1.) - 5.)
Beim Häuten
der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter
Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
16.08.2006:
Die launische Dame Erinnerung
Schuld und Bühne: "Beim Häuten der
Zwiebel" von Günter Grass ist mit 150 000 Exemplaren in den Verkauf
gegangen.
Der beste Grass seit der "Blechtrommel": Fast tänzerisch kreist der große alte Mann der Literatur den jungen Burschen ein, der er in Danzig war. Als Pimpf, in der HJ, später in der Waffen-SS, in Kriegsgefangenschaft. Aber der läuft ihm immer wieder weg, verweigert die Auskunft, flüchtet "in sich hinein, wo viel Platz ist für Versteckspiele." Oder er rettet sich auf den Schoß der Mutter und ruft: "Ich war doch ein Kind nur, nur ein Kind..." Der alte Mann aber bleibt hartnäckig. Er erwischt den Jungen, der in Uniform gern die Blicke auf sich zog, sich fernab vom Schulalltag endlich ernst genommen fühlte. Grass stellt ihn, er stellt sich: "Meine Tat lässt sich nicht zur jugendlichen Dummheit verwinzigen."
Bestseller mit Ansage
"Beim Häuten der Zwiebel", die Selbst- und Lebensbeschreibung des 78-Jährigen, nimmt noch einmal die schwere Last auf, die immer weniger auf der deutschen Seele liegt. Wie Schuld entsteht und wie launisch "die Dame Erinnerung" ist: Daran arbeitet sich dieses Buch kunstvoll ab.
Einerseits.
Dann aber, Grass kommt aus dem Kriegsgefangenlager, geht es immer weiter, bis zum Erscheinen der "Blechtrommel" 1959. Sechs lange Kapitel lang und ein Dutzend Lebensjahre, in denen das Buch kein Thema mehr hat, sondern nur noch einen Helden, der alles wichtig macht, was um ihn herum passiert. Und der Held heißt: Ich.
Auch ohne den Enthüllungs-Coup vorneweg wäre das Buch in einer Rekord-Startauflage von 150 000 Exemplaren erschienen. Freilich erst in zwei Wochen. Aber selbstverständlich musste der Steidl Verlag das Buch ausliefern, bevor die Spannungskurve wieder nach unten geht. Manche Buchhandlungen verkauften ihre Exemplare wegen der Nachfrage schon am Montag: Bestseller mit Ansage.
Grass, der "lebenslang Geschichten mit unterschiedlichem Wahrheitsgehalt zu erzählen" wusste, wie er es gegen Ende nennt, beginnt seine Erinnerungen anders als Goethe nicht mit der Geburt, sondern mit dem Ende der Kindheit: Als er zwölf ist, bricht um sein Danzig herum der Krieg aus. Alles ist noch ein großes Abenteuer - bis Grass sich die Hosen seiner Waffen-SS-Uniform vollpinkelt, weil ihm zum ersten Mal die Granaten einer Stalinorgel um die Ohren fliegen. Dass ein Lehrer im KZ verschwand, dass einer "Nein" sagte und kein Gewehr in die Hand nahm, die Erinnerung an brennende Synagogen - nichts machte ihn stutzig, nichts hielt ihn vom Mitmachen ab. Durch viele farbige, deftige, barocke, ja drollige Episoden in typischer Grass-Manier zieht sich das Kopfschütteln des peinlich genauen Erinnerungsforschers, das Fragezeichen wird zum Leitmotiv, das "Weißnichtwie" zum Refrain des Bekenntnisses. Dichtung und Klarheit. Dass er "nicht wissen wollend Anteil an einem Verbrechen hatte", begriff er erst, als in Nürnberg den Nazis der Prozess gemacht wurde.
Würfeln mit Ratzinger
Ansonsten schildert Grass genüsslich die drei Arten seines Hungers - nach Essen, Sex und Kunst - und wie er ihn stillte. Einmal, im Kriegsgefangenenlager von Bad Aibling, will er mit dem jungen Soldaten Joseph Ratzinger unter der Zeltplane Kümmel gekaut haben, gegen den Hunger, und gewürfelt, um die Zukunft: Der eine wollte Künstler und berühmt werden, der "Kumpel Joseph" dagegen "Bischof und noch mehr". Wieder und wieder kaut Grass auf dieser Haut der Zwiebel herum, als wolle er Benedikt XVI. auf offener Bühne zu einer Reaktion reizen.
Wie es ihn später nach Düsseldorf verschlägt, die Steinmetzlehre am Werstener Friedhof, die angebrannte Milchsuppe im Caritas-Heim am Rather Broich, der Kunstakademieschüler, der Tanzbodenfeger Grass, der als Waschbrett-Trommler in der Altstadt einmal mit Louis Armstrong jazzte, das Kleid, das er seiner Anna vom ersten Literaturpreis kaufte, und die erste Olivetti-Schreibmaschine - all das passiert immer hastiger, immer blasser und nicht ohne eitel zelebrierte Geschwätzigkeit Revue. Einen Grass hält kein Lektor der Welt mehr auf. Wer will, erfährt also, dass er aus Existenzialistenmode mit dem Rauchen angefangen hat und mit 50 auf die Pfeife umstieg. Dass jede der vier Mütter seiner vielen Kinder mit zwei Schwestern aufwuchs. Dass er nie einen Autoführerschein gemacht hat und trotzdem Urlaub in Italien, Frankreich und Spanien. So viele Häute hat nicht einmal die dickste Zwiebel. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung
***
2.)
