Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass, 2006, Steidl1.) - 5.)

Beim Häuten der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter Grass (2006, Steidl
).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 16.08.2006:

Die launische Dame Erinnerung
Schuld und Bühne: "Beim Häuten der Zwiebel" von Günter Grass ist mit 150 000 Exemplaren in den Verkauf gegangen.

Der beste Grass seit der "Blechtrommel": Fast tänzerisch kreist der große alte Mann der Literatur den jungen Burschen ein, der er in Danzig war. Als Pimpf, in der HJ, später in der Waffen-SS, in Kriegsgefangenschaft. Aber der läuft ihm immer wieder weg, verweigert die Auskunft, flüchtet "in sich hinein, wo viel Platz ist für Versteckspiele." Oder er rettet sich auf den Schoß der Mutter und ruft: "Ich war doch ein Kind nur, nur ein Kind..." Der alte Mann aber bleibt hartnäckig. Er erwischt den Jungen, der in Uniform gern die Blicke auf sich zog, sich fernab vom Schulalltag endlich ernst genommen fühlte. Grass stellt ihn, er stellt sich: "Meine Tat lässt sich nicht zur jugendlichen Dummheit verwinzigen."

Bestseller mit Ansage

"Beim Häuten der Zwiebel", die Selbst- und Lebensbeschreibung des 78-Jährigen, nimmt noch einmal die schwere Last auf, die immer weniger auf der deutschen Seele liegt. Wie Schuld entsteht und wie launisch "die Dame Erinnerung" ist: Daran arbeitet sich dieses Buch kunstvoll ab.

Einerseits.

Dann aber, Grass kommt aus dem Kriegsgefangenlager, geht es immer weiter, bis zum Erscheinen der "Blechtrommel" 1959. Sechs lange Kapitel lang und ein Dutzend Lebensjahre, in denen das Buch kein Thema mehr hat, sondern nur noch einen Helden, der alles wichtig macht, was um ihn herum passiert. Und der Held heißt: Ich.

Auch ohne den Enthüllungs-Coup vorneweg wäre das Buch in einer Rekord-Startauflage von 150 000 Exemplaren erschienen. Freilich erst in zwei Wochen. Aber selbstverständlich musste der Steidl Verlag das Buch ausliefern, bevor die Spannungskurve wieder nach unten geht. Manche Buchhandlungen verkauften ihre Exemplare wegen der Nachfrage schon am Montag: Bestseller mit Ansage.

Grass, der "lebenslang Geschichten mit unterschiedlichem Wahrheitsgehalt zu erzählen" wusste, wie er es gegen Ende nennt, beginnt seine Erinnerungen anders als Goethe nicht mit der Geburt, sondern mit dem Ende der Kindheit: Als er zwölf ist, bricht um sein Danzig herum der Krieg aus. Alles ist noch ein großes Abenteuer - bis Grass sich die Hosen seiner Waffen-SS-Uniform vollpinkelt, weil ihm zum ersten Mal die Granaten einer Stalinorgel um die Ohren fliegen. Dass ein Lehrer im KZ verschwand, dass einer "Nein" sagte und kein Gewehr in die Hand nahm, die Erinnerung an brennende Synagogen - nichts machte ihn stutzig, nichts hielt ihn vom Mitmachen ab. Durch viele farbige, deftige, barocke, ja drollige Episoden in typischer Grass-Manier zieht sich das Kopfschütteln des peinlich genauen Erinnerungsforschers, das Fragezeichen wird zum Leitmotiv, das "Weißnichtwie" zum Refrain des Bekenntnisses. Dichtung und Klarheit. Dass er "nicht wissen wollend Anteil an einem Verbrechen hatte", begriff er erst, als in Nürnberg den Nazis der Prozess gemacht wurde.

Würfeln mit Ratzinger

Ansonsten schildert Grass genüsslich die drei Arten seines Hungers - nach Essen, Sex und Kunst - und wie er ihn stillte. Einmal, im Kriegsgefangenenlager von Bad Aibling, will er mit dem jungen Soldaten Joseph Ratzinger unter der Zeltplane Kümmel gekaut haben, gegen den Hunger, und gewürfelt, um die Zukunft: Der eine wollte Künstler und berühmt werden, der "Kumpel Joseph" dagegen "Bischof und noch mehr". Wieder und wieder kaut Grass auf dieser Haut der Zwiebel herum, als wolle er Benedikt XVI. auf offener Bühne zu einer Reaktion reizen.

Wie es ihn später nach Düsseldorf verschlägt, die Steinmetzlehre am Werstener Friedhof, die angebrannte Milchsuppe im Caritas-Heim am Rather Broich, der Kunstakademieschüler, der Tanzbodenfeger Grass, der als Waschbrett-Trommler in der Altstadt einmal mit Louis Armstrong jazzte, das Kleid, das er seiner Anna vom ersten Literaturpreis kaufte, und die erste Olivetti-Schreibmaschine - all das passiert immer hastiger, immer blasser und nicht ohne eitel zelebrierte Geschwätzigkeit Revue. Einen Grass hält kein Lektor der Welt mehr auf. Wer will, erfährt also, dass er aus Existenzialistenmode mit dem Rauchen angefangen hat und mit 50 auf die Pfeife umstieg. Dass jede der vier Mütter seiner vielen Kinder mit zwei Schwestern aufwuchs. Dass er nie einen Autoführerschein gemacht hat und trotzdem Urlaub in Italien, Frankreich und Spanien. So viele Häute hat nicht einmal die dickste Zwiebel. (NRZ)

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Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass, 2006, Steidl2.)

