Baudolino von Umberto Eco, 2001, Hanser-Verlag1.) - 3.)

Baudolino.
Roman von Umberto Eco (2001, Hanser).
Besprechung von Roland H. Wiegenstein aus der Frankfurter Rundschau, 13.9.2001:

Wenn der Glaube Berge versetzt
Untröstlicher Skeptiker, dem die Aufklärung im Blut steckt: Umberto Eco und sein jüngster Historienroman "Baudolino".

April 1204 - Konstantinopel in Flammen, in Brand gesteckt von aus Frankreich und anderen europäischen Ländern aufgebrochenen Kreuzfahrern. Die greifen, den Venezianern zuliebe, die sie vorfinanziert haben, in die Händel am byzantinischen Hof ein. Jerusalem ist weit, die Stadt eine gute Beute.

Im brennenden Konstantinopel stößt Baudolino, ein Bauernjunge aus der Frascheta, auf den griechischen Richter und Hofhistoriker Niketas, rettet ihn und seine Familie vor dem mörderischen Übermut der lateinischen Pilger - und erzählt ihm seine Geschichte: die eines begnadeten Lügners. Niketas soll sie aufschreiben. Baudolino ist zwar vieler Sprachen mächtig und dank einiger Studienjahre in Paris mit Maßen halbgebildet, doch Angehörige des reisenden Hofadels, zu denen Baudolino schließlich gehört, haben anderes zu tun als Chroniken zu schreiben.

Der nach seinem Helden benannte Roman beginnt mit dessen höchst kuriosen Schreibversuchen. Ganz am Ende beschließt Niketas, lieber die Geschichte Konstantinopels zu verfassen, und tröstet sich damit: "Früher oder später wird sie jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino." Sehr viel später!

Umberto Eco macht seinen Helden zum "Adoptivsohn" Friedrich Barbarossas, verwickelt ihn in die ärgsten Abenteuer, schreibt ihm die Rettung der gerade erst erbauten Stadt Alexandria zu, die Entdeckung der Gebeine der Heiligen Drei Könige, des Heiligen Grals, des Turiner Leichentuchs (das, will man Eco und Baudolino glauben, "in Wirklichkeit" den Körperabdruck eines leprakranken Diakons aus Pndapetzim festhält, einer mythischen Stadt im hintersten Mittelasien). Er begleitet den Kaiser auf dessen Kreuzzug (dem dritten von insgesamt acht), nachdem er ihm vorgespiegelt hat, im Fernen Osten, dem "Irdischen Paradies" benachbart, läge das Reich des "Presbyters Johannes", eines Nachfolgers des Heiligen Thomas und der "Drei Magier" aus dem Matthäus-Evangelium und deshalb höchst geeignet, die unverschämten Ansprüche des Heiligen Stuhls auf die Herrschaft über das Abendland ein für alle Mal zu Gunsten des Kaisers abzuweisen.

Als Jüngling liebt Baudolino die Kaiserin Beatrix - keusch, wie es sich geziemt -, in mittleren Jahren heiratet er ein Mädchen aus seinem Dorf, das ihm der Tod schnell wieder entreißt, in seinen späten - er ist schon über fünfzig - verfällt er Ipatia, einem Elfenwesen mit Ziegenbeinen, doch auch diese Liebe bleibt ohne Erfüllung: Baudolino wird nie wissen, ob der gemeinsame Nachwuchs überhaupt zur Welt kommt. Vor Ipatias Niederkunft erobern die weißen Hunnen Pndapetzim, eine asiatische Höhlenstadt, regiert von Eunuchen im Namen jenes Diakons, der dem weit entfernt herrschenden Priester Johannes angeblich einmal nachfolgen soll. Baudolino muss fliehen und erreicht nach weiteren üblen Jahren 1204 Konstantinopel, rechtzeitig zum großen Brand. Den Kaiser hat er schon vorher begraben; Friedrich ist, wie man weiß 1190 beim Baden in einem Flüsschen in Kleinasien ertrunken. Doch was es wirklich mit diesem Tod auf sich hatte, das erfährt man bei Eco erst ganz am Schluss; ein bisschen Kriminalistik muss sein.

Ein pikaresker Roman voller Abenteuer, erzählt in der ersten Person vom Helden, in der dritten Person von dem, der "noch verlogener" ist. Eco eben. Wobei der Wechsel der Erzählstruktur eher willkürlich erfolgt, nach der für Außenstehende unerfindlichen "Ordnung" des unendlichen Materials. Baudolino ist, was man einen "guten Kerl" zu nennen pflegt, der sich inmitten unzähliger Mordtaten die Hände nicht schmutzig macht; nur ein Totschlag geht auf sein Konto, und der erfolgt in Notwehr. Aber auch den vielen anderen Figuren des Romans lässt Eco ihren Eigensinn, selbst wenn sie Böses tun, selbst dem verräterischen Zosimos, der den Gral (im Buch "Gradale" genannt) stiehlt. Der freilich ist nichts anderes als das hölzerne Trinkgefäß von Baudolinos Vater. Aber das verbirgt der unermüdlich Erzählende vor seinen Kumpanen - Mitstudenten, deren Spuren sich in mittelalterlichen Chroniken finden lassen, Leuten aus seinem Dorf, einem griechischen Mönch, einem armenischen Reliquienfälscher und einem Rabbiner - auf der langen Kreuzfahrerreise mit Friedrich und der anschließenden, sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckenden Suche nach dem Priester Johannes.