Beim Häuten
der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter
Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger
Nachrichten vom 16.08.2006:
Gelungene Inszenierung der Medienprofis
Werbewirksam: Flut der Stellungnahmen zu den Enthüllungen von Günter Grass reißt
nicht ab
Der Sommerwirbel um die Enthüllungen von Günter
Grass in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ nimmt Tag für
Tag zu. Reporter machen sich auf, um den Nobelpreisträger auf seiner dänischen
Ferieninsel Mön aufzuspüren, wo sie erfahren, dass er hier gern seine 16 Enkel
um sich hat und zur Miete wohnt, „weil die Dänen Gott sei Dank ein Gesetz
haben, dass Ausländer keinen Grundbesitz erwerben dürfen“.
Auf jüngsten Fotos sieht der Schriftsteller nicht so aus, als würde ihn der mächtige
Medienauftrieb sonderlich beeindrucken. Er selbst hat ihn ausgelöst, in kluger
Regie und überzeugender Inszenierung. Der 78-jährige Grass gab - wie
republikweit zu lesen, zu hören und zu sehen ist - der FAZ ein zweiseitiges
Interview, worin er bekannte, dass er als 17-Jähriger in den letzten
Kriegsmonaten Mitglied der Waffen-SS war.
Unbekannte Fotos
In dem Gespräch, das FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher und
Literatur-Redakteur Hubert Spiegel mit dem Autor führten, geht es um einiges
mehr, aber nur die Bekenner-Passagen fanden ihren Niederschlag in einem
gewaltigen Medienecho. Schirrmacher selbst meldete sich flugs im Fernsehen zu
Wort, das Frankfurter Blatt kündigte für den 19. August eine achtseitige
Sonderbeilage mit Exklusivauszügen aus dem Buch an, das am 1. September
erscheint. Die Beilage soll Zeichnungen von Grass enthalten und unbekannte
Fotodokumente.
Die Buch-Rezensenten, die sich an Sperrfristen der Verlage, in diesem Fall der Göttinger
Steidl Verlag, halten müssen, stehen jetzt ziemlich ratlos da. Zum Starttermin
haben alle ihre Kritiken in petto und müssen sich nun fragen lassen, warum sie
nicht die brisanten Stellen erkannt und sofort publik gemacht haben. Es war
ihnen, so viel steht nach einem ersten Überblick fest, die Aufregung nicht
wert.
Schließlich hat Grass, so ein Argument derer, die seine Bücher seit langem
kennen, beim „Häuten der Zwiebel“ alte Schuldgefühle nur neu benannt,
Schuldgefühle, die ihn zu dem Autor gemacht haben, der er ist: Einer, der sich
mit Vehemenz auch politisch einmischt. Wie auch immer das Pro und Kontra jetzt
ausfallen mag, es wird jede Frage über die literarische Qualität eines Buches
überlagern, das der Leser noch gar nicht kaufen kann. Schon wird überlegt, ob
Suhrkamp den Gegenstand öffentlicher Erregung nicht früher auf den Markt
bringt. 150 000 Exemplare sollten ursprünglich in den Handel, vielleicht
kann es jetzt etwas mehr sein.
Der Coup im rasanten Mediengeschäft ist wieder einmal gelungen, und viele haben
bei diesem Spiel mitgewirkt. Dem berühmten Autor und seinem Verlag kann der
Rummel nur recht sein, „der geniale Medienprofi Grass“, wie ihn der
Historiker Christoph Stölzl nennt, ist in aller Munde. Er wird morgen in Ulrich
Wickerts erster Büchersendung in der ARD (22.45 Uhr) das Wort haben, auch im
Fernsehen hat man prompt reagiert. Die Premiere der Sendung wurde um drei Wochen
vorgezogen, um sich aktuell in die Debatte einzumischen. Einen besseren Start für
seinen neuen Job hätte sich der populäre „Tagesthe men“-Mann nicht wünschen
können. Ein Interviewpartner Grass verspricht in diesem Moment die höchste
Quote.
Die nicht abreißende Flut der Stellungnahmen reicht von Äußerungen des
Philosophen Rüdiger Safranski bis zu Kardinal Karl Lehmann. Der Ton schwankt
zwischen Entrüstung, und Verständnis, Besserwisserei ist auch dabei.
Wenigstens die königliche Nobel-Stiftung in Stockholm bleibt gelassen. Ein
Preis wird nicht wieder entzogen, hieß es knapp. So weit waren die Forderungen
in Deutschland schon gegangen.
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten
***
3.)
Beim Häuten
der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter
Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur,
18.8.2006:
Läuse
knacken mit Kumpel Joseph
Besser als ihr Autor: Günter Grass'
Selbstbiografie "Beim Häuten der Zwiebel
"Bis heutzutage bin ich ihr hörig. Stets wusste sie mehr von mir, als ich von mir wissen wollte." Darin besteht für manche Künstler die glückliche Fügung. Das Werk weiß mehr von ihnen, spricht aufrichtiger, ist wahrhaftiger als sie selbst. In dem Zitat ist von der Olivetti-Reiseschreibmaschine, Typ "lettera", die Rede. Jenem Gerät, auf dem Günter Grass bis heute - es gibt noch zwei ebenfalls "antike" Ersatzmaschinen - seine literarischen Texte verfasst, von der "Blechtrommel" (1959) bis zur Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel".
Dieses Werk hat der Schriftsteller soeben mit
einer einmaligen PR-Aktion in die Schlagzeilen lanciert. Seine in einem
FAZ-Interview spektakulär herausposaunte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS hat
dem Buch einen ersten Verkaufsboom beschert.