Beim Häuten der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger Nachrichten vom 16.08.2006:

Gelungene Inszenierung der Medienprofis
Werbewirksam: Flut der Stellungnahmen zu den Enthüllungen von Günter Grass reißt nicht ab

Der Sommerwirbel um die Enthüllungen von Günter Grass in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ nimmt Tag für Tag zu. Reporter machen sich auf, um den Nobelpreisträger auf seiner dänischen Ferieninsel Mön aufzuspüren, wo sie erfahren, dass er hier gern seine 16 Enkel um sich hat und zur Miete wohnt, „weil die Dänen Gott sei Dank ein Gesetz haben, dass Ausländer keinen Grundbesitz erwerben dürfen“.

Auf jüngsten Fotos sieht der Schriftsteller nicht so aus, als würde ihn der mächtige Medienauftrieb sonderlich beeindrucken. Er selbst hat ihn ausgelöst, in kluger Regie und überzeugender Inszenierung. Der 78-jährige Grass gab - wie republikweit zu lesen, zu hören und zu sehen ist - der FAZ ein zweiseitiges Interview, worin er bekannte, dass er als 17-Jähriger in den letzten Kriegsmonaten Mitglied der Waffen-SS war.

Unbekannte Fotos

In dem Gespräch, das FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher und Literatur-Redakteur Hubert Spiegel mit dem Autor führten, geht es um einiges mehr, aber nur die Bekenner-Passagen fanden ihren Niederschlag in einem gewaltigen Medienecho. Schirrmacher selbst meldete sich flugs im Fernsehen zu Wort, das Frankfurter Blatt kündigte für den 19. August eine achtseitige Sonderbeilage mit Exklusivauszügen aus dem Buch an, das am 1. September erscheint. Die Beilage soll Zeichnungen von Grass enthalten und unbekannte Fotodokumente.

Die Buch-Rezensenten, die sich an Sperrfristen der Verlage, in diesem Fall der Göttinger Steidl Verlag, halten müssen, stehen jetzt ziemlich ratlos da. Zum Starttermin haben alle ihre Kritiken in petto und müssen sich nun fragen lassen, warum sie nicht die brisanten Stellen erkannt und sofort publik gemacht haben. Es war ihnen, so viel steht nach einem ersten Überblick fest, die Aufregung nicht wert.

Schließlich hat Grass, so ein Argument derer, die seine Bücher seit langem kennen, beim „Häuten der Zwiebel“ alte Schuldgefühle nur neu benannt, Schuldgefühle, die ihn zu dem Autor gemacht haben, der er ist: Einer, der sich mit Vehemenz auch politisch einmischt. Wie auch immer das Pro und Kontra jetzt ausfallen mag, es wird jede Frage über die literarische Qualität eines Buches überlagern, das der Leser noch gar nicht kaufen kann. Schon wird überlegt, ob Suhrkamp den Gegenstand öffentlicher Erregung nicht früher auf den Markt bringt. 150 000 Exemplare sollten ursprünglich in den Handel, vielleicht kann es jetzt etwas mehr sein.

Der Coup im rasanten Mediengeschäft ist wieder einmal gelungen, und viele haben bei diesem Spiel mitgewirkt. Dem berühmten Autor und seinem Verlag kann der Rummel nur recht sein, „der geniale Medienprofi Grass“, wie ihn der Historiker Christoph Stölzl nennt, ist in aller Munde. Er wird morgen in Ulrich Wickerts erster Büchersendung in der ARD (22.45 Uhr) das Wort haben, auch im Fernsehen hat man prompt reagiert. Die Premiere der Sendung wurde um drei Wochen vorgezogen, um sich aktuell in die Debatte einzumischen. Einen besseren Start für seinen neuen Job hätte sich der populäre „Tagesthe men“-Mann nicht wünschen können. Ein Interviewpartner Grass verspricht in diesem Moment die höchste Quote.

Die nicht abreißende Flut der Stellungnahmen reicht von Äußerungen des Philosophen Rüdiger Safranski bis zu Kardinal Karl Lehmann. Der Ton schwankt zwischen Entrüstung, und Verständnis, Besserwisserei ist auch dabei. Wenigstens die königliche Nobel-Stiftung in Stockholm bleibt gelassen. Ein Preis wird nicht wieder entzogen, hieß es knapp. So weit waren die Forderungen in Deutschland schon gegangen.

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Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass, 2006, Steidl3.)

Beim Häuten der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Sabine Dultz aus dem Münchner Merkur, 18.8.2006:

Läuse knacken mit Kumpel Joseph
Besser als ihr Autor: Günter Grass' Selbstbiografie "Beim Häuten der Zwiebel

"Bis heutzutage bin ich ihr hörig. Stets wusste sie mehr von mir, als ich von mir wissen wollte." Darin besteht für manche Künstler die glückliche Fügung. Das Werk weiß mehr von ihnen, spricht aufrichtiger, ist wahrhaftiger als sie selbst. In dem Zitat ist von der Olivetti-Reiseschreibmaschine, Typ "lettera", die Rede. Jenem Gerät, auf dem Günter Grass bis heute - es gibt noch zwei ebenfalls "antike" Ersatzmaschinen - seine literarischen Texte verfasst, von der "Blechtrommel" (1959) bis zur Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel".

Dieses Werk hat der Schriftsteller soeben mit einer einmaligen PR-Aktion in die Schlagzeilen lanciert. Seine in einem FAZ-Interview spektakulär herausposaunte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS hat dem Buch einen ersten Verkaufsboom beschert.

