Bei uns in Auschwitz von Tadeusz Borowski, 2006, SchöfflingBei uns in Auschwitz.
Erzählungen von Tadeusz Borowski (2007, Schöffling&Co. - Übertragung Friedrich Griese).
Besprechung von Oliver Pfohlmann aus der NRZ vom 12.03.2007:

Mit der Bestie Arm in Arm
Die frühen Auschwitz-Erzählungen des Polen Tadeusz Borowski neu übersetzt.

Ich ging mit dem Ball zurück und gab ihn zur Ecke. Zwischen zwei Eckbällen hatte man hinter meinem Rücken dreitausend Menschen vergast." Ein ungeheuerlicher Satz. Geht das, darf man das, so ungerührt und zynisch vom Holocaust schreiben? Und gab es wirklich Häftlinge, die im KZ Fußball spielten? Ja, die gab es. Die Erzählungen des Polen Tadeusz Borowski, bei Schöffling in einer Neuübersetzung erschienen, sind aus der Sicht der Funktionshäftlinge geschrieben. Ein erzählerischer Kniff, der die gewohnte Trennung zwischen Tätern und Opfern unterläuft. Die von der SS eingeführte Lagerhierarchie machte die Häftlinge durch Vergünstigungen gefügig; wer sich durch Cleverness und Rücksichtslosigkeit einen Posten ergattern konnte, wurde Mittäter auf Zeit, ging "mit der Bestie Arm in Arm", wie Borowskis Ich-Erzähler schreibt.

Kertesz bewunderte Borowski

Er ist einer von ihnen. Er weiß, wie man Dinge organisiert und mit welchen Sachen sich Handel treiben lässt. Die Alteingesessenen bewundert er, für die "Muselmänner" oder die Neuankömmlinge hat er nur Verachtung übrig. Wie für den alten Mann aus einem Transport, den ein SS-Mann zur Eile anhält: "Der Alte nickt, zieht sich die Hose hoch und eilt mit komisch wirkenden Trippelschritten hinterher. Man schmunzelt belustigt beim Anblick eines Menschen, der es auf dem Weg zur Gaskammer so eilig hat." Ein paar Tage lang werde das Lager von diesem Transport leben, Schinken und Würste, Konfitüren und Obst verzehren, heißt es am Ende.

Dass Borowskis Erzähler den Namen Tadeusz trägt, dass das wenige, was man von seinem früheren Leben erfährt, mit der Vita seines Autors übereinstimmt, verleitet dazu, sie für autobiografisch zu halten. Tatsächlich gehörte der 1922 geborene Borowski, der mit 20 erst nach Auschwitz, dann nach Dachau verschleppt wurde, als nicht-jüdischer Pole, als "Politischer" zu den Privilegierten. In einem Vorwort betont er jedoch die Fiktionalität seiner Texte. Diese scheinbar amoralischen Erzählungen bezeugen jedoch die Verrohung und Verführbarkeit des Menschen im Angesicht des Todes.

Imre Kertész, ein Bewunderer Borowskis, hat viele Jahre gebraucht, ehe er über seine Erlebnisse schreiben konnte. Borowskis Erzählungen dagegen gehören zu den frühesten Zeugnissen der Shoah, sie entstanden Ende der 40er Jahre und erschienen 1963 erstmals auf Deutsch unter dem Titel "Die steinerne Welt". Trotzdem blieb der Pole, der sich 1951, kaum 28-jährig, das Leben nahm, der unbekannteste Klassiker der Holocaust-Literatur. Unverständlich, warum der Verlag den Erzählungen zwar kenntnisreiche Anmerkungen, aber kein über den Autor informierendes Nachwort beigegeben hat. (NRZ) 

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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