Beim Anblick des Bildes vom Wolf von Jörg Albrecht, 2012, WallsteinBeim Anblick des Bildes vom Wolf.
Roman von Jörg Albrecht (
2012, Wallstein-Verlag).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ, vom 19.4.2012:

Vollmond-Geheul gegen den Kapitalismus

Sie arbeiten als Textspezialisten, Modedesigner, Computergamekomponist, Animationszeichner, und sie arbeiten immer: "High End Stress!" Sie kamen aus dem Ruhrgebiet, aus Würzburg oder Oberammergau in die große Stadt. "Und sie warten. Auf den nächsten Anruf, der die nächste verheißungsvolle Karriere verspricht. Auf den nächsten Auftritt als Promofoto. Auf den nächsten Fick. Während in einer weiteren Institution irgendwo im Land der Glaube darin bestärkt wird, dass die ökonomische Position nur gehalten werden kann, wenn die ganze Nation und jede Stadt und jeder Einzelne in diesen Städten endlich kreativ wird."

Vielleicht muss man im notorisch anti-intellektuellen Ruhrgebiet sozialisiert worden sein, um die Abgründe dieser Existenzformen unerschrocken in den Blick nehmen zu können. Der Wahl-Berliner Autor Jörg Albrecht, 1981 in Bonn geboren, wuchs auf in Dortmund, studierte in Bochum und wird demnächst wieder viel in Mülheim sein, wo er am dortigen Ringlokschuppen Theaterprojekte macht für eine Region im, na sagen wir, Umbruch.

In Albrechts Roman "Beim Anblick des Bildes vom Wolf" steckt eben dieser in jedem der Protagonisten rund um den Erzähler Thies (auch aus dem Ruhrgebiet). Assoziativ, spielerisch und collagierend entwirft Albrecht eher Schnappschüsse denn Stories. Jasper, offizieller Nichtstuer, dreht einen Werwolf-Film, und Transsilvana, eine Transsexuelle aus Rumänien, saugt japanische Pashion-Blogger aus: Die Verwandlung ins Reißerische ist eingepreist.

In Zeiten, in denen Kreativwirtschaft selbstverständlich KreatIVwirtschaft geschrieben werden muss, jobbt der Nachwuchslektor nebenbei als Barmann und knutscht samstags seine Fallmanagerin; Albrecht wagt die Frage, was das für ein Leben ist. Sein Vollmondgeheul gegen Kapitalismus-Exzesse, gegen eine deregulierte Sex- und Spaßgesellschaft klingt schräg-schaurig, doch erstrahlt im Mondenschein mancher Satz umso klarer: "Wie kommen wir eigentlich davon los, nur glücklich, nur glücklich zu sein, wenn wir arbeiten?"

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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