"Doch alles, was sich als im Krieg überlebte Gefahr konserviert hat, ist zu bezweifeln."
Günter Grass

Denn diesem überraschenden Detail in seinem Leben widmet der Schriftsteller immerhin eines von elf Kapiteln seiner Autobiografie. Die Start-Auflage, 150 000, ist so gut wie vergriffen. Die Zweitauflage wird bereits gedruckt. Grass' Kalkül ist aufgegangen.

Reden, reden, nochmals reden - damit konnte er schon als Junge Geld verdienen. In der Heimatstadt Danzig, so ist in dem neuen Buch auch zu lesen, schickte ihn die Mutter zu den säumigen Kunden ihres wenig einträglichen Lebensmittelgeschäfts, um die Schulden einzutreiben. Er tat dies mit größtem Eifer und Erfolg, denn ihm waren von der Mutter fünf Prozent Provision garantiert. Und auch unmittelbar nach Kriegsende wusste der junge "Heimkehrer", beim Schwarzhandel die Ware rentabel an den Mann zu bringen. Denn Günter Grass konnte schon immer mit schönen Worten gut verkaufen. Und jetzt bietet er den eigenen Makel feil.

Aber dieses Buch ist besser als sein Autor, hat mehr Charakter als er, wenn dem "sanften Rechthaber", wie Grass sich hier bezeichnet, auch mitunter Realität und Fiktion durcheinandergeraten. Nicht ganz absichtslos, denn: "So halten sich Geschichten frisch. Weil unvollständig, müssen sie reichhaltiger erfunden werden. Nie sind sie fertig. Immer warten sie auf Gelegenheit, fortgesetzt oder gegenläufig erzählt zu werden."

Zwei Themen sind es, die vorab bereits als spektakulär eingestuft wurden. Das eine ist die Waffen-SS, davon später, das andere die Bekanntschaft des Autors mit Joseph Ratzinger. Grass will ihn, seinen gleichaltrigen "Kumpel", der heute Papst ist, im amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Bad Aibling getroffen haben. Dass er mit ihm "einige gedehnte Tage lang gemeinsam Läuse geknackt" und "um die Zukunft" geknobelt habe, zieht sich durchs ganze Buch: "Wir buddelten uns in ein Erdloch. Bei Regen hockten wir unter einer Zeltplane, die ihm gehörte. Wir redeten über Gott und die Welt. Wie ich war er Messdiener gewesen, er ausdauernd, ich nur aushilfsweise. Er glaubte immer noch, mir war nichts heilig . . . Er sattelte ein Dogma aufs nächste. Ich rief: Joseph, du willst wohl Großinquisitor werden oder noch höher hinaus."

Wahrheit, Fantasie, Eitelkeit? Die Ratzinger-Passagen entspringen vor allem der Lust an Möglichkeitsgeschichten. Am Ende des Buchs gesteht Grass, dass seine Schwester, der er vor kurzem erst von seiner Papst-Verbindung erzählt habe, diese Story lachend mit dem Satz quittierte: "Das ist wieder mal eine von deinen typischen Lügengeschichten." Woraufhin er einräumte, dass er sie zwar nicht beschwören könne, aber sie doch durchaus wahrscheinlich sei.

Es gehört zum Wesen von Autobiografien, dass sie Objektivität nicht besitzen. Sie sind subjektiv erinnerte Vergangenheit. Woran, in welcher Form und in welchem Ausmaß sich der Mensch an Gewesenes erinnert, entzieht sich Willen und Vernunft, scheint zufällig.

"Doch mehr als Mama und Papa fehlte uns, was unzulänglich in weiblichen Umrissen zu erträumen war: man hätte ersatzweise schwul werden können."
Günter Grass

Haben wir es nun mit einem so versierten Geschichtenerzähler wie Günter Grass zu tun, können wir sicher sein, dass die Lücken in der Erinnerung aufgefüllt werden mit prallen, der eigenen dichterischen Vorstellung entsprungenen Lebensdetails. Und mit dem Gefühl, von dem der Schriftsteller heute meint, dass er es damals so oder so empfunden haben müsste. Das kann Grass, ohne dass er seine "Flunkereien" verheimlichen würde, ganz vortrefflich. Darum liest sich dieses Buch so gut. Darum berührt es, auch wenn das von Grass vorab inszenierte Gedonner nur abstößt. Darum nimmt es, paradoxerweise, gerade in jenem Kriegskapitel für ihn ein, dessentwegen er in die öffentliche Schusslinie geriet. "Und dann lag der Einberufungsbefehl auf dem Esszimmertisch . . .", erinnert sich Grass, der sich "freiwillig zum Dienst mit der Waffe" gemeldet hatte.

"Gegen Ende Februar wurden wir bei Vollmond und klirrender Kälte vereidigt."
Günter Grass

Was auf dem Briefkopf stand - das Gedächtnis habe es getilgt. Erst in Dresden sei ihm klar geworden, "welcher Truppe ich anzugehören hatte": der Panzerdivision "Jörg von Frundsberg" der Waffen-SS. Das hatte, so mag der 17-Jährige damals empfunden haben, etwas Kämpferisches, etwas "Europäisches", etwas von einer "Abwehrschlacht, die, so hieß es, das Abendland vor der bolschewistischen Flut retten werde". Heute schreibt er dazu: "Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen." Doch so ein Satz - und davon gibt es viele im Buch - ist Koketterie mit der Scham über eigene, vermeintliche Schuld.