Von den Zwölf, die nach Osten aufgebrochen sind, kehren am Ende nur drei nach Italien zurück, Baudolino selbst versucht sich als Säulenheiliger, steigt nach eindringlicher Meditation wieder von seinem Hochsitz herab, plaudert ein paar Wochen mit Niketas und bricht noch einmal nach Osten auf, ehe er unseren Blicken entschwindet. Dass er aufschneidet, ja lügt, ist offensichtlich. Doch wann er aufschneidet oder lügt, das herauszufinden überlässt Eco den Gebildeten unter seinen Lesern.

Italienische Kritiker haben in dem Buch Anspielungen auf aktuelle politische Entwicklungen sehen wollen: Doch die mittelalterlichen Streitigkeiten zwischen Alessandria, Lodi, Mailand, Genua, Cremona, Pavia eignen sich als Beispiele für Bossi und Genossen nur bedingt. Allenfalls, wenn Baudolino zum Kaiser sagt: "Bei diesen Städten wirst du immer verlieren, weil du sie zur Ordnung zwingen willst, die ein Kunstprodukt ist, während sie in der Unordnung leben wollen, die der Natur entspricht", werden Berlusconi-Geprüfte einverständig nicken.

Eher schon kann man das Buch lesen als (poetischen?) Kommentar zu jenen Kapiteln in Spenglers Untergang des Abendlandes, die sich im zweiten Band dieses Buchs unter dem Rubrum "Historische Pseudomorphosen" finden lassen. Ob es sich dabei um frühe, ein für alle Mal gespeicherte Lesefrüchte Ecos handelt oder das Ergebnis neuerlicher Lektüre, muss offen bleiben. Mit Untergang hat das Buch allerdings etwas zu tun: mit dem des abendländischen Christentums nämlich, dessen unabsehbar prolongierte letzte Phase bis in unsere Tage reicht.

Das Buch ist auch eine philosophische Elegie. Gewürzt mit der souveränen Ironie eines Autors, der mit seiner Gelehrsamkeit nie hinter dem Berge zu halten weiß. Ecos Ironie ist nur selten scharf, vielmehr meist geduldig, fast freundlich, selbst über die mittelalterliche Jagd nach Reliquien macht er sich nicht wirklich her: "Der Gläubige, der sie küsst, spürt, dass ihnen übernatürliche Düfte entströmen. Es ist der Glaube, der sie echt macht, nicht sie den Glauben."

Dieser Glaube heiligt selbst profane oder ihrer Natur nach unglaubwürdige Objekte wie ein Barthaar oder gar die Vorhaut Jesu. Solchen Glauben versucht der Spötter zu begreifen, ja er trauert ihm nach, ohne doch den mindesten Versuch zu unternehmen, ihn wiederherstellen zu wollen, ein untröstlicher Skeptiker, dem die Aufklärung im Blut steckt.

Ein genuiner "Erzähler" ist Eco nicht. Zuweilen gelingen ihm jedoch schöne Passagen: das Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Kaiser Friedrich und seinem ungebärdigen Adoptivsohn und die Bohème-Atmosphäre auf der Hohen Schule in Paris sind gut getroffen, die Belagerung Alessandrias mit ihrem überraschenden Ende wird recht komisch erzählt, anschauliche Beschreibungen der Massaker verraten eine beträchtliche Kenntnis davon, was Menschen anderen anzutun im Stande sind. Schließlich erfreut er uns mit der bezaubernden, anrührenden Liebesgeschichte zwischen Baudolino und Ipatia. Gäbe es da nur nicht die aufhaltsamen Kapitel, in denen Eco sein fabulöses Wissen ausbreitet, unbekümmert darum, ob den Leser der Unterschied zwischen Maria als "Gottesgebärerin" oder "Menschenmutter" oder der Verbleib von zehn der zwölf Stämme Israels nach der Zerstörung des Tempels noch etwas angeht. Nur einmal zuckt mindestens der deutsche Leser zusammen, nämlich wenn er Kaiser Friedrich zu dem Juden Solomon sagen lässt: "Wir Teutonen haben wirklich gut daran getan, die Angehörigen deiner Rasse zu beschützen, und so werden wir es auch in den kommenden Jahrhunderten halten, das schwöre ich dir im Namen meines Volkes." Den Schwur muss sein Volk gründlich vergessen haben, nachdem es den Alten in den Kyffhäuser verbannte.

Der Übersetzer Burkhart Kroeber hat Ecos Buch um einiges eleganter gemacht, als es im Original ist. Eco schreibt ein eher lässiges Italienisch; Kroeber bemüht sich, die in dieses Buch investierte Intelligenz auch dort hervorzutreiben, wo sie bei Eco selbst etwas pedantisch wirkt.