"Doch alles, was sich als im Krieg
überlebte Gefahr konserviert hat, ist zu bezweifeln."
Günter Grass
Denn diesem überraschenden Detail in seinem
Leben widmet der Schriftsteller immerhin eines von elf Kapiteln seiner
Autobiografie. Die Start-Auflage, 150 000, ist so gut wie vergriffen. Die
Zweitauflage wird bereits gedruckt. Grass' Kalkül ist aufgegangen.
Reden, reden, nochmals reden - damit konnte er schon als Junge Geld verdienen.
In der Heimatstadt Danzig, so ist in dem neuen Buch auch zu lesen, schickte ihn
die Mutter zu den säumigen Kunden ihres wenig einträglichen
Lebensmittelgeschäfts, um die Schulden einzutreiben. Er tat dies mit größtem
Eifer und Erfolg, denn ihm waren von der Mutter fünf Prozent Provision
garantiert. Und auch unmittelbar nach Kriegsende wusste der junge
"Heimkehrer", beim Schwarzhandel die Ware rentabel an den Mann zu
bringen. Denn Günter Grass konnte schon immer mit schönen Worten gut
verkaufen. Und jetzt bietet er den eigenen Makel feil.
Aber dieses Buch ist besser als sein Autor, hat mehr Charakter als er, wenn dem
"sanften Rechthaber", wie Grass sich hier bezeichnet, auch mitunter
Realität und Fiktion durcheinandergeraten. Nicht ganz absichtslos, denn:
"So halten sich Geschichten frisch. Weil unvollständig, müssen sie
reichhaltiger erfunden werden. Nie sind sie fertig. Immer warten sie auf
Gelegenheit, fortgesetzt oder gegenläufig erzählt zu werden."
Zwei Themen sind es, die vorab bereits als spektakulär eingestuft wurden. Das
eine ist die Waffen-SS, davon später, das andere die Bekanntschaft des Autors
mit Joseph Ratzinger. Grass will ihn, seinen gleichaltrigen "Kumpel",
der heute Papst ist, im amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Bad Aibling
getroffen haben. Dass er mit ihm "einige gedehnte Tage lang gemeinsam
Läuse geknackt" und "um die Zukunft" geknobelt habe, zieht sich
durchs ganze Buch: "Wir buddelten uns in ein Erdloch. Bei Regen hockten wir
unter einer Zeltplane, die ihm gehörte. Wir redeten über Gott und die Welt.
Wie ich war er Messdiener gewesen, er ausdauernd, ich nur aushilfsweise. Er
glaubte immer noch, mir war nichts heilig . . . Er sattelte ein Dogma aufs
nächste. Ich rief: Joseph, du willst wohl Großinquisitor werden oder noch
höher hinaus."
Wahrheit, Fantasie, Eitelkeit? Die Ratzinger-Passagen entspringen vor allem der
Lust an Möglichkeitsgeschichten. Am Ende des Buchs gesteht Grass, dass seine
Schwester, der er vor kurzem erst von seiner Papst-Verbindung erzählt habe,
diese Story lachend mit dem Satz quittierte: "Das ist wieder mal eine von
deinen typischen Lügengeschichten." Woraufhin er einräumte, dass er sie
zwar nicht beschwören könne, aber sie doch durchaus wahrscheinlich sei.
Es gehört zum Wesen von Autobiografien, dass sie Objektivität nicht besitzen.
Sie sind subjektiv erinnerte Vergangenheit. Woran, in welcher Form und in
welchem Ausmaß sich der Mensch an Gewesenes erinnert, entzieht sich Willen und
Vernunft, scheint zufällig.
"Doch mehr als Mama und Papa fehlte
uns, was unzulänglich in weiblichen Umrissen zu erträumen war: man hätte
ersatzweise schwul werden können."
Günter Grass
Haben wir es nun mit einem so versierten Geschichtenerzähler wie Günter Grass zu tun, können wir sicher sein, dass die Lücken in der Erinnerung aufgefüllt werden mit prallen, der eigenen dichterischen Vorstellung entsprungenen Lebensdetails. Und mit dem Gefühl, von dem der Schriftsteller heute meint, dass er es damals so oder so empfunden haben müsste. Das kann Grass, ohne dass er seine "Flunkereien" verheimlichen würde, ganz vortrefflich. Darum liest sich dieses Buch so gut. Darum berührt es, auch wenn das von Grass vorab inszenierte Gedonner nur abstößt. Darum nimmt es, paradoxerweise, gerade in jenem Kriegskapitel für ihn ein, dessentwegen er in die öffentliche Schusslinie geriet. "Und dann lag der Einberufungsbefehl auf dem Esszimmertisch . . .", erinnert sich Grass, der sich "freiwillig zum Dienst mit der Waffe" gemeldet hatte.
"Gegen Ende Februar wurden wir bei
Vollmond und klirrender Kälte vereidigt."
Günter Grass
Was auf dem Briefkopf stand - das Gedächtnis
habe es getilgt. Erst in Dresden sei ihm klar geworden, "welcher Truppe ich
anzugehören hatte": der Panzerdivision "Jörg von Frundsberg"
der Waffen-SS. Das hatte, so mag der 17-Jährige damals empfunden haben, etwas
Kämpferisches, etwas "Europäisches", etwas von einer
"Abwehrschlacht, die, so hieß es, das Abendland vor der bolschewistischen
Flut retten werde". Heute schreibt er dazu: "Was ich mit dem dummen
Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus
nachwachsender Scham verschweigen." Doch so ein Satz - und davon gibt es
viele im Buch - ist Koketterie mit der Scham über eigene, vermeintliche Schuld.