Der aufdringlichen Geste des Sich-Asche-aufs-Haupt-Streuens hätte es nach 60 Jahren Schweigen nicht mehr bedurft. Was viel mehr in dieser Autobiografie zählt, sind die Schilderungen der menschlichen Not, der Angst, des Hungers, des Rückzugschaos', der immer  weiter  westlich  von Niederschlesien in die Lausitz geratenen Frontlinie, des Zufalls des Überlebens, der Tatsachen des Krieges: das Leichenspalier von erhängten "wehrkraftzersetzenden Feiglingen"; die im russischen Feuer niedergemetzelten Kameraden, dem Grass nur entging, weil er nicht Radfahren kann; der Obergefreite, dem die Beine weggeschossen werden. Kurz vorher hatte er Grass befohlen, die SS-Uniform gegen eine Wehrmachtsjacke zu tauschen, damit ihn die Russen nicht sofort erschießen.

"Grell steht die lachlustige Blondine vor mir und trägt den Kopf voller Lockenwickler."
Günter Grass

Bilder, die er, der Autor, sehen, aber nicht fassen kann und die doch, er verweist selbst darauf, seit Grimmelshausen nach jedem Krieg immer wieder so beschrieben wurden. Von großer Eindringlichkeit. Auch bei Günter Grass, der während des Erzählens oft von der Ich-Form in die dritte Person fällt. Ausdruck von Fremdheit und Rätsel sich selbst gegenüber. Eine Distanz, die auch spürbar wird, wenn er von anderen Menschen berichtet. Zum Beispiel von dem schönen, blonden Jüngling aus dem Arbeitsdienst, der sich weigerte, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und seine konsequente Haltung mit Folter und Abtransport bezahlte.

Als Leser wundert man sich, dass Grass sich nicht daran erinnert, wie der Junge hieß; auch dass er nach dem Krieg nie dem Verbleib des einen oder anderen nachgeforscht hat. Nicht einmal dem Schicksal der Eltern und Schwester, von denen er noch nicht wissen konnte, dass sie lebend aus Danzig herausgekommen sind. Sehr offen, nicht aber sympathisch beschreibt er sein Verhältnis zum Vater, den er wegen der so genannten kleinen Verhältnisse nicht achtet, und zur Mutter, die er eigennützig liebt.

"Beim Häuten der Zwiebel" ist eben die Autobiografie eines Egomanen, der sich immer und einzig im Besitz der Wahrheit wähnt - ob als Liebhaber, Ehemann, Vater oder Großvater, ob als Schüler, Arbeitsdienstler, Künstler oder ehemaliger Waffen-SSler. Bei diesem ersten Teil der Lebenserinnerungen - sie enden mit der "Blechtrommel" - dürfte es Günter Grass kaum belassen. Wenn er auch jetzt noch betont, dass es ihm für den zweiten Teil "an Zwiebeln und Lust" fehle.

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Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass, 2006, Steidl4.)

Beim Häuten der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Cornelia Niedermeier aus Der Standard, Wien vom 19.8.2006:

Der Fall aus dem Zweizimmerloch
In seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" berichtet Grass von seiner Einberufung als 17-Jähriger zur Waffen-SS und von der späten Entzauberung der NS-Trugbilder

Am Anfang die Enge. Und die Flucht vor ihr. Die Zweizimmerwohnung, ein Schlafzimmer nur für Vater, Mutter, Sohn und Tochter. In der Nacht von Samstag auf Sonntag, bürgerlich mäßig, regelmäßig - Stöhnen, unbarmherzig nah an der Kinder Ohr.

Drei Gegenbilder der Enge - das erste und früheste: Ein Sandstrand der Bucht von Danzig. Dort sitzt der Knabe und kleckert "aus nassem Seesand verschieden hohe Türme und Mauern zu einer Burg, bewohnt von Figuren, die phantastischer Natur waren. Immer wieder untergrub die See den gekleckerten Bau. Was hoch getürmt stand, stürzte lautlos in sich zusammen. Und aufs neue lief mir nasser Sand durch die Finger." "Kleckerburgen".

Das zweite: farbige Klebebildchen, ihre Gutscheine waren den Zigarettenpackungen der Erwachsenen beigelegt. Kunstwerke der Malerei, eifrigst gesammelt und eingeklebt in einem roten, einem blauen, einem goldgelben Album. "So lernte ich früh die Namen der Künstler Giorgione, Mantegna, Botticelli, Ghirlandaio und Caravaggio falsch aussprechen."

Das dritte: Sommer 1940, die Helden der Wochenschau. Bewundert von 13-Jährigen im warmen Sand: "Wir lagen im Sand, sonnten uns im Familienbad, wären aber sehnlichst gerne in dem umkämpften Fjord ,hoch oben im Norden' dabei gewesen. Dort hätten wir uns mit Ruhm bekleckern mögen, so feriensatt wir nach Niveacreme rochen. Im Verlauf der immerwährenden Heldenanbetung ging es um unsere Kriegsmarine und um die Schlappe der Engländer, dann wieder um uns, von denen einige, so auch ich, hofften, in drei vier Jahren, wenn nur der Krieg lange genug dauere, zur Marine zu kommen, nach Wunsch als U-Bootmatrosen."

