Ben von Annika Scheffel, 2010, KookbooksBen.
Roman von Annika Scheffel (2010, Kookbooks).
Besprechung von Roland Mischke aus der WAZ vom 21.08.2010:

Was Frauen wollen: Liebespassionen
Zwei Romanautorinnen schreiben über das weibliche Gefühl in Zeiten der Unverbindlichkeit

Wo ist er, der richtige Kerl? Der in der Liebe klar stellt, wo es lang geht, der die Hosen anbehält, auch wenn er ab und zu mal aus ihnen schlüpft. Katja im Buch von Anke Stelling, 39, hat ihn bei Kamenz in Sachsen gefunden, den Sektenapostel und Guru Gernot. Der Gutgebaute packt sich das "Siebzigerjahreauslaufmodell" mit dem Satz "Du siehst müde aus, Mädchen". Dann vögelt er ihr, man muss es so schreiben, die Seele aus dem Leib.

Die Gleichberechtigung wird zurückgegeben

Katja ist ihm schnell hörig, unterwirft sich seinem Sektencredo und schreibt ihren besorgten Eltern einen Abschiedsbrief: "Ich habe in mich hinein gehorcht und entschieden, alle Freiheiten, das Recht auf Selbstbestimmung und die Chancen der Gleichberechtigung an euch zurückzugeben und mich ganz dem himmlischen Herrn zu unterwerfen. Was ihr versucht habt, war ein Experiment, das in meinem Fall leider gescheitert ist." Was machen Eltern mit solchen Nachwuchsbotschaften?

Der Macho hat sich das Mauerblümchen genommen, aber glücklich machen kann er es nicht; das betrachtet er auch nicht als seine Aufgabe. Was Katja Gernot imponiert, ist sein Herrschaftswille: Er will von den Seinen und seiner Magd schweigende Hingabe, Demut und Gehorsam.

Katja muss mit ihm schlafen, wann er will, sich als schmutzige Schlampe beschimpfen lassen, putzen und das Vaterunser aufsagen. Im Geschlechtsakt ist ein "Halleluja" fällig, danach ein "Amen". Katja ist nicht gläubig, fügt sich aber. Die Hochbegabte, die über ihre eigene Klugheit "kotzen" musste, hat ihren Mister gefunden. Er ist ein Halt, das erlöst von endlos kreisenden Gedanken. Katja braucht nicht mehr mit ihrem Schicksal zu hadern, sich nicht mehr mit ihrem Körper zu quälen und ihrem wachen Geist zu plagen. Nur noch hinzugeben, in Gernots Arme zu sinken und mit dem Exkünstler und selbsternannten Prediger und dessen evangelikaler Erlöstentruppe ins Zungenlallen, die Engelssprache, zu verfallen.

Anke Stellings Roman ist wie ein Faustschlag gegen die überliberalisierte Gesellschaft. Sachlich und lakonisch schreibt sie die Liebespassion ihrer Unheldin, verzichtet auf alle sich anbietenden psychologischen Erklärungen und Moralgehuber und will einfach nur provozieren. Das liest sich weg wie nichts, auch wenn hier ein Mensch beschrieben wird. Aber das einstige Kinderladenkind, die Einserschülerin und Studienfreundin von Lars, der ihr Spagetti und Pudding kochte, hat neben dem schnarchenden Missionar endlich eine wahre Vorstellung vom Leben erlangt.

Faustschlag gegen die liberalisierte Gesellschaft

Lea liebt Ben, obwohl sie ihn beinah mit dem Fahrrad überfahren hätte. Annika Scheffel, 27, führt uns in ihrem ersten Roman einen ganz anderen Typ Mann vor, einen Träumer auf Dauerflucht vor der Realität, kindisch und von Bindungsangst gepeinigt. Lea lässt ihn, wie im Märchen, Proben bestehen, dann beschert sie ihm die Erlösung, den Kuss als "Schlüssel" zu allem.

Das erlöst auch Lea selbst, die stets mit den falschen Männern die Nächte verbrachte. "Zu viel Rotwein trinken, sich in der Ausdruckstanzphase im Kreis drehen und vielleicht später an der kollektiven Weltschmerz-Selbstmitleid-Elegie teilnehmen." Das schien ihr Schicksal zu sein, aber Ben tolpatschte dazwischen.

Mit Schalk und Charme breitet die Autorin die versponnene Geschichte aus, die durchweg märchenhafte Züge trägt und doch nahe dran ist an der Wirklichkeit. Aber in diesem Stil ist die Erzählung von einem großen Jungen, dessen Persönlichkeit noch klein ist, und einer jungen Frau, die als Nestflüchterin ein eigenes Nest bauen will, erträglicher. Die Gefühlshemmungen, die Lebenslähmungen - nur in einer Art Liebespassion sind sie zu überwinden. Ohne Schmerzen geht es eben nicht.

Bemerkenswert ist aber auch hier, wie bei Anke Stelling, die Nüchternheit in allem. Junge Frauen von heute suchen weniger die Romantik, sie suchen Sinn in Paarungsbeziehungen. "Gib mir Liebe", heißt es, "gib mir Hass und Zorn und Wut und Haarausfall." Ein mutiges Debüt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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