Der aufdringlichen Geste des Sich-Asche-aufs-Haupt-Streuens hätte es nach 60
Jahren Schweigen nicht mehr bedurft. Was viel mehr in dieser Autobiografie
zählt, sind die Schilderungen der menschlichen Not, der Angst, des Hungers, des
Rückzugschaos', der immer weiter westlich von Niederschlesien
in die Lausitz geratenen Frontlinie, des Zufalls des Überlebens, der Tatsachen
des Krieges: das Leichenspalier von erhängten "wehrkraftzersetzenden
Feiglingen"; die im russischen Feuer niedergemetzelten Kameraden, dem Grass
nur entging, weil er nicht Radfahren kann; der Obergefreite, dem die Beine
weggeschossen werden. Kurz vorher hatte er Grass befohlen, die SS-Uniform gegen
eine Wehrmachtsjacke zu tauschen, damit ihn die Russen nicht sofort erschießen.
"Grell steht die lachlustige
Blondine vor mir und trägt den Kopf voller Lockenwickler."
Günter Grass
Bilder, die er, der Autor, sehen, aber nicht
fassen kann und die doch, er verweist selbst darauf, seit Grimmelshausen nach
jedem Krieg immer wieder so beschrieben wurden. Von großer Eindringlichkeit.
Auch bei Günter Grass, der während des Erzählens oft von der Ich-Form in die
dritte Person fällt. Ausdruck von Fremdheit und Rätsel sich selbst gegenüber.
Eine Distanz, die auch spürbar wird, wenn er von anderen Menschen berichtet.
Zum Beispiel von dem schönen, blonden Jüngling aus dem Arbeitsdienst, der sich
weigerte, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und seine konsequente Haltung mit
Folter und Abtransport bezahlte.
Als Leser wundert man sich, dass Grass sich nicht daran erinnert, wie der Junge
hieß; auch dass er nach dem Krieg nie dem Verbleib des einen oder anderen
nachgeforscht hat. Nicht einmal dem Schicksal der Eltern und Schwester, von
denen er noch nicht wissen konnte, dass sie lebend aus Danzig herausgekommen
sind. Sehr offen, nicht aber sympathisch beschreibt er sein Verhältnis zum
Vater, den er wegen der so genannten kleinen Verhältnisse nicht achtet, und zur
Mutter, die er eigennützig liebt.
"Beim Häuten der Zwiebel" ist eben die Autobiografie eines Egomanen,
der sich immer und einzig im Besitz der Wahrheit wähnt - ob als Liebhaber,
Ehemann, Vater oder Großvater, ob als Schüler, Arbeitsdienstler, Künstler
oder ehemaliger Waffen-SSler. Bei diesem ersten Teil der Lebenserinnerungen -
sie enden mit der "Blechtrommel" - dürfte es Günter Grass kaum
belassen. Wenn er auch jetzt noch betont, dass es ihm für den zweiten Teil
"an Zwiebeln und Lust" fehle.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur
***
4.)
Beim Häuten
der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter
Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Cornelia Niedermeier aus Der Standard, Wien vom
19.8.2006:
Der Fall aus dem Zweizimmerloch
In seiner Autobiografie "Beim Häuten
der Zwiebel" berichtet Grass von seiner Einberufung als 17-Jähriger zur
Waffen-SS und von der späten Entzauberung der NS-Trugbilder
Drei Gegenbilder der Enge - das erste und früheste: Ein Sandstrand der Bucht von Danzig. Dort sitzt der Knabe und kleckert "aus nassem Seesand verschieden hohe Türme und Mauern zu einer Burg, bewohnt von Figuren, die phantastischer Natur waren. Immer wieder untergrub die See den gekleckerten Bau. Was hoch getürmt stand, stürzte lautlos in sich zusammen. Und aufs neue lief mir nasser Sand durch die Finger." "Kleckerburgen".
Das zweite: farbige Klebebildchen, ihre Gutscheine waren den Zigarettenpackungen der Erwachsenen beigelegt. Kunstwerke der Malerei, eifrigst gesammelt und eingeklebt in einem roten, einem blauen, einem goldgelben Album. "So lernte ich früh die Namen der Künstler Giorgione, Mantegna, Botticelli, Ghirlandaio und Caravaggio falsch aussprechen."
Das dritte: Sommer 1940, die Helden der
Wochenschau. Bewundert von 13-Jährigen im warmen Sand: "Wir lagen im Sand,
sonnten uns im Familienbad, wären aber sehnlichst gerne in dem umkämpften
Fjord ,hoch oben im Norden' dabei gewesen. Dort hätten wir uns mit Ruhm
bekleckern mögen, so feriensatt wir nach Niveacreme rochen. Im Verlauf der
immerwährenden Heldenanbetung ging es um unsere Kriegsmarine und um die
Schlappe der Engländer, dann wieder um uns, von denen einige, so auch ich,
hofften, in drei vier Jahren, wenn nur der Krieg lange genug dauere, zur Marine
zu kommen, nach Wunsch als U-Bootmatrosen."