Zwei Jahre später wird der nunmehr 15-Jährige sich "freiwillig zum Dienst bei der U-Bootwaffe" melden. Zur U-Bootwaffe kommt er, wieder zwei Jahre später, nicht. Zuerst einmal wird er nur einberufen. Der Marschbefehl schreibt als Reiseziel Dresden vor. Sechzig Jahre danach zweifelt der Erinnernde, der die Zwiebelhäute seines Lebens schält, an den eigenen Lücken: "Nur zu behaupten und deshalb zu bezweifeln bleibt, dass mir erst hier, in der vom Krieg noch unberührten Stadt, genauer, nahe der Neustadt, und zwar im Obergeschoss einer großbürgerlichen Villa, gelegen im Ortsteil Weißer Hirsch, gewiss wurde, welcher Truppe ich anzugehören hatte. Mein nächster Marschbefehl machte deutlich, wo der Rekrut meines Namens auf einem Truppenübungsplatz der Waffen-SS zum Panzerschützen ausgebildet werden sollte: irgendwo weit weg in den böhmischen Wäldern . . ."

Und er befragt sein Gewissen: "Zu fragen ist: Erschreckte mich, was damals im Rekrutenbüro unübersehbar war, wie mir noch jetzt, nach über sechzig Jahren, das doppelte S im Augenblick der Niederschrift schrecklich ist? Der Zwiebelhaut steht nichts eingeritzt, dem ein Anzeichen für Schreck oder gar Entsetzen abzulesen wäre. Eher werde ich die Waffen-SS als Eliteeinheit gesehen haben, die jeweils dann zum Einsatz kam, wenn ein Fronteinbruch abgeriegelt, ein Kessel, wie der von Demjansk, aufgesprengt oder Charkow zurückerobert werden musste. Die doppelte Rune am Uniformkragen war mir nicht anstößig. Dem Jungen, der sich als Mann sah, wird vor allem die Waffengattung wichtig gewesen sein: wenn nicht zu den U-Booten, von denen Sondermeldungen kaum noch Bericht gaben, dann als Panzerschütze in einer Division, die, wie man in der Leitstelle Weißer Hirsch wusste, neu aufgestellt werden sollte, und zwar unter dem Namen ,Jörg von Frundsberg'."

Günter Grass hat, 78-jährig, eine Autobiografie geschrieben. Nicht sein ganzes Leben will er Beim Häuten der Zwiebel aufblättern, exakt zwanzig Jahre umspannt der Zeitraum des Berichts: von Herbst 1939, dem Kriegsbeginn, bis Herbst 1959, der Veröffentlichung seines Romans Die Blechtrommel. Die zwei Pole kennzeichnen auch inhaltlich jene zwei Bereiche, um die sich die Selbstbefragung des Autors kristallisiert: die kritiklose Bewunderung der nationalsozialistischen Selbstinszenierung durch den Jugendlichen - und seine allmähliche spätere Wandlung, die Verwandlung des Erlebten in Kunst. In Literatur. In die Blechtrommel zumal.

So beschreiben die Pole auch zwei Erzählhaltungen: einerseits Zweifel und Selbstkritik - im Fortgang der Erzählung gemildert, ertragbar gemacht durch Stolz. Den Stolz auf die eigene Befreiung aus der gedanklichen wie räumlichen Enge, auf die Sprengung der kleinbürgerlichen Schale durch die sinnliche (Widerstands-)kraft der eigenen Phantasie.

Zuerst jedoch die Strenge: Keiner seiner Kritiker, die Günter Grass nun vorwerfen, "bei der Waffen-SS" gewesen zu sein, "sechzig Jahre geschwiegen zu haben", übertrifft ihn darin. Der gewesene Katholik beichtet umfassend. Und ist sich selbst der unerbittlichste Befrager. Warum jetzt? "Weil vorlaut auffallend etwas fehlen könnte", schreibt er. "Und auch dieser Grund sei genannt: weil ich das letzte Wort haben will."

Grass, so vermuten die Kritiker, so deutet er an, will die Entdeckung, das Wort - "Waffen-SS" - das, kaum ausgesprochen, wie ein Balken den Blick der Öffentlichkeit auf Einzelheiten zu versperren scheint, das Wort, das Schuld noch dröhnt, wo der jugendliche Soldat nur zitternd im Granatenhagel in die Hose pisste - selbst aussprechen. Die Entdeckung nicht der Nachwelt überlassen. Aber er will weit mehr. Er beichtet Erlebnisse, die kein Biograf enthüllen könnte. "Er hieß Wirtunsowasnicht" überschreibt er ein Kapitel.

"Wir tun so was nicht", sagte regelmäßig ein blonder Junge, der mit Grass im Reichsarbeitsdienst an der Waffe ausgebildet wurde. Tag für Tag weigerte er sich, die Waffe zu berühren, ließ sie fallen. Schikanen folgten, Strafdienst, auch für die anderen Auszubildenden.

"Es wurde erwartet, dass wir ihn in die Mangel nahmen. Das taten wir. Wie er uns, so setzten wir ihn unter Druck." Schließlich verschwand der Junge. "Wir haben nicht gefragt, wohin. Ich habe nicht gefragt. Doch allen war klar: nicht aus Gründen erwiesener Untauglichkeit wurde er entlassen, vielmehr, so flüsterten wir, ,war der schon lange reif fürs KZ'." Und danach? "Auf den Punkt gebracht, sehe ich mich", den Knaben von damals, "wenn nicht froh, dann erleichtert, seitdem der Junge verschwunden war."

Eine Reaktion, die nach sechzig Jahren möglicherweise mehr quält als der Umstand, der Waffen-SS zugeteilt worden zu sein. Deren schonungslose Wiedergabe mehr Aufrichtigkeit erfordert.

