1.) - 2.)
Bekenntnisse
des Hochstaplers Felix Krull.
Roman von Thomas Mann (1922/1954).
Besprechung von Hartmut Ernst, Homepage Kübelreiter:
Dieses für
Thomas Manns Verhältnisse sehr leichtfüßige Spätwerk (1954) steht in deutlicher
Tradition der Schelmenromane. Aus humorvoll-ironischer Distanz zeichnet der Autor
augenzwinkernd und amüsant ein von vielen heiteren bis absurd-grotesken Einfällen
durchzogenes Panoptikum der bürgerlichen Welt, die ihre spießige Unbeweglichkeit damit
bezahlen muß, von einem Gernegroß wie dem Protagonisten Krull an der Nase herumgeführt
zu werden. Damit ist bereits angedeutet, daß es dem Buch nicht "nur" um
zweifellos gekonnte und kurzweilige Unterhaltung geht, sondern auch eine Prise
Sozialkritik beigemischt ist, die dem Genre eigentümlich ist, insofern die Figur des
Schelms bzw. des Narren (vgl. Hermann Botes "Till Eulenspiegel") dafür
prädestiniert ist, Fehler und Mängel der Zeitgenossen bzw. der Gesellschaft aufs Korn zu
nehmen und zu entlarven.
Der als Parodie einer auf den schönen Schein bedachten und mit ihren eigenen Waffen
(nämlich vor allem der Präferenz der Sekundärtugenden sowie der vordergründigen
Selbstdarstellung) geschlagenen Gesellschaft angelegte Roman ist in seiner leisen Komik
zugleich eine Persiflage des narzißtischen und amoralischen Künstlers, dessen Erfolg
sich einzig dadurch legitimiert, daß die Menschen gerne betrogen sein wollen.
So ist etwa die berühmte Szene, in der Krull sich bei der Musterung durch einen
vorgetäuschten Anfall dem unliebsamen Wehrdienst entzieht, paradigmatisch für die
differenzierte Entlarvung der Täuschungsmechanismen, die nur so lange funktionieren, wie
das System unfähig ist, seine eigenen Grundannahmen und Wertmaßstäbe nicht infrage zu
stellen.
Die quasi episodisch angelegte Sequenz von "Streichen" (auf hohem Niveau) bietet
neben ihrer Kurzweiligkeit die Möglichkeit, durch eine Steigerung eine Dynamik der
Amoralität und Gewissenlosigkeit darzustellen, die zwar wegen der relativen Harmlosigkeit
der Taten Krulls nicht dramatisch zugespitzt ist, aber immerhin dem Leser Raum läßt,
über die Folgen des Mißbrauchs der Gutgläubigkeit nachzudenken.
Krulls hauptsächliches "Operationsfeld", ein Hotel, bietet dem Autor natürlich
alle Möglichkeiten, alle Register seines erzählerischen und schöpferischen Könnens zu
ziehen. Die Figurenzeichnung ist zwangsläufig klischeehaft und eindimensional, da die
Rolle des Schelms (anders als im Bildungsroman) keine Entwicklung durch Zuwachs an
Erfahrung ermöglicht, sondern einen von Anfang an "mit allen Wassern
gewaschenen" Helden erfordert, dessen Aufgabe lediglich darin besteht, sich die
Umstände im Zusammenhang mit seinen effizient eingesetzten Möglichkeiten für ein
Optimum an Eigennutz dienstbar zu machen.
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2.)
Bekenntnisse des
Hochstaplers Felix Krull.
Roman von Thomas Mann (1922/1954/2000 -
Fischer TB)
Besprechung von Thomas Liehr,
Homepage tomliehr:
Nur ein paar kurze Worte, denn zu diesem Buch ist sicherlich andernorts
und von weitaus berufenerem Munde schon mehr gesagt worden, als eigentlich nötig ist.
Titelheld Felix Krull ist ein junger, fast androgyner Schönling von einigem Talent, der
in seiner Kindheit dem schwelge- und verschwenderischen Leben seiner luxusgewöhnten und
leicht lebensfremden Eltern beiwohnen darf, einer Sippschaft, die leicht zu täuschen ist
und sich der verblendeten Oberflächlichkeit mit Haut und Haar hingibt. Schon früh lernt
Felix, seine fast schon chamäleonhaften schauspielerischen und figurwandlerischen
Fähigkeiten zu vervollkommnen, täuscht perfekt Krankheiten vor, um sich vor der Schule
zu drücken und später, nach dem konsequenten Zusammenbruch des väterlichen
Schaumweingutes, epileptische Anfälle, um der Wehrpflicht zu entgehen - berühmt geworden
durch Horst Buchholz' Darstellung in der ersten Verfilmung der satirischen Biographie.
Das zweite Talent Krulls besteht in seiner hohen Sprach- und Sprechbegabung. Krull ist ein
rechter Schwätzer, aber ein wohlformulierender Schwätzer; diese Fähigkeit erreicht
ihren Klimax am Ende des Romans, der ja nur ein Fragment darstellt ("Der Memoiren
erster Teil"), als Krull der wunderhübschen Professorentochter Zouzou einen langen
Vortrag über das Wesen der Liebe hält und sie dieserart, neusprachlich ausgedrückt, in
die Horizontale quatscht. Kurz vorher hat er den portugiesischen König so lange
vollgefaselt, daß er sogar einen Orden dafür bekam.
Die "Bekenntnisse" lesen sich leichthin, viel leichter, als etwa der
"Zauberberg", sie sind deutlich vulgärer, satirischer, doppelbödiger, aber ihr
fragmentarischer Charakter nimmt einen Gutteil des Lesespaßes, denn die vorliegenden 400
Seiten von einer unvollendeten Biographie reizen an und machen Lust, erfüllen sie aber
nicht, da an ihrem Ende noch nicht einmal alle dramaturgische Aufbauarbeit vollbracht ist,
worüber die fast schon unfaßbare sprachliche Brillanz auch nicht hinwegtröstet. Nähme
man es genau, erzählten die "Bekenntnisse" die - bis dahin - eigentlich recht
höhepunktearme Lebensgeschichte eines zwanzigjährigen Industriellensohnes, der gut
aussieht und recht eloquent ist, in seiner Kindheit aber zu faul war, etwas Anständiges
zu lernen, weshalb er seine späte Jugend damit verbringt, die Kunst der Täuschung zu
vervollkommnen, um auf diesem Wege etwas zu erreichen, das ihm sonst verwehrt geblieben
wäre, nämlich die Zugehörigkeit zu einer "höheren" Klasse oder Schicht, mit
deren augenzwinkernden Definition sich ein Gutteil des Romans befaßt.
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