Barbar Rosa von Georg Klein, 2001, Fest-Verlag1.) - 3.)

Barbar Rosa.
Roman von Georg Klein (2001, Alexander Fest Verlag).
Besprechung von Gudrun Norbisrath aus der WAZ, 10.5.2001:

Georg Kleins verkommene neue Welt
Über Barbar Rosa, den jüngsten Roman des hochgelobten Erzähltalents.

Barbar Rosa ist das merkwürdigste Buch, das ich je gelesen habe. Aber es ist fabelhaft.
Georg Klein ist die Entdeckung der letzten Jahre. Dabei ist er kein Junger; 1953 geboren, machte er 1998 mit Libidissi Furore, 1999 erschien der grandiose Erzählungsband Anrufung des Blinden Fisches. Nun also Barbar Rosa, mit dem behäbigen Untertitel Eine Detektivgeschichte.

In altväterisch gespreizten Worten breitet der Ich-Erzähler eine fantastische, absurde, in jeder Hinsicht obszöne Geschichte aus. Das ist irritierend, macht aber süchtig, gleichzeitig erinnert die knappe Form an Raymond Chandler und geht doch weit darüber hinaus. Denn dies ist alles andere als eine Detektivgeschichte.

Ein Mann soll einen verschwundenen Geldtransporter finden. Er wird von einer Bande überfallen, aber die Jungs wollen kein Geld, sondern sein Jackett, und die Nachforschungen des Mannes gelten zunächst der alten Jacke: als gäbe es für ihn kein größeres Gut. Warum? Wer weiß.

In dieser Geschichte entspricht nichts den gängigen Erwartungen. Der Mann, der sich Mühler nennt, beschafft sich Informationen in einem skurrilen Gebrauchttextfundus; zu seinen Quellen gehört ein Comic-Fragment. Was soll das?

Diese Welt ist verrückt und auf absurde Weise verkommen. Sie ist in einer nebelhaften Zukunft ebenso angesiedelt wie in einer unbestimmten Vergangenheit; die Polizei steckt Waffen zu, aus Tod und Geld entsteht eine Kunst, die man geneigt ist, beknackt zu nennen. Sexuelle Begierden sind abstrus, Alkohol reicht nicht, um betrunken zu werden; die Menschen dösen sich mithilfe eines Alkoholverstärkers in dumpf-heitere Sorglosigkeit. Das alles ist detailliert geschildert; von einem sehr speziellen Porno-Shop heißt es liebevoll: Das letzte architektonisch im Originalzustand erhaltene Doppelstock-Pissoir Mitteleuropas.

Klein ist ein Erzähltalent mit bizarrer Fantasie. Er spielt mit Elementen des Fernsehkrimis, lässt Erkenntnisfetzen aufdämmern und zerstört sie wieder, und am Ende wird Mühler zum Comic-Helden: Als Superman fliegt er rückwärts durch die Zeit, zu Barbarossa, dem in metaphysischer Überhöhung des ausgebreiteten Weltekels ein scheußliches Gewächs anstelle des Rotbartes durch den Tisch wuchert. Das ist allerdings eine merkwürdige, eher überflüssige Wendung, denn der Ekel ist allgegenwärtig in diesem faszinierenden Buch, das Zeitkritik ohne moralischen Anspruch, ja, ausdrücklich unmoralisch anbietet.

Der Wahnsinn hat Rhetorik. Warum ist diese Welt so? Keine Antwort. Wer ist der Barbar? Alle. Und der Geldtransporter, den Mühler schließlich findet, ist rosa. Alles klar? Nein? Der Auftraggeber ist übrigens mit dem Entführer identisch. Vielleicht. Oder so.

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Leseprobe I Buchbestellung 0701 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine

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Barbar Rosa von Georg Klein, 2001, Fest-Verlag2.)