Die strengen Richter, warm geborgen in der Menge der richtig Denkenden, wird sie möglicherweise nicht erreichen. Sie müssen das Buch nicht lesen, um zu wissen. Grass, der am Panzer Ausgebildete, der bis heute nicht Auto fährt - und nicht Rad, ein Umstand, der ihm im Krieg das Leben rettete -, Grass kann sich nun die Raucherbeine vertreten und endlich den unbequemen Sockel verlassen als "Gewissen der Nation". Dass der Mensch aus mehr Farben besteht als nur der weißen oder der schwarzen, wusste der Autor, der Bildhauer und Maler längst. Wieder eine Gelegenheit, das Auge für den Reichtum der Schattierungen zu schärfen.

Und ist der Balken fort, wird der Blick frei für Grass'sche Erzählkunst, die der Band in Fülle birgt: Der Kochkurs etwa, den der maßlos Hungrige im Gefangenenlager Bad Aibling belegte, von den Gefangenen selbst organisiert, von einem einstigen Chefkoch aus dem Osten geleitet - bis heute die Basis Grass'scher Gaumenkunst. "Uns, denen täglich nur ein Kellenschlag wässrige Kohl- oder Graupensuppe zustand, riet er, des Schweinebratens Fettmantel mit scharfem Messer der Länge, der Breite nach zu kerben. ,No, das gibt Krustchen kestlich!'"

Die Lehrjahre in Düsseldorf, wo der angehende Bildhauer die Akademie aus Kohlemangel verschlossen findet, aber stattdessen eine Steinmetzlehre beginnt, in der er neben der Umwidmung alter Grabsteine auch lernt, Lehmbruck-Statuen kunstgerecht zu fälschen. Allenorts: Die hohe Kunst der Illusion, die des Menschen exklusivste Wahrheit ist.
Warum, wird gefragt, hat Grass so lange geschwiegen. Hat er geschwiegen? Hat er Die Blechtrommel geschwiegen, in der er den Nationalsozialismus der Kleinbürger in der Enge schlecht durchlüfteter Wohnungen schildert? Anders gefragt: Gäbe es Die Blechtrommel, gäbe es Katz und Maus, gäbe es Hundejahre, gäbe es das Tagebuch einer Schnecke ohne die explosive Wucht der Grass'schen Scham? Sind nicht sie seine beredte Antwort?

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Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass, 2006, Steidl5.)

Beim Häuten der Zwiebel.
Erinnerungen von Günter Grass (2006, Steidl).
Besprechung von Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 23.08.2006:

Das doppelte Ginterchen

Die ersten Nachkriegsjahre. In einem der völlig überfüllten Personenzüge, auf der Strecke von Göttingen nach Hannover, vielleicht aber auch auf der Rückfahrt von Kassel nach München, begegnen wir einem jungen Soldaten, der, gerade aus der amerikanischen Gefangenschaft entlassen, einige Lehren aus dem Krieg gezogen hat. Der junge Mann war unter anderem zu der Einsicht gelangt: "Auf einen, der nie Unteroffizier werden wollte, darf man bauen."

Und auf so einen baute er gerade einmal wieder, auf dieser Zugfahrt. Sie saßen in einem "vollbesetzten Nichtraucherabteil", "was aber die Pfeife" seines "Obergefreiten nicht kümmerte". Das "Kraut machte mächtig Dampf." Er rauchte also, schnitt aber von einer luftgetrockneten Blutwurst fingerdicke Scheiben ab, die er kameradschaftlich seinem "Kumpel" reichte. Der junge Mann aß, genussvoll. Der Obergefreite rauchte. Eine Dame, mit einem "Topfhut aus Vorkriegszeiten" auf dem Kopf, lamentierte. Immer heftiger. Sie rief "kreischig" nach dem Schaffner und beschwerte sich, andauernd hüstelnd, über die "Rauchbelästigung" - bis es dem Obergefreiten zu viel wurde.

Er hob sein Messer hoch, holte bedrohlich weit aus und stieß es dann, mit einem "jähen Hieb durchs Hosenbein in seinen rechten Oberschenkel". Entsetzt flüchtete die Dame mit Hut aus dem Abteil. Ihr Platz wurde sofort von "jemandem erobert, der zwischen anderen im Gang gestanden hatte." Der Obergefreite - um dieses durchaus erwähnenswerte Faktum in einer dem Grass'schen Erzählgang vergleichbaren Weise, nämlich als retardierendes Moment nachzutragen - war ein Kriegsversehrter, und entsprechend ausgestattet, mit einem Holzbein, in dem nun das Messer steckte und noch lange nachzitterte.

Eine eher randständige Episode, mehr nicht. Unter normalen Umständen hätte ich vermutlich eine Rezension von Günter Grass' Jugendautobiographie Beim Häuten der Zwiebel nicht mit dieser Episode begonnen, sondern eher an der "nachwachsenden Scham" des jungen SS-Mannes aufgehängt oder an der Chronologie orientiert: 1939, als "bei anhaltend schönem Spätsommerwetter in Danzig und Umgebung" der Zweite Weltkrieg ausbrach, bis 1959, der Frankfurter Buchmesse, zu der Grass' Welterfolgsroman Die Blechtrommel erschienen war und wo der Autor bis in die frühen Morgenstunden tanzte.

Zwiebel ohne Kern

Aber an der kleinen Geschichte vom Holzbein des Obergefreiten lässt sich sehr schön die Bauweise des Buches aufzeigen. Wie nebenbei wird selbst in dieser Passage mit einem kühnen Kalauer auf den "Kumpel Joseph" hingewiesen, einen jungen, hungrigen, aber tiefgläubigen Mitgefangenen, dessen leise, einschmeichelnde Stimme schon den potenziellen Papst, der in ihm stecken könnte, vorausahnen lässt. Der fromme "Kumpel" begleitet uns etwas zwanghaft, aber keineswegs ohne Komik durch das ganze Buch.

