...beladen
mit sendung/Dichter und armes Schwein.
Über Werner
Riegel (1988, Haffmans, hrsg. von Peter
Rühmkorf).
Besprechung von Michael
Braun, 1988:
Die vergessene Revolution der
Lyrik
Zur Aktualität von Rainer
Maria Gerhardt und Werner
Riegel
Die Geschichte der
Nachkriegsliteratur beginnt mit einem verhängnisvollen Pakt zwischen Geist und
Macht: Eine politische und ästhetische Antwort auf die faschistische Barbarei
bleibt nach 1945 aus, statt dessen geben Dichtung und Kritik der politischen
Restauration schöngeistigen Flankenschutz. Während in der Gruppe47 das Wort
"Kahlschlag" die Runde macht (ohne daß es zu einem wirklichen
Neubeginn kommt), begibt sich die Poesie mit blattvergoldeten Worten in die
lyrische Provinz und sucht Zuflucht in "Silberdistelklausen" (F.G. Jünger)
und anderen ornamentalen Fluchtburgen eines falschen Traditionalismus. In diese
kleine heile Welt der naturlyrischen Schwärmer bricht 1948 in kulturrevolutionärer
Absicht ein literaturbesessener Student aus Freiburg ein, gerade 21 Jahre jung: Rainer
Maria Gerhardt propagiert in seiner Zeitschrift 'fragmente` eine
kosmopolitische Vision moderner Dichtung. Als junger Frontsoldat war der 1927 in
Karlsruhe geborene Gerhardt zu Titos Partisanen übergelaufen. Jetzt, nach
seiner Rückkehr aus der Hölle des Krieges, stürzte er sich zielstrebig auf
die moderne Literatur, die ihm von den Machthabern in Hitlerdeutschland
vorenthalten worden war. Für seine frühen literarischen Versuche erhielt er
bereits 1946 den Jugend -Literatur-Preis der Stadt Wien. 1947 kam er als Gasthörer
an die Universität Freiburg und lernte dort Claus
Bremer kennen - jenen Claus Bremer, der später als experimenteller Lyriker
und Dramaturg von sich reden machte und heute als freier Schriftsteller und
Redakteur der Literaturzeitschrift 'orte` in Zürich lebt. Zusammen mit Bremer
gründete Gerhardt 1948 die "gruppe der fragmente" und gleichzeitig
die Zeitschrift 'fragmente`, die zunächst als hektographiertes Kleinst-Journal
an Freunde und Bekannte verteilt wurde. In Freiburg begegnet Gerhardt auch einem
jungen Kommilitonen, der sich mit noch unveröffentlichten Gedichten in einem
studentischen Lyrik-Wettbewerb profiliert hatte, aber vorläufig noch eine
akademische Karriere anstrebte: Hans
Magnus Enzensberger. Um 1950 beginnt Gerhardt dann den transatlantischen
Dialog mit den avantgardistischen Dichtern Nord-Amerikas, den Poeten von
"Black Mountain College", einer privaten Kunst- und Literaturakademie
in North Carolina: Er korrespondiert regelmäßig mit Charles Olson, Robert
Creeley und Jonathon Williams. In diesem poetischen Briefwechsel kritisiert
Olson die esoterischen Höhenflüge seines deutschen Schülers Gerhardt:
"Die aufgabe, Gerhardt / ist genau zu sein, gleich / von anfang an ... /
magie, mein leichtfingriger faust, / wirkt nicht so einfach sympathetisch."
1951 investiert Gerhardt sein intellektuelles und finanzielles Kapital in die
Neukonzeption der 'fragmente` als (gedruckte) 'internationale revue für moderne
dichtung`.
Dem ersten Heft fügt er einen poetologischen Essay bei, der sein ehrgeiziges
Programm resümiert: "Das abenteuer des geistes hat neu begonnen, es mag
vielleicht schon für tot erklärt worden sein ... Die neue welt ist identisch
mit der von Benn
demonstrierten ausdruckswelt, die einzige realität des dichters ist die realität
des gedichts, der einzige wille da zu sein der wille zum gedicht, und die
einzige ordnung die ordnung des gedichts."
Die Hefte der 'fragmente` bilden später die Eckpfeiler jenes "Museums der
modernen Poesie", das Hans Magnus Enzensberger 1960 eingerichtet hat.
In Heft1 der neuen 'fragmente` veröffentlchte Gerhardt in meist eigenen Übersetzungen
Gedichte von Ezra Pound,
Henri Michaux, Saint
John-Perse, Rafael Alberti
und William Carlos Williams. In der kleinen Schriftenreihe 'fragmente Taschenbücher`
erscheinen schmale Bände von Confucius, Claire
Goll, Ezra Pound und
Wolfgang Weyrauch.
