Bekenntnisse eines Pedanten.
Erzählungen und Essays von Johannes Urzidil (1972, Artemis).
Zugabe von Manfred Papst in Neue Zürcher Zeitung vom 30.8.2009:

Vorzüge der Pedanterie

Erinnern Sie sich noch an den böhmischen Schriftsteller Johannes Urzidil, der 1896 in Prag geboren wurde und 1970 in Rom starb? Er hätte es verdient. Er war ein ungewöhnlicher Mensch und ein wunderbarer Erzähler. Begonnen hatte er als Expressionist in Kurt Wolffs Reihe «Der jüngste Tag». «Sturz der Verdammten» hiess sein pathetischer Erstling. «Das hast du sehr hübsch zusammengestellt», soll sein hilfloser Vater damals gesagt haben.

Später fand Urzidil zu einem nüchterneren, dabei nicht weniger poetischen Stil. Er schrieb ein gewichtiges Buch über Goethe in Böhmen und die massgebende Monografie über den barocken Kupferstecher Wenzeslaus Hollar. Als Sohn eines deutsch-böhmischen Vaters und einer tschechisch-jüdischen Mutter musste er vor den Nazischergen fliehen. Über England gelangte er nach Amerika. In seinen reifen Jahren schuf er ein eindrückliches Werk, das aus dem Roman «Das grosse Halleluja», etlichen Erzählbänden («Die verlorene Geliebte», «Das Elefantenblatt») sowie funkelnden Essays («Da geht Kafka») besteht.

Ich könnte Ihnen stundenlang von diesem zu Unrecht vergessenen Autor schwärmen. Ich tue es nicht, sondern komme nur kurz auf eine kleine Schrift von ihm zu sprechen.

Aus Urzidils Nachlass publizierte Hansres Jacobi den schönen Band «Bekenntnisse eines Pedanten». Im Titel-Essay dieser Sammlung spricht Urzidil über seinen Ordnungsfimmel. In seinen Wohnungen musste jedes Ding an seinem Platz sein. Freunde spotteten, bei ihm sehe es aus wie im Museum. Kein Bild durfte schief hängen. Sein Schreibtisch war drei Meter lang und wurde von einer Kavalkade weiterer Tischchen umgeben. Mappen und Briefbeschwerer bestimmten das Bild. Es sah aus wie beim Generalstab. Die Bücher standen in den Regalen wie Bataillone, die Bleistifte lagen, nach Grösse und Farbe ausgerichtet, streng geordnet da.

War das nicht furchtbar aufwendig? Im Gegenteil, sagt Urzidil: Er sei nur aus Bequemlichkeit ordentlich. Zu faul zum Suchen! Und er beruft sich dabei auf Leonardo da Vinci, Michelangelo und Goethe: Sie alle seien sprichwörtliche Pedanten gewesen. Unordnung dagegen, meint er, sei schuld an allem Unglück der Menschheit: «Die ewig Schlüssel suchenden Frauen sind der Untergang des Abendlandes, die Quellen alles Zuspätkommens, aller gestörten Ouverturen, überflüssiger Autotaxikosten, schwerster Neurosen und zerrütteter Karrieren.»

Das klingt nun freilich recht verschmockt und misogyn. Aber habe ich Urzidil auch korrekt zitiert? Verflixt, wo ist sein Buch jetzt schon wieder?

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