Barbar Rosa.
Roman von Georg Klein (2001, Alexander Fest Verlag).
Besprechung von Michael Braun aus der Frankfurter Rundschau, 21.3.2001:

Kaiserreich des Abscheus
Georg Kleins morbide Detektivgeschichte "Barbar Rosa"

Man muss sie durchaus noch fürchten, die Dämonen des Georg Klein. Denn in den Tiefen des Unbekannten, in die der Autor seine Leser hinablockt, erwartet uns noch immer manch schaurige Offenbarung. Zwar kommen uns die Landschaften der Morbidität, durch die sich Kleins Helden bewegen, mit ihren gesuchten Scheußlichkeiten bekannt vor. Denn all die fantastischen Motive und Szenarien seiner Bücher sind den Arsenalen der schwarzen Romantik und der Literatur der Décadence entnommen - und doch erscheinen seine Helden nicht als Wiedergänger aus der Literaturgeschichte, sondern als beklemmend gegenwartsnahe Zeitgenossen. Es sind einsame Irrläufer, die im Verlauf ihrer immoralischen Abenteuer immer wieder abtauchen in tellurische Bereiche: in unterirdische Gänge, marode Tunnel- und Kanalsysteme oder labyrinthische Funktionsbauten wie Parkhäuser oder Hallenbäder, die sich in fortgeschrittenem Verfallsstadium befinden. Ständig verirren sie sich in diesen unterirdischen Labyrinthen und bewegen sich kriechend vorwärts durch eine Atmosphäre aus Moder und Fäulnis.

Die Odyssee durch diese finsteren Kammern des Schreckens gelangt aber nie an ein Ziel, denn Kleins moderne Hadeswanderer sind dazu verurteilt, auf immer neue Schrecken und Geheimnisse zu stoßen. Fluchtpunkt all der Suchbewegungen, die Kleins Helden ausführen, ist stets die Kloake, die verheerte Stadtlandschaft mit ihren Epizentren der Verwesung. Was dann vor ihre Augen tritt, betrachten sie mit einem Gefühl des Schauders, in dem sich Faszination und Dégoût mischen.

Im neuen mythomanischen Prosawerk Kleins, dem als "Detektivgeschichte" deklarierten Schauerroman Barbar Rosa, führt sich der Held als freier Mitarbeiter einer geheimnisvollen "Verwaltung" ein und verstrickt sich im Verlaufe seiner detektivischen Ermittlungen immer tiefer in das Rätsel, das er eigentlich aufklären soll. Schauplatz der Handlung ist "die Hauptstadt", ein in die nahe Zukunft verlegtes Berlin, dessen marode Infrastruktur kurz vor dem völligen Zusammenbruch steht. Auf den meist menschenleeren Straßen und verfallenen Wegen tummeln sich räuberische Jugendbanden und semi-kriminelle Alkoholiker, die sich zur Erzeugung eines verbotenen Rauschgetränks zusammenrotten.

Während man sich in Kleins fulminantem Erstling Libidissi mit "Suleika" vergnügte, einem Gebräu aus vergorener Stutenmilch, ist in Barbar Rosa das "Sucko" zur Volksdroge geworden, ein zäher Brei mit alkoholverstärkender Wirkung. Mitten in diesen rechtsfreien Verfalls-Zonen agiert Mühler, der Detektiv, der den Auftrag erhalten hat, das Verschwinden eines Geldtransporters aufzuklären. Seine Recherchen führen ihn bald zu bizarren Örtlichkeiten, an denen seine Informanten ihren absonderlichen sexuellen Neigungen nachgehen oder aber größenwahnsinnige ästhetische Projekte aushecken. Ein ausgedientes Pissoirhäuschen hat Mühlers Freund Kurti zu einem Video-Shop mit nekrophilen und fäkophilen Sensationen umfunktioniert. Der "urinophile" Kurti agiert zudem als Assistent des exzentrischen Künstlers Bertini, der skulpturale Versuche nicht nur an lebenden, sondern auch an toten Objekten unternimmt. Die toten Fahrer des verschwundenen Geldtransporters werden von Bertini mumifiziert und später als schauriges Dekor einer spektakulären Kunstaktion missbraucht.