Besessen von der Idee, den restaurativ gesinnten Kulturverwaltern der
Adenauerzeit eine kulturelle Lektion zu erteilen, versuchte der Kleinverleger
Gerhardt im Alleingang die anvancierte Poesie der europäischen und
amerikanischen Moderne in ein Land zu importieren, das kurz zuvor nur an der
Liquidierung authentischer Kunst interessiert war.
Unterdessen wird in Hamburg im Dezember 1952 das literarische Endzeit-Projekt
des "Finismus" aus der Taufe gehoben: Mit ihrer Zeitschrift 'Zwischen
den Kriegen`, ähnlich wie die frühen 'fragmente` ein hektographiertes Heft mit
einer Auflage von 200 exemplaren, starten die bis dato unbekannten Dichter Werner
Riegel und Peter Rühmkorf
einen fulminanten Angriff auf die "Stromlinienspießer" der
Nachkriegsliteratur. Trotz verwandter literarisch -ästhetischer Positionen
(beide waren glühende Verehrer von "Big Benn" und Arno
Schmidt) hat Rainer Maria Gerhardts und Werner Riegels Kampf gegen den
kulturellen Biedersinn der Adenauerzeit zu keiner gemeinsamen Basis gefunden.
Die poesivernarrten Einzelgänger der fünfziger Jahre, beide erklärte Feinde
des opportunistischen Kulturbetriebs, verharrten in ihren privaten
Literatur-Universen, ohne die gemeinsame Zielrichtung ihrer politischen Ästhetik
zu erkennen. In einem seiner "astralen Essays" (Rühmkorf), neben
deren rhetorischer Brilianz und polemischer Schärfe sich das gepflegte Parlando
heutiger Literaturkritik blamiert, hält Riegel unerbittlich Gericht über die
Lyrik seiner Zeit. Sein Rundumschlag trifft nicht nur die harmlose Feld-, Wald-
und Wiesenlyrik der eskapistischen Naturdichter und die konservativen "Metafiesiker
der Holthusen, Eich
und Holzköpfe ad infinitum", sondern auch die so apostrophierten
"Formalisten": "Am andern Ende des Stranges, zum Aufhängen ist
das, ziehen die Formalisten, die mit Vorsatz Langweiligen, die Hochstapler der
Sprache, ... die Schnell und Leichtfertigen der 'Fragmente`, die Nebligen, die
Qualligen, der 'Konturen`, die Ausgewogenen, die auf Quatsch Geeichten vom
'Lot`. Sie geben typographische Mätzchen für Revolution der Lyrik aus,
Interpunktionszeichen für Gedanken, die Senkgrube unter ihrer Schädelplatte für
Bregen, Kalauer für Esprit, Anleihen aus dem Gilgameschepos für das prälogische
Genie ihrer Hirnrinde und Phrenesie für Dichtung.
Sie schreiben klein und karriert, sie schreiben mit geschlossenen Augen und dem
linken Fuß, sie montieren nach dem Kursbuch und den Knöpfen auf ihrer
Wollweste; vor der kulturellen Not dieser Zeit gehen immer ihrer sieben auf
Kovals Lot. Und, alle in allem mit Hut und Hieroglyphen der einen, der gräßlichen,
der Napfkuchenform verfallen: sich möglichst unverbindlich an formalen Gesetzen
vorbeizuschwindeln."
Im polemischen Feuerwerk, das Riegel hier abbrennt, werden auch die
unbestreitbaren Verdienste der von ihm verspotteten Zeitschriften eingeäschert.
Denn dies bleibt festzuhalten: Rainer Maria Gerhardts 'fragmente` haben zusammen
mit der von Alexander Koval in Berlin herausgegebenen Zeitschrift 'Das Lot` -
und eben mit den 'Blättern gegen die Zeit` der Firma Riegel / Rühmkorf das
Terrain für die lyrische Moderne in Deutschland erschlossen. Hier fand er
statt, der Neubeginn der Sprache, der poetische Aufbruch und Umbruch zur Moderne
hin, - allerdings ohne daß der damalige Literaturbetrieb davon Notiz genommen hätte.