Zwei Jahre später wird der nunmehr 15-Jährige sich "freiwillig zum Dienst
bei der U-Bootwaffe" melden. Zur U-Bootwaffe kommt er, wieder zwei Jahre später,
nicht. Zuerst einmal wird er nur einberufen. Der Marschbefehl schreibt als
Reiseziel Dresden vor. Sechzig Jahre danach zweifelt der Erinnernde, der die
Zwiebelhäute seines Lebens schält, an den eigenen Lücken: "Nur zu
behaupten und deshalb zu bezweifeln bleibt, dass mir erst hier, in der vom Krieg
noch unberührten Stadt, genauer, nahe der Neustadt, und zwar im Obergeschoss
einer großbürgerlichen Villa, gelegen im Ortsteil Weißer Hirsch, gewiss
wurde, welcher Truppe ich anzugehören hatte. Mein nächster Marschbefehl machte
deutlich, wo der Rekrut meines Namens auf einem Truppenübungsplatz der
Waffen-SS zum Panzerschützen ausgebildet werden sollte: irgendwo weit weg in
den böhmischen Wäldern . . ."
Und er befragt sein Gewissen: "Zu fragen ist: Erschreckte mich, was damals im Rekrutenbüro unübersehbar war, wie mir noch jetzt, nach über sechzig Jahren, das doppelte S im Augenblick der Niederschrift schrecklich ist? Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel, wie der von Demjansk, aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig. Dem Jungen, der sich als Mann sah, wird vor allem die Waffengattung wichtig gewesen sein: wenn nicht zu den U-Booten, von denen Sondermeldungen kaum noch Bericht gaben, dann als Panzerschütze in einer Division, die, wie man in der Leitstelle Weißer Hirsch wusste, neu aufgestellt werden sollte, und zwar unter dem Namen ,Jörg von Frundsberg'."
Günter Grass hat, 78-jährig, eine Autobiografie geschrieben. Nicht sein ganzes Leben will er Beim Häuten der Zwiebel aufblättern, exakt zwanzig Jahre umspannt der Zeitraum des Berichts: von Herbst 1939, dem Kriegsbeginn, bis Herbst 1959, der Veröffentlichung seines Romans Die Blechtrommel. Die zwei Pole kennzeichnen auch inhaltlich jene zwei Bereiche, um die sich die Selbstbefragung des Autors kristallisiert: die kritiklose Bewunderung der nationalsozialistischen Selbstinszenierung durch den Jugendlichen - und seine allmähliche spätere Wandlung, die Verwandlung des Erlebten in Kunst. In Literatur. In die Blechtrommel zumal.
So beschreiben die Pole auch zwei Erzählhaltungen:
einerseits Zweifel und Selbstkritik - im Fortgang der Erzählung gemildert,
ertragbar gemacht durch Stolz. Den Stolz auf die eigene Befreiung aus der
gedanklichen wie räumlichen Enge, auf die Sprengung der kleinbürgerlichen
Schale durch die sinnliche (Widerstands-)kraft der eigenen Phantasie.
Zuerst jedoch die Strenge: Keiner seiner Kritiker, die Günter Grass nun
vorwerfen, "bei der Waffen-SS" gewesen zu sein, "sechzig Jahre
geschwiegen zu haben", übertrifft ihn darin. Der gewesene Katholik
beichtet umfassend. Und ist sich selbst der unerbittlichste Befrager. Warum
jetzt? "Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte", schreibt er.
"Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben
will."
Grass, so vermuten die Kritiker, so deutet er an, will die Entdeckung, das Wort - "Waffen-SS" - das, kaum ausgesprochen, wie ein Balken den Blick der Öffentlichkeit auf Einzelheiten zu versperren scheint, das Wort, das Schuld noch dröhnt, wo der jugendliche Soldat nur zitternd im Granatenhagel in die Hose pisste - selbst aussprechen. Die Entdeckung nicht der Nachwelt überlassen. Aber er will weit mehr. Er beichtet Erlebnisse, die kein Biograf enthüllen könnte. "Er hieß Wirtunsowasnicht" überschreibt er ein Kapitel.
"Wir tun so was nicht", sagte regelmäßig ein blonder Junge, der mit Grass im Reichsarbeitsdienst an der Waffe ausgebildet wurde. Tag für Tag weigerte er sich, die Waffe zu berühren, ließ sie fallen. Schikanen folgten, Strafdienst, auch für die anderen Auszubildenden.
"Es wurde erwartet, dass wir ihn in die Mangel nahmen. Das taten wir. Wie er uns, so setzten wir ihn unter Druck." Schließlich verschwand der Junge. "Wir haben nicht gefragt, wohin. Ich habe nicht gefragt. Doch allen war klar: nicht aus Gründen erwiesener Untauglichkeit wurde er entlassen, vielmehr, so flüsterten wir, ,war der schon lange reif fürs KZ'." Und danach? "Auf den Punkt gebracht, sehe ich mich", den Knaben von damals, "wenn nicht froh, dann erleichtert, seitdem der Junge verschwunden war."
Eine Reaktion, die nach sechzig Jahren möglicherweise mehr quält als der Umstand, der Waffen-SS zugeteilt worden zu sein. Deren schonungslose Wiedergabe mehr Aufrichtigkeit erfordert.
Die strengen Richter, warm geborgen in der Menge der richtig Denkenden, wird sie möglicherweise nicht erreichen. Sie müssen das Buch nicht lesen, um zu wissen. Grass, der am Panzer Ausgebildete, der bis heute nicht Auto fährt - und nicht Rad, ein Umstand, der ihm im Krieg das Leben rettete -, Grass kann sich nun die Raucherbeine vertreten und endlich den unbequemen Sockel verlassen als "Gewissen der Nation". Dass der Mensch aus mehr Farben besteht als nur der weißen oder der schwarzen, wusste der Autor, der Bildhauer und Maler längst. Wieder eine Gelegenheit, das Auge für den Reichtum der Schattierungen zu schärfen.
