Begegnung in Samarra von John O'Hara, 2006, BeckBegegnung in Samarra.
Roman von John O'Hara (2007, Beck -
Übertragung Klaus Modick).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 9.05.2007:

Der gekonnte Blick in den Abgrund

Schon 1934 gelang John OHara mit seiner "Begegnung in Samarra" ein großartiges Buch. Der Dow Jones befindet sich im Keller, die Wirtschaft am Boden und der Konsumrausch eines "Goldenen Jahrzehnts" hat sich verflüchtigt. Die "Roaring Twenties" sind vorbei, daran können auch die markigen Beteuerungen des "herzlosen Hoover" nichts ändern. Wie ein Flächenbrand wütet die Depression und erreicht mit ihren sprühenden Funken sogar die verschlafenen Kohlenpott-Städte Pennsylvanias. Etwas von jener vernichtenden Hitze bekommt auch Julian English zu spüren. Den medizinischen Fußstapfen seines Chirurgen-Vaters entronnen, betreibt der junge Collegeabsolvent im netten Gibbsville einen florierenden Cadillacvertrieb. Als dieser auf dem konjunkturschwankenden Parkett des Jahres 1929 ins Rutschen gerät, holt ihn die Finanzspritze des reichen Harry Reilly aus den roten Zahlen. Erleichtert setzen Ju und seine charmante Gattin ihren Jet-Set-Lebensstil fort: Tagsüber langweilen sie sich beim Bridge, nachts tanzen sie in exklusiven Clubs und plündern trotz Prohibition die von "Kleinstadt-Al Capone" Charney organisierten Scotchvorräte. Doch am Weihnachtsabend des Jahres 1930 wendet sich das Blatt. Julian, ebenso betrunken wie unzufrieden, kippt seinem einstigen Gönner einen Drink ins Gesicht. Eigentlich ein banaler Ausrutscher, ein Filmriss. Doch als der verkaterte Unglücksrabe an den folgenden Tagen auch noch Mafiabraut Helene ins Innere seines Cadillacs schleppt und polnische Anwälte in den geheiligten Hallen des Lantenengo-Clubs zum Faustkampf herausfordert, bekommt sein heimischer Haussegen eine leichte Schieflage. Vermeintliche Freunde wenden sich ab.

Immer oben schwimmen

"Wehr dich nicht gegen das System, sonst machst du es kaputt" - stets schien ihm diese Redensart sinnlos. Doch bisher schwamm er ja ganz oben auf der Welle gepflegter Kleinstadttraditionen und profitierte von den hierarchisch festgefügten Gesellschaftsstrukturen. Nun aber droht ihn das Räderwerk des Gibbsvilleschen Mikrokosmos zu zermalmen, und dem Ex-Sonnenschein bleibt nur noch der sorgenvolle Blick in den Abgrund.

Eben dieser war auch John OHara immer dann vergönnt, wenn er mal wieder sturzbetrunken aus einem seiner Journalistenjobs geflogen war. 1934 gelang dem bärbeißigen Wüstling mit "Begegnung in Samarra" der schriftstellerische Durchbruch. Hemingway lobte den Iren als großartigen Autor, Dorothy Parker bescheinigte seinem Romanerstling ein "fast unglaubliches Tempo". In der Tat konnte OHara bei der Beschreibung des intrigengespickten Gibbsville auf so manche Erfahrung mit dem Gesellschaftsklüngel seines Geburtsortes Pottsville zurückgreifen. Eine zähklebrige Angelegenheit übrigens, die ihn zeitlebens auf die Palme brachte... (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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