Denn die kulturrevolutionären Programme der 'fragmente` und der 'Blätter gegen
die Zeit` wurden von den Verwaltern des Kulturrestauratoriums, für die Rilke
das Nonplusultra modernen Dichtens darstellte, geflissentlich ignoriert. Riegel
fand immerhin noch privaten Zuspruch bei einigen Überlebenden der
expressionistischen Epoche (bei Hanns
Henny Jahnn, Alfred Döblin,
Richard Hülsenbeck
und Kurt Hiller), dagegen stießen die 'fragmente` allerorten auf dumpfe
Ignoranz. Einzig der Romanist Ernst Robert Curtius erkannte die epochale
Leistung R.M. Gerhardts. Im Juli 1951 schreibt er in einer Rezension über das
erste Heft der 'fragmente`: "Seit der Menschheitsdämmerung von Kurt
Pinthus ist mir keine so erfrischende modernistische Manifestation vorgekommen
wie das vorliegende Heft." Da ansonsten positive öffentliche Resonanz auf
seine Arbeit ausbleibt, lastet bald ein ziemlich großer Schuldenberg auf
Gerhardt.
Seine Verlagsprojekte scheitern, tiefe Depressionen lähmen schließlich seinen
ungeheuren Arbeitseifer. Er verliert sein Zimmer in Freiburg, in dem er zusammen
mit seiner Familie lebte und ist für einige Zeit auf ein Zelt angewiesen. Am
17.1. 1954 erscheint in der 'Neuen Zeitung` ein demütigender Verriß der 'fragmente`
aus der Feder des Literaturkritikers Helmuth de Haas: "Weltorientierung?
... Nein! Knäblein -Lyrik, Zeltorientierung, Spätzeitkitsch ...
Psychistensauce, anarchisch heraufgespült. Kennwort: Auch Ariadne trank
Coca-Cola auf Lesbos." In aussichtsloser Lage entschließt sich Rainer
Maria Gerhardt am 27.Juli 1954 zum Freitod. Seiner Frau Renate und seinen beiden
Söhnen Titus und Ezra Gerhard hinterläßt er 40.000DM Schulden aus der
Verlagsarbeit. In ungeahnt tragischer Weise erfüllt sich der prophetische Satz
aus Gerhardts poetologischem Essay: "Dichtung ist heute ein lebensgefährliches
beginnen, die schreckschüsse der dadaisten sind noch nicht verhallt, und eine
furchtbare wahrheit steigt herauf, ein vers von erheiternder pracht und großer
faszination kann morgen das todesurteil seines dichters sein".
Ein unrühmliches Beispiel für das Ressentiment, das dem Einzelgänger Gerhardt
entgegenschlägt, liefert auch Gottfried
Benn. Gerhardt hatte in den 'fragmenten` Benns Essay Doppelleben
angepriesen, die Statischen Gedichte, (die 1948 erschienen waren), jedoch als
"rückgriffe" und "sentiment" verworfen. Im September 1949
und noch im Juli 1950 hatte sich Benn in Briefen bewundernd über die 'fragmente`
geäußert. Kaum aber wird er gewahr, daß an seiner Dichter-Imago gekratzt
wird, distanziert sich Big Benn eiligst von der "Neutönerei" und dem
"rezidivierenden Dadaismus" des poetischen Nachgeborenen Gerhardt.
Dabei gibt es mehr Parallelen zwischen Benns und Gerhardts Poetik, als es die
gegenseitigen Distanzierungen vermuten lassen. Die Vision Gerhardts von der
Dichtung als "kulturelle einheit, quer durch alle sprachen und räume"
trifft sich mit Benns Überzeugung von der "eigentümlichen Nähe aller
Kunstdinge innerhalb des ganzen Kulturkreises von der frühägyptischen Plastik
bis zu den Zeichnungen Picassos, von den Hymnen des Mittleren Reichs und den
hebräischen Psalmen bis zu den Gedichten von Ezra
Pound". Die weitgespannte Gebärde, die im Gedicht die Bruchstücke aus
Kulturgeschichte und Wissenschaft mit Mythologemen, Namen und Zitaten zusammenführen
soll, basiert für Benn wie Gerhardt auf dem "Montagestil". "Der
Stil der Zukunft", dekretiert Benn in Doppelleben, "ist der
Roboterstil, Montagekunst". Ebenso Gerhardt: "Montagestil bedeutet
nicht formauflösung, sondern steigerung und äußerste disziplin der
form." Die rigorose Handhabung des "Montagestils" führt in
Gerhardts eigenen Gedichten dazu, daß allerlei Bildungsgut angeschwemmt wird,
ohne in eigener Formgebung strukturiert und neu bearbeitet zu werden. Die
hochgespannte Beschwörung der poetischen Urahnen bleibt oft in der bloßen
Remineszenz stecken. IV
Auch Werner Riegel erliegt der magischen Anziehungskraft des überlebensgroßen
Dichter-Idols Benn. Der archimedische Punkt seiner poetologischen Reflexionen:
"Benn als Problem des Lyrikers." So der Titel eines Essays aus Heft22
von 'Zwischen den Kriegen`, erschienen im November 1955. Der Partisan einer
modernen "Lyrik nach Benn" vermochte zuletzt dem Bannkreis des
Meisters nicht zu entrinnen. Die scheinbar unerschöpflichen Kräfte des
angriffslustigen Polemikers und Benn-Adepten Riegel, tagsüber als Bürobote der
Firma Arnold Otto Meyer ("Südfrüchte, Häute, Gewürze"), nachts als
Dichter und "zynischer, sarkastischer Finist, Negativist, Sensualist,
Desperado" tätig, waren rasch aufgebraucht. Am 11.Juli 1956, nur vier Tage
nach Benn, starb er im Alter von 31 Jahren an Krebs.
