Bangemachen
gilt nicht auf der Suche nach der roten Ruhr-Armee.
Eine Vorerinnerung von Jürgen Link (2008,
Asso-Verlag).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
20.12.2008:
Stein des Andenkens
Selbstverständlich darf man einen Roman von beinahe 1000
Seiten nicht empfehlen. Das grenzte in Zeiten, die zum Lesen keine Zeit lassen,
ja an den Tatbestand der Nötigung. Aber man wird staunen dürfen über diesen
Ziegelstein von Buch, den Jürgen Link, der wohl bekannteste deutsche
Diskurstheoretiker, drei Jahre nach seiner Emeritierung an der Dortmunder
Universität nun vorlegt. „Bangemachen gilt nicht auf der Suche nach der Roten
Ruhr-Armee" ist ein Lebenswerk, die bis ins Letzte durchbuchstabierte Bilanz
eines, der '68 als absoluter Außenseiter, nämlich als Intellektueller an die
Ruhr kam: „Hört auf mit dem Spintisieren und Simulieren", bekam so einer zu
hören, und konnte sich (immerhin in Klammern) nicht verkneifen zu denken, dass
„sie Sinnieren meinen".
Jürgen Link, der Erfinder der Norminalismus-Theorie, der zufolge Normalität
stets aufs Neue hergestellt wird durch Sprache, nimmt es so genau mit den
Wörtern, dass er nicht selten neue erfindet, um zu den richtigen, angemessenen
greifen zu können. Das fordert die Anstrengung des Begriffs beim Lesen, fördert
aber auch das Begreifen. Und führt zu etwas, das selten geworden, ja selten
gewesen ist: zu avancierter Literatur aus dem Ruhrgebiet über das Ruhrgebiet,
über ein schlechtes Soziotop für Intellektuelle, für linke erst recht.
Links Roman ist, wie könnte es anders sein, ein Stück Autobiografie, aber das
Literarische beginnt jenseits: Passagen in gemäßigter Kleinschreibung,
gelegentliche Anmerkungen und regelmäßige Provokationen zielen so auf die
Dekonstruktion von Denkschablonen und faulen Kompromissen im Handeln. Links
Assoziationsgewalt drängt mitunter angestrengt zu seinen literarischen Ahnvätern
von Joyce bis
Arno Schmidt. Aber das hat es noch
nicht gegeben – eine so durchreflektierte Geschichte der Linksintellektuellen
des späten 20. Jahrhunderts und ihrem angestrengten Herstellen von Tradition und
seelischen Wurzeln im Revier. Und ihrem Fremdeln gegenüber den Arbeitern,
Angestellten und Agenten der Normalität. Respekt! (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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