Dass Baudolino nicht die Spannung des Namens der Rose erreicht, mag ja sein, aber die Abenteuer von Ecos neuen Helden stechen die spitzfindigen Überlegungen des Foucaultschen Pendels allemal aus. Und vom Mittelalter mehr zu erfahren als in unseren Schulbüchern steht, das ist durchaus ein zureichender Grund, sich in seinem Roman(-Essay) zu vertiefen.

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Baudolino von Umberto Eco, 2001, Hanser-Verlag2.)

Baudolino.
Roman von Umberto Eco (2001, Hanser).
Besprechung von Irene Binal aus dem FOCUS, 2001:

Mit „Baudolino“ verteidigt Eco seinen Platz in der ersten Reihe der modernen Belletristik eindrucksvoll. Er schildert die Geschichte des Bauernjungen aus dem Piemont mit feinem Humor und tiefsinnigem Witz. Natürlich fehlen auch nicht gelehrte Diskurse über Gott, die Welt und andere Dinge – wie etwa die Frage nach der Existenz der Leere, ebenso wenig wie Passagen von tiefem Ernst, denen aber der Autor selbst am Schluss noch ein augenzwinkerndes Schnippchen schlägt.
 
Sein Held Baudolino ist eine Art mittelalterlicher Forrest Gump. Diesem ist er zwar an Geistesgaben weit überlegen, aber ebenso wie er geht Baudolino unbekümmert mit den Spielregeln der Gesellschaft und der Politik um. Von sich selbst sagt Baudolino, er sei ein Lügner, aber die Lügen, die er auftischt, bewirken nie Böses.

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Baudolino von Umberto Eco, 2001, Hanser-Verlag3.)

Baudolino.
Roman von Umberto Eco (2001, Hanser).
Besprechung von Brigitte Schwens-Harrant aus Rezensionen-online *Sz*, April 2001:

Lügen haben lange Beine

Italien, Hochmittelalter. Friedrich Barbarossa bemüht sich vergeblich die italienischen Städte zu befrieden, die untereinander viel zu verfeindet sind, um je eindeutige Ligen zu bilden. Der einfache Baudolino (schon der Name ist erfunden), der aus einer dieser aufständischen Städte, Alessandria, kommt, fälscht und erfindet für den Kaiser, was nicht erwiesen, aber für den Machtanspruch des Kaisers und das Reich brauchbar scheint. So entstehen sog. historische Dokumente. So entsteht auch die Vision von einem christlichen Reich, das beinahe dem Paradies gleichkommt. Den Brief des Presbyters Johannes, eine Fälschung, die die mittelalterliche Welt bewegte, lässt Eco von nicht ganz nüchternen jungen Männern schreiben.

Auch indirekt wirkt sich Baudolinos Tun auf die schriftlichen Hinterlassenschaften aus: so beginnt Eco den Roman mit einem überschriebenen Pergament. Baudolino hat die Chronik Otto von Freisings abgeschabt, um seine Memoiren verfassen zu können. Weswegen der Bischof seine Chronik neu und anderes geschrieben hat. Die Einsicht Baudolinos als Pointe: also hätte, wenn Baudolino die erste Chronica nicht überschrieben hätte, Friedrich am Ende gar nicht all das getan, was wir als seine Taten rühmen.

So entsteht Geschichte. Und das ist auch ein Hauptthema in Ecos neuem Roman. Lügen schaffen Wirklichkeit. So erfahren die Leser des Romans Kapitel um Kapitel wie Niketas - Kanzler des Kaisers von Byzanz und Geschichtsschreiber, dem der alte Baudolino sein Leben erzählt - Geschichten, denen sie nicht recht glauben mögen - falls sie am Anfang aufgepasst und nicht überhört haben, was Baudolinos Schwäche (resp. Stärke) ist: er selbst weiß nicht (mehr), was wahr ist und was nicht, oder - um sein eigenes Bekenntnis zu zitieren: "Kyrios Niketas, das Problem meines Lebens ist, dass ich nie klar und deutlich getrennt habe zwischen dem, was ich wirklich sah, und dem, was ich sehen wollte ..."

Ein Erzählwerk, das atemlos von einem Schauplatz zum nächsten eilt, von einer theologischen, soteriologischen, christologischen Disputation zur nächsten, 597 Seiten lang. In der Historie wenig Bewanderte werden bald aussteigen beim Versuch zu erkennen, was bezeugt und was echt Eco ist. Aber das macht nichts, das soll ja auch so sein. Lesende tun als ob. Wie Schriftsteller. Oder Geschichtsschreiber.

Ein Erzählvergnügen, auf das man sich gerne einlässt, so man einen langen Leseatem und genug Zeit hat, und bei dem man neben Friedrich Barbarossa auch viele andere Bekannte wiedertrifft aus Kirche und Politik. Zum Schmunzeln gibt es auf jeden Fall auch bei diesen Begegnungen genug.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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