. In manchmal abgehackten, dann wiederkehrenden Sequenzen rollt sie die Geschichte des Kostkindes auf, wechselt die Schauplätze zwischen Bergen und Meeren, je nach Erinnerung oder Rückkehr. Eine Suche, ein Vergleich, eine Flucht, eine Wiederkehr, eine Stellungnahme, eine genaue Beobachtung. Eine Gültigkeit liegt in der Erzählweise, die nichts beschönigt aber auch nichts dramatisiert. Tief aus dem Innern scheint die Sprache der Erzählenden zu kommen, aus einer schweren und dumpfen Atmosphäre von Abhängigkeit und Unterdrückung, so als wäre der Damm des Schweigens endlich gebrochen. Die Sprache ist sperrig und zugleich poetisch verdichtet. Nirgendwo ein leichtes Wort, nirgendwo eine leichte Seele. Nur die Hoffnung: "Erst wenn sie alles hinter sich werfen und alles verbrennen würde dann konnte sie eintreten bei sich selber. Ihr Reich würde kommen."

Ingeborg Bachmann klingt hier an, das Motiv der "weiblichen Todesarten" in der Gesellschaft. Maria E. Brunner lässt ihre Hauptfigur durch die Hölle gehen. Aus dieser Perspektive lässt sich die Nuancenlosigkeit erklären, die keinen Schimmer einer Positivseite erkennen lässt. Brunner wirft in ihrem Roman die Vergangenheit des Kostkindes vor dem Hintergrund von Bergen, Meeren und Menschen auf den Scheiterhaufen.

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