Stefan Hyner, ein poetischer Nomade aus der Heidelberger Provinz, ist zusammen
mit dem unermütlichen Helmut Salzinger seit 1984 den fast verwehten Spuren R.M.
Gerhardts gefolgt. In drei Jahren geduldiger Recherche reiste Hyner quer durch
die USA, um noch lebende Freunde und Kollegen Gerhardts aufzusuchen und nach
verschollenem Material zu forschen. Das Resultat dieser Recherchen liegt jetzt
vor: eine Dokumentation Über das Nachleben des Dichters Rainer Maria Gerhardt -
drei hektographierte Hefte, eingeschlagen in hellbraunes Packpapier. Der
"Fall Gerhardt" hat indes bis heute seine tragischen Züge behalten:
Denn die gegenwärtigen Inhaber der Urheberrechte am Werk von Gerhardt, seine Söhne
Titus und Ezra Gerhardt, haben mit einer "Einstweiligen Verfügung"
bis auf weiteres die Verbreitung der Dokumentation untersagt. Der "Fall
Gerhardt" droht damit juristisch stillgestellt zu werden: Über einen
visionären Dichter und Verleger, der mitten im kulturellen Mief
Adenauerdeutschlands die Revolution der Lyrik ausrief, wird erneut das öffentliche
Schweigen verhängt. Wer Gerhardt lesen will, bleibt vorerst auf spärliche
Einzelveröffentlichungen in Zeitschriften ('Akzente`, Heft3, 1956) und schwer
zugänglichen Anthologien (Hans
Benders Widerspiel erschienen 1962) angewiesen. Daß diese schmalen Teile
seines Werkes überhaupt noch greifbar sind, verdanken wir im wesentlichen Walter
Höllerer, der in den fünfziger und sechziger Jahren mehrfach auf Gerhardt
hingewiesen hat. Für die literarische Rehabilitierung R.M. Gerhardts ist aber
die umfassende Neuveröffentlichung all seiner Texte notwendig: Die Neuausgabe
seiner beiden Gedichtbände Der tod des hamlet (1950) und umkreisung (1952)
ebenso wie ein Reprint sämtlicher 'fragmente` und eine Edition seines
Briefwechsels.
Während dem Werk von R.M. Gerhardt weiterhin das Recht auf literarische Öffentlichkeit
verweigert wird, bemüht sich Peter
Rühmkorf zum zweitenmal (nach 1961) um die Wiederentdeckung des
Pamphletisten und Lyrikers Werner
Riegel: diesmal mit einem schön gestalteten (aber bibliographisch
unzureichend edierten) Auswahlband bei Haffmanns. Für den Literaturbetrieb und
seine Generalagenten sind Gerhardt und Riegel erledigte Fälle, marginale
Episoden aus den Goldenen Fünfzigern. Den literarischen Irrtum derjenigen,
deren Horizont nur bis zum Ende der jeweiligen literarischen Saison reicht, gilt
es zu korrigieren. Denn erst jetzt kommen die Impulse aus der modernen
angloamerikanischen Lyrik, die Gerhardt vor über dreißig Jahren emphatisch
aufgegriffen hatte, in der deutschsprachigen Literatur allmählich an, werden
etwa die Gedichte von Robert
Creeley (bei Residenz) neu übersetzt. Und von den Tugenden
literaturkritischer Polemik, die Riegel souverän exerzierte, könnten heutige
"Kliteratur"-Kritiker nur lernen. Bis dahin gilt das Verdikt, das
Riegel über meine Zunft verhängt hat: "Die Second-Hand-Gebildeten unserer
Epoche zeigen das Prachtalbum der abendländischen Kultur jedem Besucher, aber
nie schauen sie selbst hinein."
Rezension I Buchbestellung I home III04 LYRIKwelt © Michael Braun