Dagegen erinnert der Mann mit dem Holzbein an einen anderen Obergefreiten, dem bei einem russischen Angriff beide Beine abgerissen wurden. Es ist eine der zentralen Geschichten dieses Überlebensbuches. Der siebzehnjährige Lade-Schütze der Waffen-SS-Division Frundsberg verdankte vermutlich diesem einfachen, kriegserfahren, klugen Soldaten sein Leben. Die Episode verweist also, um das Kind beim Namen zu nennen, auf das poetische Prinzip, dem Grass hier folgt.

Es dürfte unmöglich sein, die anhaltende, hitzige Debatte der letzten eineinhalb Wochen zu ignorieren. Dennoch lässt sich die ursprüngliche Intention des Buches, die sich bereits im Titel anzeigt, erkennen. Und es dürfte auch sinnvoll sein, dieses Buch, das als krönender Abschluss eines Lebenswerkes gedacht war, an seinem eigenen ursprünglichen Anspruch zu messen.

Ein überzeugendes Konzept liegt zu Grunde: Erinnerungen werden Schicht um Schicht abgetragen. "Die Zwiebel hat viele Häute. Es gibt sie in Mehrzahl. Kaum gehäutet, erneuert sie sich. Gehackt treibt sie Tränen. Erst beim Häuten spricht sie wahr. Was vor und nach dem Ende meiner Kindheit geschah, klopft mit Tatsachen an und verlief schlimmer als gewollt, will mal so, mal so erzählt werden und verführt zu Lügengeschichten." Und vielleicht noch gravierender, stellt sich wie bei jeder Zwiebel die Frage: was, abgeschält, am Ende bleibt. Ein Kern - etwa die historische Wahrheit - ist nicht auszumachen. Nur, wie wir seit Nietzsche wissen, viele verschiedene Sichtweisen.

Grass begnügt sich aber nicht mit einem (scheinbar) relativistischen Wahrheitsbegriff, wie er sich in der Zwiebel-Metapher zeigt. Er beschwört immer auch den Bernstein, der am Strand der Ostseeküste liegt, glänzt, funkelt und dauerhaft Geschichte in sich birgt. "Der Bernstein gibt vor, mehr zu erinnern, als uns lieb sein kann. Er konserviert, was längst verdaut, ausgeschieden sein sollte. In ihm hält sich alles, was er im weichen, noch flüssigen Zustand zu fassen bekam. Er widerlegt Ausflüchte."

Dieser Doppelung entspricht eine zweite: die des "gedoppelten Ichs", das Grass "in Bücher sperrte und derart gebändigt zu Markte trug." Anders gesagt, die widersprüchliche Einheit von Lebens- und Werkgeschichte des Günter Grass. "Schicht auf Schicht lagert die Zeit. Was sie bedeckt, ist allenfalls durch Ritzen zu erkennen. Und durch solch einen Zeitspalt, der mit Anstrengung zu erweitern ist, sehe ich mich und ihn zugleich. Ich bereits angejahrt, er unverschämt jung; er liest sich Zukunft an, mich holt Vergangenheit ein". Hier zeigt sich ein tragfähiges ästhetisches Konzept, das seinen poetischen Gewinn aus der Fiktionalisierung des Faktischen und der Faktizität des Fiktionalen gewinnt. Grass arbeitete bereits einmal, mit vergleichbarer Konsequenz, mit diesem Konzept: 1979 - in seiner Erzählung Das Treffen in Telgte.

Immer dort, wo Grass auf Danzig, seine Jugend und eigenen Erfahrungen zurückgreifen konnte ohne verschwitzte Hilfskonstruktionen, gewinnt seine Sprache an Kraft, Wucht, Sinnlichkeit. Jetzt, Beim Häuten der Zwiebel, nennt er selbst noch einmal "alle meine Tiere beim Namen", von den frühen Hühnern, dem Hund, der "Katz", der Maus, bis Butt, Rättin, Unke, Schnecke und dem späten Krebs. Viele dieser Viecher bekamen die überschwere Last einer Allegorie aufgebürdet. Daran scheiterten diese Romane. Das Treffen in Telgte jedoch bedurfte keiner Allegorie. Die Erzählung bezog ihre Energie aus der historischen Spannung zwischen 1649, 1949 und 1979. Mithin: aus der deutschen Geschichte. "Gestern wird sein, was morgen gewesen ist."

Gemästete Träume

Beim Häuten der Zwiebel kommt Grass wieder ohne eine solche Allegorisierung aus. Denn diese Erzählung seiner Lebens- & Werk-Geschichte bezieht ihre Energie ebenfalls aus einer historischen Spannung zwischen drei historischen Daten: 1939, 1959 und der Gegenwart. "Sobald ich, wie mittlerweile geübt, über alle Bedenken hinweg Ich sage, also meinen Zustand vor rund sechzig Jahren nachzuzeichnen versuche, ist mir mein damaliges Ich zwar nicht ganz und gar fremd, doch abhanden gekommen und entrückt wie ein entfernter Verwandter." Rimbaud und die Erbengemeinschaft der Moderne braucht Grass dabei gar nicht zu bemühen. Der Erkenntnisgewinn ergibt sich zwanglos.

