Kritische Gesamtausgabe von Walter Benjamin, 2009, SuhrkampWerke und Nachlass.
Kritische Gesamtausgabe von
Walter Benjamin (2009, hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Bd. 10: Deutsche Menschen. Hrsg. von Momme Brodersen. 2009, Suhrkamp, – Bd. 8: Einbahnstrasse, hrsg. von Detlev Schöttker unter Mitarbeit von Steffen Haug, 2009, Suhrkamp).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in der Neue Zürcher Zeitung vom 4.05.2010:

«Ungeschickt lässt grüssen»
Das «bucklichte Männlein» und die neue Edition der Schriften Walter Benjamins

Leben und Denken des Philosophen, Literaturwissenschafters, Medientheoretikers, Schriftstellers und Essayisten Walter Benjamin (1892–1940), der zu einer Zentralgestalt der kritischen Theorie wurde, bevor die Studentenbewegung seinen revolutionären Marxismus gegen seine messianische Geschichtstheologie auszuspielen begann, lassen sich aus der Perspektive zweier komplementärer Figuren umreissen; sie stehen an prägnanten Stellen seines fragmentarischen Werkes. Es handelt sich um eine autobiografische und eine geschichtsphilosophische Figur.

Deutsche Menschen, Bd. 10 der Kritischen Gesamtausgabe von Walter Benjamin, 2009, SuhrkampGeschick und Ungeschick

Das Schlussstück von Benjamins «Berliner Kindheit um neunzehnhundert», postum 1950 erschienen, ist dem «bucklichten Männlein» gewidmet, jener grausenerregenden Gnomengestalt, auf die das Berliner Kind in dem «Deutschen Kinderbuch» Georg Scherers gestossen war – Scherer seinerseits hatte sie der romantischen Liedersammlung «Des Knaben Wunderhorn» von Achim von Arnim und Clemens Brentano entnommen.

Das «bucklichte Männlein» ist in unterirdischen Kellerlöchern, in Nacht und Traum zu Hause, wo es sein auf Schaden und Schabernack versessenes Unwesen treibt. Von den neun Strophen des gereimten romantischen Anti-Märchens zitiert Benjamin vier, in denen das Männlein Unheil anrichtet, beispielsweise dem Kind Essen und Trinken wegnimmt oder das Suppentöpflein zerbricht. Das berührte das heranwachsende Berliner Kind Walter Benjamin vor allem deswegen fatal, weil seine Mutter jede seiner Ungeschicktheiten, wenn es wieder einmal etwas zerbrochen hatte oder es hingefallen war, kommentierte, freilich ohne vom «bucklichten Männlein» zu sprechen: «Ungeschickt lässt grüssen.»

Einbahnstraße, Bd. 8 der Kritischen Gesamtausgabe von Walter Benjamin, 2009, SuhrkampIn der Tat: Benjamin war ungeschickt, und zwar nicht bloss als Kind. Und er hatte ein Geschick, das Ungeschick war. Gleichwohl steht am Schluss des Benjaminschen Textes wie des romantischen Liedes die Bitte des Männleins an das «liebe Kindlein», für es mitzubeten, eine überraschend fromme und mitfühlende Wendung der Dinge. Die Bitte scheint von Benjamin erhört worden zu sein.

Das komplementäre geschichtsphilosophische, geschichtstheologische Bild, es ist kein Gegenbild, steht in seinen ebenfalls postum veröffentlichten «Thesen über den Begriff der Geschichte». In der neunten These erzählt der Autor von einem Bild Paul Klees, es befand sich in seinem Besitz, das «Angelus novus» heisst. Der Engel der Geschichte muss für ihn wie der Kleesche «Neue Engel» aussehen. Er blickt auf die Relikte einer Katastrophengeschichte, die wie in der Geschichte vom «bucklichten Männlein», wenn auch in anderem Massstab, alles kurz und klein schlägt und Trümmer auf Trümmer häuft. Wohl möchte der Engel der Geschichte das Zerschlagene wieder zusammenfügen. Allein, es bleibt dabei, dass der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das Ungeschick der Geschichte lässt grüssen. Die beiden komplementären Bilder fügen sich nur zu biografischen und epochalen Unheilsgeschichten zusammen.

