|
|
Bekenntnisse
eines jungen Schriftstellers.
Vorlesungen von Umberto Eco (2011,
Hanser - Übertragung
Burkhart Kroeber).
Besprechung von Katharina Erlenwein aus den Nürnberger
Nachrichten vom 3.1.2011:
Umberto Eco ist ein Glücksfall. Für die Literatur, weil er überaus spannende, mit einer Unmenge historischer Fakten angereicherte Romane schreibt, die weltweit ein Millionenpublikum erreichen. Und für die Wissenschaft, weil er in lockerem Stil, gern auch mit Selbstironie, vom hochkomplexen Stoff der Semiotik erzählen kann, so dass sich auch interessierte Laien nicht langweilen. Zudem noch für die Medien, denn der alte Herr gibt sich gut gelaunt, seines frischen Geistes selbstgewiss, aber selten arrogant für Gespräche her und verfasste selbst Beiträge, etwa die „Streichholzbriefe“ für die Zeitung L’Espresso.
Bekannt über
Universitäts-Hörsäle hinaus wurde der Autor 1980 mit seinem Schmöker „Der Name
der Rose“. An die Raffinesse und den Erfolg seines Erstlings, den er erst mit
knapp 50 Jahren veröffentlichte, kamen die folgenden Romane „Das Foucaultsche
Pendel“, „Baudolino“, „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“ oder jüngst
„Der Friedhof in Prag“ nicht ganz heran. Lust macht es dennoch, in ihnen den
Gelehrten, einen wahren homme de lettres, auf verschlungenen Pfaden von Historie
zur Fantasie und zurück zu folgen.
Wie der 1932 im Piemont geborene Kulturtheoretiker und Medienwissenschaftler
seine Romane schreibt und was die Literatur für ihn im Gegensatz zur Forschung
bedeutet, erzählt Eco in seinen jetzt unter dem koketten Titel „Bekenntnisse
eines jungen Schriftstellers“ erschienenen Vorlesungen, die er 2008 an der
Universität von Atlanta hielt.
Darin wird erneut klar,
warum Eco den Spagat zwischen Fakten und Fiktion liebt. Schon mit seiner
Doktorarbeit über mittelalterliche Ästhetik erregte er Unwillen bei einem
Prüfer, weil er seine Erkenntnisse wie einen Detektivroman schilderte. Dem
Prinzip ist er in theoretischen Werken treu geblieben. „Jedes wissenschaftliche
Buch muss eine Art whodunnit sein“, so Eco.
Umgekehrt geht er in seinen Romanen wie ein Wissenschaftler vor: Für „Der Name
der Rose“ besuchte er unzählige Klöster, für „Die Insel des vorigen Tages“
reiste er an die Datumsgrenze in die Südsee, und zwar zu genau der Jahreszeit,
die für den Verlauf der Geschichte unabdingbar war.
Dass die Fiktion historisch möglich sein könnte, ist Eco wichtig. Von Lesern,
die nach den (natürlich erfundenen) „Originalschauplätzen“ seiner Bücher suchen
und meinen, sie gefunden zu haben, kann er seitenweise erzählen und hat ganz
offensichtlich seinen großen Spaß daran.
Gleichzeitig spielt der belesene Gelehrte in seinen Romanen lustvoll mit den
Standards der europäischen Literatur: Alte Handschriften, die irgendwo
auftauchen, Gedächtnisverluste, die durch Schriften oder Bilder wiedererlangt
werden, überraschende Begegnungen, die sich als schicksalhaft erweisen — Eco
beherrscht die Klaviatur und klimpert mit einem Augenzwinkern darauf.
Der Reiz seiner Bücher ergibt sich aus dem Metier, in dem er zuhause ist. Der
Inhaber der weltweit ersten Professur für Semiotik befasst sich schließlich mit
den komplexen Verflechtungen von Geschichte, Geschichten und deren Rezeption.
Umberto Eco erforscht sie nicht nur, sondern lenkt seine Leser mit List und Lust
durch die spannende Welt der Schriften. Dabei taucht er keineswegs nur
weltentrückt in die Historie ab: Seine kritische Stimme zählt nach wie vor,
nicht nur im krisengeschüttelten Italien.
Die vollständige Besprechung von Katharina Erlenwein mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0112 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten