Baum der
Nacht.
Alle Erzählungen von Truman
Capote (2007, Verlag Kein & Aber - Übertragung
Ursula-Maria Mössner).
Besprechung von Inge Rauh aus den Nürnberger
Nachrichten vom 14.05.2007:
Spätes Bekenntnis einer
verirrten Liebe
In einer Story-Sammlung ist der exzellente
Stilist Truman Capote neu zu entdecken
Truman Capote kann man jetzt
ganz anders lesen. Nicht als selbstzerstörerischen Skandal-Autor, sondern als
großen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Der Schweizer Verlag Kein & Aber
gibt eine auf acht Bände angelegte Werkausgabe heraus, dazu gehört die
Story-Sammlung «Baum der Nacht».
Unsterblich verliebt hatte sich der 13-jährige Billy Bob in die zehnjährige
Miss Bobitt, doch die Sache ging aus Gründen, die mit Herzschmerz nichts zu tun
haben, böse aus. Lapidar berichtet Billy Bobs Vetter, der Sechs-Uhr-Bus habe
«gestern Nachmittag Miss Bobitt überfahren». Das Mädchen mit «rosaroten
Locken und spröder Würde» galt als besondere Erscheinung im Städtchen,
angefeindet und bewundert gleichermaßen.
«Kindergeburtstag» nannte Truman Capote seine sich arglos anbahnende
Geschichte, die erklärt, wie sich feste Gemeinschaften fast unmerklich
verändern. Das Leben geht zwar nach außen hin seinen gewohnten Gang, aber ein
Auftritt wie der von Miss Bobitt hat es gehörig durcheinandergewirbelt. Hier
schon fing ein junger, hoch begabter Schriftsteller an, kleine Alltäglichkeiten
mit bizarrer Komik auszuleuchten und in versteckte Seelenwinkel zu schauen.
Beunruhigende Dinge passieren, weil es Menschen gibt, die sich in kein Schema
pressen lassen und auf beängstigende Weise ein Geheimnis bewahren.
Viele der wieder aufgelegten und (sehr stimmig) neu übersetzten Storys stammen
aus den vierziger Jahren und spielen im wesentlichen an zwei Schauplätzen, die
für den aufstrebenden Capote von Bedeutung waren. Der amerikanische Süden mit
dem Flair eines Tennessee Williams und New York - aber noch nicht aus der
Glitzer-Perspektive der Fifth Avenue und dem berühmten «Frühstück bei
Tiffany». Die Zeitgenossen schlagen sich mit kärglichen Mitteln durch, hausen
in schäbigen Zimmern und schauen, wo sie Unterschlupf finden oder mal ein paar
Dollar einsammeln.
Der Exzentriker Truman Capote hat sich bereits mit Anfang zwanzig um
traumwandlerische Einzelgänger gekümmert, solche, die ihre Mitmenschen
buchstäblich noch im Schlaf verfolgen. Dem Galeristen Vincent läuft ein
dünnes Mädchen nach, es verkauft ihm ein Bild und quartiert sich bei ihm ein.
Er verliebt sich, ist fasziniert von dem rätselhaften Wesen, aber zunehmend
flößt die Kleine ihm Angst ein, bis er ihr Köfferchen vor die Tür stellt und
die Wohnung verbarrikadiert.
Die vollständige Besprechung von Inge Rauh finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
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