Der Benjamin-Forscher Jean-Michel Palmier hat es in einem monumentalen Buch (NZZ 20. 1. 10) unternommen, das Verhältnis von Ästhetik und Politik bei Benjamin, zugleich die charakteristischen Konturen der Biografie: der Tragödie eines deutsch-jüdischen Intellektuellen, aus der Perspektive des Benjaminschen Engels der Geschichte und seines «bucklichten Männleins» zu umreissen. Die ebenfalls Benjaminsche Figur des «Lumpensammlers» fügt er noch hinzu. Wenigstens von ihm ist zu erhoffen, dass er die Nachlassbruchstücke von Werk, Biografie und Geschichte in seinem Lumpensack sammeln und so halbwegs vor Vergessen und endgültiger Zerstörung retten wird. Bruchstücke allerorten.

Das hängt mit dem fragmentarischen, widersprüchlichen Charakter von Benjamins Denken zusammen. Die divergierenden Tendenzen – dialektischer Materialismus und Messianismus, Marxismus und Theologie –, die sich in der Geschichte von Benjamins Freundschaften mit Gershom Scholem und Theodor W. Adorno einerseits, Asja Lacis und Bertolt Brecht andererseits spiegelten, waren nicht zusammenzuzwingen. Benjamin war selber sein «bucklichtes Männlein», sein scheiternder «Engel der Geschichte».

Die Bruchstückhaftigkeit gilt unvermeidlich auch für die kritische Benjamin-Gesamtausgabe. Sie wurde 2008 bei Suhrkamp mit einem editorisch eher einfachen Text begonnen: Benjamins Berner Dissertation «Über den Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik». Nun ist sie mit Benjamins vor der NS-Zensur getarnter, scheinbar national aufgerüsteter, exemplarischer Briefsammlung «Deutsche Menschen» und der «Einbahnstrasse», der Sammlung seiner philosophischen Lesestücke, integral fortgesetzt worden. Die ausserordentlich schwierige Edition der «Berliner Kindheit um neunzehnhundert» und der «Thesen über den Begriff der Geschichte» steht allerdings noch aus, ganz zu schweigen vom unüberschaubaren, nur annähernd rekonstruierbaren «Passagen»-Werk. Die Benjamin-Edition wird in der kritischen Gesamtausgabe konsequenterweise, indem sie das Werk auf seine Vorstufen, Varianten und Fragmente zurückführt, zum «bucklichten» Zerbrechen, zur Vergegenwärtigung der Trümmer der Geschichte, die auch von einem Engel der Geschichte nicht mehr zusammenzufügen sind, aber nach Benjamins Idee einer «rettenden Kritik» gerade als solche gesammelt, aufbewahrt, eben gerettet werden.

Am Ende

Benjamins Leben war nicht zu retten. Sein suizidales Ende in Port Bou vor der zwangsweisen Rückführung nach Vichy-Frankreich und der Auslieferung an die deutschen Mörder zeigt sich in atemverschlagender Weise als die finale Geschichte vom «bucklichten Männlein». Wie oft hatte bei Benjamin nicht das «Ungeschickte» gegrüsst. Wie «ungeschickt», ausgerechnet in der Verkleidung eines hoffnungslos intellektuell wirkenden Matrosen in Marseille dem verhängnisvollen Geschick entkommen zu wollen. Wie deprimierend das Ende des Weges über die Pyrenäen-Vorberge, den Schmugglerpfad der «Route Lister», in die vermeintliche Freiheit. Wie chancenlos der Versuch, wenigstens jene vielzitierte schwere schwarze Leder-Aktentasche unbekannten Inhalts zu retten, die Benjamin wichtiger als sein Überleben war.

Selbst die Geschichte von Benjamins Grab auf dem Friedhof von Port Bou wirkt wie bestimmt vom «bucklichten Männlein». Dort ist aus der siebenten These über den «Begriff der Geschichte» zu lesen: «Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.» Wie wahr: Das Zitat wurde auf dem Grabstein mit gleich zwei Fehlern rebarbarisiert: «ein solcher Dokument der Barberei». Das «bucklichte Männlein» hatte ein weiteres Mal über den Engel der Geschichte gesiegt.

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