In den 26 Kapiteln der "Detektivgeschichte" wird so manch dekorative Perversion lustvoll ausgepinselt. So lässt Klein seine Figuren sich an bizarren Exhibitionismen erfreuen und zu eher unappetitlichem "Geschlechtshandeln", zu "Greiflichkeiten gegen fremde Körper" ansetzen.

Peinlich genau achtet Klein jedoch darauf, dass seine Ekel-Bilder als kryptische Zitate kenntlich werden. Was als Lob an seinen Helden Mühler adressiert ist, kann der Autor Klein auch für sich selbst in Anspruch nehmen: Er ist ein "guter Material-Verwerter", der sich wie sein Held Mühler aus einem riesigen "Gebrauchttextfundus" zu munitionieren versteht. Wenn Mühler bei den Archivaren Arnold und Lionel Ilbich um Text-Hilfe bittet, dann erhält er als wichtigstes Dokument ein Comic-Heft. In diesem Comic-Heft sind die tolldreisten Action-Muster präfiguriert, denen auch die "Detektivgeschichte" um den verschwundenen Geldtransporter gehorcht. Und man darf es als durchaus unbescheidene Selbstreflexion des Autors Georg Klein verbuchen, wenn es von der Sprache des Comic-Heftes heißt, "die Sätze seien mit erlesenen Wörtern und ausgefallenen Wendungen wie garniert und sollten (...) an die Sprache guter Bücher erinnern".

Wer nur den Spuren der Handlung folgt, wird dieses Buch als Dekonstruktion der klassischen Detektivgeschichte lesen. Das raffinierte Kalkül des Autors will es, dass von dem gesamten Romanpersonal der Detektiv Mühler die einzige Figur bleibt, die nicht eingeweiht wird in die Hintergründe des Falls und ahnungslos durch einen Reigen mysteriöser Ereignisse taumelt. Was auch immer Mühler unternimmt, um das Geheimnis um den verschwundenen Geldtransporter aufzulösen, er bleibt bis zum Ende Gefangener und unfreiwilliger Mitspieler in einem grausigen Exerzitium, das sich der Aktionskünstler Bertini ausgedacht hat. Der Detektiv ist nicht mehr der Aufklärer, der in systematischer Gedankenarbeit die Fäden des Falles entwirrt, sondern er ist in seiner Begriffsstutzigkeit reduziert auf seine Rolle als Opfer undurchschaubarer Intrigen.

Weit mehr als eine "Detektivgeschichte" ist dieses neue Prosawerk Georg Kleins eine virtuose Reminiszenz an die romantische Ästhetik des Bösen und ihre programmatische Koppelung von Schönheit und Schrecken, Morbidität und Mystik. Schon der Romantitel rührt ja an einen Mythos des Unterirdischen und Sinistren. Es ist die germanophile Kyffhäuser-Sage vom Kaiser Barbarossa, die an einer entlegenen Stelle in den Text eingeschmuggelt wird, wobei Klein den Urtext radikalen Metamorphosen unterworfen hat. In der ursprünglichen Sage verharrt der alte Kaiser in einem unterirdischen Schloss in jahrhundertelangem Schlaf, und er vermag aus diesem Schlaf nicht zu erwachen. Er sitzt wie festgebannt an einem Tisch, und sein feuerroter Bart ist durch den Tisch gewachsen, auf dem sein traumschwerer Kopf ruht.

Bei Georg Klein, dem schwarzen Romantiker, Mythen-Mischer und Verwandlungskünstler, wird dieses alte Szenario aus der Kyffhäusersage in ein besonders galliges Ekelbild transformiert. Hier wird der herumirrende Detektiv zum Rotbart, der vor seiner eigenen bleichen Fratze zurückschaudert. Die Objekte seines Begehrens, Körper und Automobile, sind von der Farbe Rosa umhüllt. Am Ende des Buches wird der völlig Entkräftete, der sich selbst zum "Gespenst" geworden ist, von einem Erinnerungsschub heimgesucht und sieht in einer Vision ein "transparentes Kind" an einem Tischlein sitzen, einen schaurigen Doppelgänger des in der Kaisersage herbeigerufenen Knaben: "Vom Kinn des Kindes oder von seinen Lippen hing, halb wie ein Bart, halb wie eine an falscher Stelle ausgetriebene Nabelschnur ein fleischfarbenes Gewächs herunter. Es hatte mit der sanften Gewalt des Wurzelkeims die Tischplatte durchstoßen und ringelte sich, einem Schwänzlein ähnlich, unterhalb des Tisches. Mir schienen tausend Jahre Ekel, ein Kaiserreich der Scheu und Abscheu, an diesem Auswuchs aufgehängt."