Und ist der Balken fort, wird der Blick frei für Grass'sche Erzählkunst, die der Band in Fülle birgt: Der Kochkurs etwa, den der maßlos Hungrige im Gefangenenlager Bad Aibling belegte, von den Gefangenen selbst organisiert, von einem einstigen Chefkoch aus dem Osten geleitet - bis heute die Basis Grass'scher Gaumenkunst. "Uns, denen täglich nur ein Kellenschlag wässrige Kohl- oder Graupensuppe zustand, riet er, des Schweinebratens Fettmantel mit scharfem Messer der Länge, der Breite nach zu kerben. ,No, das gibt Krustchen kestlich!'"
Die Lehrjahre in Düsseldorf, wo der angehende
Bildhauer die Akademie aus Kohlemangel verschlossen findet, aber stattdessen
eine Steinmetzlehre beginnt, in der er neben der Umwidmung alter Grabsteine auch
lernt, Lehmbruck-Statuen kunstgerecht zu fälschen. Allenorts: Die hohe Kunst
der Illusion, die des Menschen exklusivste Wahrheit ist.
Warum, wird gefragt, hat Grass so lange geschwiegen. Hat er geschwiegen? Hat er Die
Blechtrommel geschwiegen, in der er den Nationalsozialismus der Kleinbürger
in der Enge schlecht durchlüfteter Wohnungen schildert? Anders gefragt: Gäbe
es Die Blechtrommel, gäbe es Katz und Maus, gäbe es Hundejahre,
gäbe es das Tagebuch einer Schnecke ohne die explosive Wucht der
Grass'schen Scham? Sind nicht sie seine beredte Antwort?
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]
Leseprobe I Buchbestellung 0806 LYRIKwelt © C.N./Der Standard
***
5.)
Beim Häuten
der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter
Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 23.08.2006:
Die ersten Nachkriegsjahre. In einem der völlig
überfüllten Personenzüge, auf der Strecke von Göttingen nach Hannover,
vielleicht aber auch auf der Rückfahrt von Kassel nach München, begegnen wir
einem jungen Soldaten, der, gerade aus der amerikanischen Gefangenschaft
entlassen, einige Lehren aus dem Krieg gezogen hat. Der junge Mann war unter
anderem zu der Einsicht gelangt: "Auf einen, der nie Unteroffizier werden
wollte, darf man bauen."
Und auf so einen baute er gerade einmal wieder, auf dieser Zugfahrt. Sie saßen
in einem "vollbesetzten Nichtraucherabteil", "was aber die
Pfeife" seines "Obergefreiten nicht kümmerte". Das "Kraut
machte mächtig Dampf." Er rauchte also, schnitt aber von einer
luftgetrockneten Blutwurst fingerdicke Scheiben ab, die er kameradschaftlich
seinem "Kumpel" reichte. Der junge Mann aß, genussvoll. Der
Obergefreite rauchte. Eine Dame, mit einem "Topfhut aus
Vorkriegszeiten" auf dem Kopf, lamentierte. Immer heftiger. Sie rief "kreischig"
nach dem Schaffner und beschwerte sich, andauernd hüstelnd, über die
"Rauchbelästigung" - bis es dem Obergefreiten zu viel wurde.
Er hob sein Messer hoch, holte bedrohlich weit aus und stieß es dann, mit einem
"jähen Hieb durchs Hosenbein in seinen rechten Oberschenkel".
Entsetzt flüchtete die Dame mit Hut aus dem Abteil. Ihr Platz wurde sofort von
"jemandem erobert, der zwischen anderen im Gang gestanden hatte." Der
Obergefreite - um dieses durchaus erwähnenswerte Faktum in einer dem
Grass'schen Erzählgang vergleichbaren Weise, nämlich als retardierendes Moment
nachzutragen - war ein Kriegsversehrter, und entsprechend ausgestattet, mit
einem Holzbein, in dem nun das Messer steckte und noch lange nachzitterte.
Eine eher randständige Episode, mehr nicht. Unter normalen Umständen hätte
ich vermutlich eine Rezension von Günter Grass' Jugendautobiographie Beim Häuten
der Zwiebel nicht mit dieser Episode begonnen, sondern eher an der
"nachwachsenden Scham" des jungen SS-Mannes aufgehängt oder an der
Chronologie orientiert: 1939, als "bei anhaltend schönem Spätsommerwetter
in Danzig und Umgebung" der Zweite Weltkrieg ausbrach, bis 1959, der
Frankfurter Buchmesse, zu der Grass' Welterfolgsroman Die Blechtrommel
erschienen war und wo der Autor bis in die frühen Morgenstunden tanzte.
Zwiebel ohne Kern
Aber an der kleinen Geschichte vom Holzbein des
Obergefreiten lässt sich sehr schön die Bauweise des Buches aufzeigen. Wie
nebenbei wird selbst in dieser Passage mit einem kühnen Kalauer auf den
"Kumpel Joseph" hingewiesen, einen jungen, hungrigen, aber tiefgläubigen
Mitgefangenen, dessen leise, einschmeichelnde Stimme schon den potenziellen
Papst, der in ihm stecken könnte, vorausahnen lässt. Der fromme
"Kumpel" begleitet uns etwas zwanghaft, aber keineswegs ohne Komik
durch das ganze Buch.