Damit erklärt sich nebenbei, warum Grass noch einmal beschreiben wollte, was ja fast alles schon beschrieben gewesen ist. Gewiss: um nachzutragen. Um die vergangene Geschichte, die sich mit jedem künftigen Tage wieder und weiter verändert, von einem Heute aus neu zu betrachten. Also, letztendlich: Um beim Häuten der Zwiebel auf Bernstein zu stoßen. Im "Bernstein" ist die historistische Perspektive festgeschrieben, wie noch Martin Walsers Erinnerungen Der springende Brunnen vorgeworfen wurde. Und schließlich, über allen Historismus hinaus: Um mit Hilfe der "Zwiebel" die verfestigte Geschichte wieder zu verflüssigen.

Ein dolles Konzept. Ein dolles Buch. Ungeheuerliche Szenen. Eindringlich unvergessliche Schilderungen der letzten Kriegstage. Liebevolle Porträts von Kameraden, denen allerdings immer, als Heiligenbild, der "Kumpel Joseph" über die Schultern grinst. Beschwörungen des Hungers, so wortmächtig, dass man mitleiden möchte. Unglaubliche Beschreibungen eines Trockenschwimm-Kochkurses im Gefangenenlager. Der Koch und Kursleiter, ein sogenannter "Beutedeutscher", war "ein Meister der Beschwörung": "Mit nur einer Hand zwang er gemästete Träume auf die Schlachtbank und unters Messer. Dem Nichts gewann er Geschmack ab. Luft rührte er zu sämigen Suppen." Keineswegs nur in diesem Kapitel zeigt sich Grass auf der vollen Höhe seines Könnens: "Uns, denen täglich nur ein Kellenschlag wässrige Kohl- oder Graupensuppe zustand, riet er, des Schweinebratens Fettmantel mit scharfem Messer der Länge, der Breite nach zu kerben. ‚No, das gibt Krustchen kestlich !'"

Jedem der elf Kapitel ist die Rötelvignette einer Zwiebel vorangestellt. Grass zaubert in den meisten von ihnen, fast alle von gleicher Länge. Auch das spricht für seine erzählerische Ökonomie. Der Rhythmus stimmt. Kriegsbeginn, Flakhelferzeit, Gefangenschaft, Nachkrieg, Ausbildung, Erste Liebe(n). Nur anfangs zaudert er, bis das Bekenntnis endlich raus ist: die Waffen-SS.

Drei Jahre habe er an diesem Buch gearbeitet. Drei Jahre hätte der Autor damit auch die Gelegenheit gehabt, das Debakel zu vermeiden. Grass, mit knapp achtzig nicht mehr der Jüngste, hätte, wie ersichtlich erhofft, mit diesem mächtig-prächtigen Bogen sein Lebenswerk krönen können. Er hätte. Jetzt ist er sich selbst in die Quere gekommen.

Der spät Verführte

Der "Bernstein", die unverrückbare Wahrheit, steht jetzt gegen die "Zwiebel". Nach der FAZ-Schlagzeile - "Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS" - erweist sich das schlüssige Konzept als brüchig. Antworten auf Fragen nach der Vergangenheit, der Waffen-SS, können nicht länger durch Zwiebeldünste in einem tränenreichen Blick verschleiert werden. Bekenntnisse wollen bekannt sein. Diesen Umstand hat Grass ersichtlich nicht bedacht. Sonst hätte er sich von der Möglichkeit des Vorabinterviews kaum verführen lassen. Jetzt ist Wahrheit gefragt, kein poetisches Prinzip. Und das schlägt - leider - auf das Buch zurück. Schlimmer noch: Das Prinzip, dem das Buch folgt, provoziert eine Revision. Die ausgestellte Einheit von Leben und Werk, das "gedoppelte Ich", steht wieder in Frage.

Zugestanden: Die Erfolgsgeschichte von Grass bis hin zu Nobelpreis ging immer auch mit harten, härtesten, unsachlich persönlichen Angriffen einher. Solche Erfahrungen sind geeignet, den Blick zu verstellen. Grass neigt, wie in der Politik üblich, zum Lagerdenken. Hinzu kommt: Grass, sicher einer der besten lebenden Kenner unserer Barock-Dichtung, ist auch Autodidakt geblieben, mithin schwer belehrbar. Die Blechtrommel und ihr späterer Welterfolg wirkten offenbar, wie er es jetzt beschreibt (und wohl doch ganz anders meinte) wieder auf ihren Autor zurück. Als er 1958 das erste Mal wieder seine Heimatstadt Danzig besucht, auch die Großtante Anna trifft, sagt sie ihm: "Na, Ginterchen, bist aber groß jeworden ." Er hat es geglaubt, wie er immer an das Sichtbare geglaubt und sich dabei eben oft getäuscht hat.

Die Omnipotenzgefühle des trommelnden Zwerges, seine Sicherheit, unangreifbar zu sein, haben ihren Urheber ergriffen. Mit dem Erscheinen der Blechtrommel enden die Erinnerungen unseres Literaturnobelpreisträgers Günter Grass.

Durch den Erfolg habe er seine "persönliche Untäuschbarkeit " bestätigt gesehen, resümiert die Schriftstellerin Petra Morsbach in einem Essay, der jetzt zufällig zeitgleich mit den Grass'schen Erinnerungen erschienen ist und sich wie ein Kommentar zu der Debatte der letzten Tage liest (Petra Morsbach, Warum Fräulein Laura freundlich war. Über die Wahrheit des Erzählens, Piper Verlag). Morsbachs Überlegungen zur Blechtrommel ratifizieren nur, was in dem ästhetischen Konzept der Grass'schen Erinnerungen angelegt ist.

Von Max Frisch wird gesagt, er habe Günter Grass einen Schriftsteller "mit persönlicher Haftung" genannt. Jetzt ist der Schadensfall eingetreten. Das ist schade - auch deshalb, weil wir keinen besseren haben.

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