In seinem "Kaiserreich des Abscheus" bewegt sich Georg Klein so traumwandlerisch sicher, dass auf ihn auch zutreffen mag, was einst Paul Valéry über den okkulten Autor Joris Huysmans äußerte, den radikalsten Vertreter einer Literatur des provozierend Hässlichen. Valérys Respektbezeugung ist auch im Fall des Autors Georg Klein angebracht, führt er uns doch in Geschichten von eisiger Perfektion auf die Nachtseiten der Vernunft: "Er war erpicht auf ausgefallene Begebenheiten und Geschichten, wie man sie an den Toren der Hölle erzählen könnte; sonst aber wusch er sich die Hände in Unschuld (...) Der Abglanz einer dem Seltsamen zugeneigten Gelehrsamkeit ging von ihm aus (...) Er witterte in allen Begebenheiten auf Erden Schmutz, Hexerei und Schändlichkeiten; und vielleicht hatte er sogar Recht.

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Leseprobe I Buchbestellung 0401 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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Barbar Rosa von Georg Klein, 2001, Fest-Verlag3.)

Barbar Rosa.
Roman von Georg Klein (2001, Alexander Fest Verlag).
Besprechung von Christina Bitzikanos aus Rezensionen-online *Sz", März 2002:

Tabubruch um jeden Preis

Wer kennt Barbarossa, den berühmtesten Rotbart der Geschichte, nicht und wer assoziiert den Titel des Detektivromans von Georg Klein wohl daher nicht mit eben diesem historischen Beinamen? Erst recht dann, wenn auch dem Protagonisten "rötliches Barthaar aus dem Antlitz sprießt". Irritiert schlussendlich lediglich die Schreibweise des Namens...

Dies aber nur so lange, bis man auf "rosafarbene Bläschen", auf ominöse "rosa Lackspuren", ein "rosa Handtuch" oder "rosa Stuck" stößt. Auch das Objekt der Fahndung, ein Lieferwagen der besonderen Art, ist rosa gefärbt. Doch damit der Farben nicht genug: Neben Rosa gehören auch Grün und Rot zur breiten Farbskala Georg Kleins.

Weniger breit ist die Romanhandlung, die um den Privatdetektiv Mühler und die Auffindung eines Lastwagens kreist. In ihrer übertriebenen Fantastik muten die einzelnen Szenen fast schon lächerlich an, das Problem hierbei: Von Komik kann keine Rede sein. Tough guy Mühler verfolgt und recherchiert, seine "Materialtüte" stets in der Hand.

Umgeben ist er von seinem "urinophilen" Freund Kurti, einer "krampfadrigen" Polin und Bertini, einem Mann, der das Konservieren von Leichen für Kunst hält. Genauso absurd wie das Figurenpersonal und mit diesem die Gesellschaft per se sind die Schauplätze, wie etwa das zu einem Archiv umfunktionierte Parkhaus oder ein altes Hallenbad.

Mag sein, dass der 48-jährige Autor hie und da Gesellschaftskritik durchklingen lässt, die Flüssigkeiten und Ausscheidungen verstellen dem Leser aber oft die Sicht darauf. Kotze, Speichel, Blut, Rotz und Urin sind die ständigen Begleiter auf der langatmigen Verfolgungsjagd.

Kann Soziokritik denn nicht auch ohne ständiges Erwähnen abstoßender Sekrete und Exkremente auskommen?

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