Dagegen erinnert der Mann mit dem Holzbein an einen anderen Obergefreiten, dem
bei einem russischen Angriff beide Beine abgerissen wurden. Es ist eine
der zentralen Geschichten dieses Überlebensbuches. Der siebzehnjährige
Lade-Schütze der Waffen-SS-Division Frundsberg verdankte vermutlich diesem
einfachen, kriegserfahren, klugen Soldaten sein Leben. Die Episode verweist
also, um das Kind beim Namen zu nennen, auf das poetische Prinzip, dem Grass
hier folgt.
Es dürfte unmöglich sein, die anhaltende, hitzige Debatte der letzten
eineinhalb Wochen zu ignorieren. Dennoch lässt sich die ursprüngliche
Intention des Buches, die sich bereits im Titel anzeigt, erkennen. Und es dürfte
auch sinnvoll sein, dieses Buch, das als krönender Abschluss eines Lebenswerkes
gedacht war, an seinem eigenen ursprünglichen Anspruch zu messen.
Ein überzeugendes Konzept liegt zu Grunde:
Erinnerungen werden Schicht um Schicht abgetragen. "Die Zwiebel hat viele Häute.
Es gibt sie in Mehrzahl. Kaum gehäutet, erneuert sie sich. Gehackt treibt sie
Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr. Was vor und nach dem Ende meiner
Kindheit geschah, klopft mit Tatsachen an und verlief schlimmer als gewollt,
will mal so, mal so erzählt werden und verführt zu Lügengeschichten."
Und vielleicht noch gravierender, stellt sich wie bei jeder Zwiebel die Frage:
was, abgeschält, am Ende bleibt. Ein Kern - etwa die historische Wahrheit - ist
nicht auszumachen. Nur, wie wir seit Nietzsche
wissen, viele verschiedene Sichtweisen.
Grass begnügt sich aber nicht mit einem (scheinbar) relativistischen
Wahrheitsbegriff, wie er sich in der Zwiebel-Metapher zeigt. Er beschwört immer
auch den Bernstein, der am Strand der Ostseeküste liegt, glänzt, funkelt und
dauerhaft Geschichte in sich birgt. "Der Bernstein gibt vor, mehr zu
erinnern, als uns lieb sein kann. Er konserviert, was längst verdaut,
ausgeschieden sein sollte. In ihm hält sich alles, was er im weichen, noch flüssigen
Zustand zu fassen bekam. Er widerlegt Ausflüchte."
Dieser Doppelung entspricht eine zweite: die des "gedoppelten Ichs",
das Grass "in Bücher sperrte und derart gebändigt zu Markte trug."
Anders gesagt, die widersprüchliche Einheit von Lebens- und Werkgeschichte des
Günter Grass. "Schicht auf Schicht lagert die Zeit. Was sie bedeckt, ist
allenfalls durch Ritzen zu erkennen. Und durch solch einen Zeitspalt, der mit
Anstrengung zu erweitern ist, sehe ich mich und ihn zugleich. Ich bereits
angejahrt, er unverschämt jung; er liest sich Zukunft an, mich holt
Vergangenheit ein". Hier zeigt sich ein tragfähiges ästhetisches Konzept,
das seinen poetischen Gewinn aus der Fiktionalisierung des Faktischen und der
Faktizität des Fiktionalen gewinnt. Grass arbeitete bereits einmal, mit
vergleichbarer Konsequenz, mit diesem Konzept: 1979 - in seiner Erzählung Das
Treffen in Telgte.
Immer dort, wo Grass auf Danzig, seine Jugend und eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte ohne verschwitzte Hilfskonstruktionen, gewinnt seine Sprache an Kraft, Wucht, Sinnlichkeit. Jetzt, Beim Häuten der Zwiebel, nennt er selbst noch einmal "alle meine Tiere beim Namen", von den frühen Hühnern, dem Hund, der "Katz", der Maus, bis Butt, Rättin, Unke, Schnecke und dem späten Krebs. Viele dieser Viecher bekamen die überschwere Last einer Allegorie aufgebürdet. Daran scheiterten diese Romane. Das Treffen in Telgte jedoch bedurfte keiner Allegorie. Die Erzählung bezog ihre Energie aus der historischen Spannung zwischen 1649, 1949 und 1979. Mithin: aus der deutschen Geschichte. "Gestern wird sein, was morgen gewesen ist."
Gemästete Träume
Beim Häuten der Zwiebel kommt Grass
wieder ohne eine solche Allegorisierung aus. Denn diese Erzählung seiner
Lebens- & Werk-Geschichte bezieht ihre Energie ebenfalls aus einer
historischen Spannung zwischen drei historischen Daten: 1939, 1959 und der
Gegenwart. "Sobald ich, wie mittlerweile geübt, über alle Bedenken hinweg
Ich sage, also meinen Zustand vor rund sechzig Jahren nachzuzeichnen versuche,
ist mir mein damaliges Ich zwar nicht ganz und gar fremd, doch abhanden gekommen
und entrückt wie ein entfernter Verwandter." Rimbaud und die
Erbengemeinschaft der Moderne braucht Grass dabei gar nicht zu bemühen. Der Erkenntnisgewinn
ergibt sich zwanglos.
Damit erklärt sich nebenbei, warum Grass noch einmal beschreiben wollte, was ja
fast alles schon beschrieben gewesen ist. Gewiss: um nachzutragen. Um die
vergangene Geschichte, die sich mit jedem künftigen Tage wieder und weiter verändert,
von einem Heute aus neu zu betrachten. Also, letztendlich: Um beim Häuten der
Zwiebel auf Bernstein zu stoßen. Im "Bernstein" ist die
historistische Perspektive festgeschrieben, wie noch Martin Walsers Erinnerungen
Der springende Brunnen vorgeworfen wurde. Und schließlich, über allen
Historismus hinaus: Um mit Hilfe der "Zwiebel" die verfestigte
Geschichte wieder zu verflüssigen.
Ein dolles Konzept. Ein dolles Buch. Ungeheuerliche Szenen. Eindringlich
unvergessliche Schilderungen der letzten Kriegstage. Liebevolle Porträts von
Kameraden, denen allerdings immer, als Heiligenbild, der "Kumpel
Joseph" über die Schultern grinst. Beschwörungen des Hungers, so wortmächtig,
dass man mitleiden möchte. Unglaubliche Beschreibungen eines
Trockenschwimm-Kochkurses im Gefangenenlager. Der Koch und Kursleiter, ein
sogenannter "Beutedeutscher", war "ein Meister der Beschwörung":
"Mit nur einer Hand zwang er gemästete Träume auf die Schlachtbank und
unters Messer. Dem Nichts gewann er Geschmack ab. Luft rührte er zu sämigen
Suppen." Keineswegs nur in diesem Kapitel zeigt sich Grass auf der vollen Höhe
seines Könnens: "Uns, denen täglich nur ein Kellenschlag wässrige Kohl-
oder Graupensuppe zustand, riet er, des Schweinebratens Fettmantel mit scharfem
Messer der Länge, der Breite nach zu kerben. ‚No, das gibt Krustchen kestlich
!'"
Jedem der elf Kapitel ist die Rötelvignette einer Zwiebel vorangestellt. Grass
zaubert in den meisten von ihnen, fast alle von gleicher Länge. Auch das
spricht für seine erzählerische Ökonomie. Der Rhythmus stimmt. Kriegsbeginn,
Flakhelferzeit, Gefangenschaft, Nachkrieg, Ausbildung, Erste Liebe(n). Nur
anfangs zaudert er, bis das Bekenntnis endlich raus ist: die Waffen-SS.
Drei Jahre habe er an diesem Buch gearbeitet. Drei Jahre hätte der Autor damit
auch die Gelegenheit gehabt, das Debakel zu vermeiden. Grass, mit knapp achtzig
nicht mehr der Jüngste, hätte, wie ersichtlich erhofft, mit diesem mächtig-prächtigen
Bogen sein Lebenswerk krönen können. Er hätte. Jetzt ist er sich selbst in
die Quere gekommen.
Der spät Verführte
Der "Bernstein", die unverrückbare
Wahrheit, steht jetzt gegen die "Zwiebel". Nach der FAZ-Schlagzeile
- "Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS" - erweist sich das
schlüssige Konzept als brüchig. Antworten auf Fragen nach der Vergangenheit,
der Waffen-SS, können nicht länger durch Zwiebeldünste in einem tränenreichen
Blick verschleiert werden. Bekenntnisse wollen bekannt sein. Diesen Umstand hat
Grass ersichtlich nicht bedacht. Sonst hätte er sich von der Möglichkeit des
Vorabinterviews kaum verführen lassen. Jetzt ist Wahrheit gefragt, kein
poetisches Prinzip. Und das schlägt - leider - auf das Buch zurück. Schlimmer
noch: Das Prinzip, dem das Buch folgt, provoziert eine Revision. Die
ausgestellte Einheit von Leben und Werk, das "gedoppelte Ich", steht
wieder in Frage.
Zugestanden: Die Erfolgsgeschichte von Grass bis hin zu Nobelpreis ging immer
auch mit harten, härtesten, unsachlich persönlichen Angriffen einher. Solche
Erfahrungen sind geeignet, den Blick zu verstellen. Grass neigt, wie in der
Politik üblich, zum Lagerdenken. Hinzu kommt: Grass, sicher einer der besten
lebenden Kenner unserer Barock-Dichtung, ist auch Autodidakt geblieben, mithin
schwer belehrbar. Die Blechtrommel und ihr späterer Welterfolg wirkten
offenbar, wie er es jetzt beschreibt (und wohl doch ganz anders meinte) wieder
auf ihren Autor zurück. Als er 1958 das erste Mal wieder seine Heimatstadt
Danzig besucht, auch die Großtante Anna trifft, sagt sie ihm: "Na,
Ginterchen, bist aber groß jeworden ." Er hat es geglaubt, wie er immer an
das Sichtbare geglaubt und sich dabei eben oft getäuscht hat.
Die Omnipotenzgefühle des trommelnden Zwerges, seine Sicherheit, unangreifbar
zu sein, haben ihren Urheber ergriffen. Mit dem Erscheinen der Blechtrommel
enden die Erinnerungen unseres Literaturnobelpreisträgers Günter Grass.
Durch den Erfolg habe er seine "persönliche Untäuschbarkeit " bestätigt
gesehen, resümiert die Schriftstellerin Petra
Morsbach in einem Essay, der jetzt zufällig zeitgleich mit den Grass'schen
Erinnerungen erschienen ist und sich wie ein Kommentar zu der Debatte der
letzten Tage liest (Petra Morsbach, Warum Fräulein Laura freundlich war. Über
die Wahrheit des Erzählens, Piper Verlag). Morsbachs Überlegungen zur Blechtrommel
ratifizieren nur, was in dem ästhetischen Konzept der Grass'schen Erinnerungen
angelegt ist.
Von Max Frisch wird
gesagt, er habe Günter Grass einen Schriftsteller "mit persönlicher
Haftung" genannt. Jetzt ist der Schadensfall eingetreten. Das ist schade -
auch deshalb, weil wir keinen besseren haben.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0806 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau