Bambiland.
Theaterstück von Elfriede Jelinek (2004).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 15.12.2003:

Im Bambiland wird laut und viel gebrüllt
Theater-Provokateur Schlingensief hat Elfriede Jelineks neues Stück uraufgeführt

Ein Sturm ist über das Burgtheater hinweggefegt, aber bewegt hat er nichts. Es war ein Gebrüll aus Wut, Angst und verzweifelter Lust, es war das Chaos, aber niemand ist aufgestanden und hat die Türen geschmissen, so sehr die Autorin und ihr Regisseur auch darum flehten.

Christoph Schlingensief hat in Wien Elfriede Jelinek inszeniert. Am Ende gab es freundlichen Applaus und einige halbherzige Pfiffe, das war's. Mehr Emotionen vermochte die Uraufführung von "Bambiland" nicht zu entfesseln.

Es ist etwas schiefgegangen mit dem Stück, denn zwar klagt es gerade das an, was die Uraufführung bewies: eine unreflektierte Konsumhaltung gegenüber den Medien. Doch nur zu sagen: Das passt! wäre Zynismus. Das ist trotz Geschrei, Blasphemie, Albernheit und wütendem Sex das Spannendste an diesem Abend: dass die Provokation nicht funktioniert.

Schlingensief und Jelinek, das sollte ein Traumteam sein. Sie verweigert sich dem Theater, er auch. Er will stören: sie auch. Beide sind maßlos und anarchisch; Jelinek hat sich Schlingensief als Regisseur gewünscht, zu Recht. Beide zusammen, das ist ein Ereignis.

Doch ist das, was in Wien auf die Bühne kommt, vor allem Schlingensief. Sie will abrechnen mit den USA, mit dem Irakkrieg, er macht eine Aktion daraus, doch seine kreischenden Bilder bringen ihre Wortkaskaden zum verstummen. Jelineks Stück ist ein monströser Textleib, der keine Personen vorgibt, Schlingensief stellt Menschen auf die Bühne, die radikal mit Texten umgehen. Da ist er selbst, Christoph, außerdem Horst, Ilse und Inge, später kommt ein Harlekin dazu und Margit Carstensen im Pelzmantel. Sie spielt Margit Carstensen.

Es ist ein verrücktes Spektakel, belustigend, abstoßend, unterhaltend. Noch bevor das Publikum sitzt, brüllt und stampft der, den sie Horst nennen, über die Bühne. Dann lässt Christoph die Hose herunter, wälzt sich in Farbe und presst unter erstaunlichen Lauten - "Mimmimimimmim" - den grünverschmierten Hintern gegen eine Leinwand. Es ist ein Happening der guten, alten Art, innovativ ist es nicht. Es folgen: ein Parteitag mit Hakenkreuzfahne, Horst blubbert ins Mikrofon und Christoph dankt ihm für seine klaren Worte. Ein Campingplatz mit Zelten und Klampfe, und, aha, einem gemalten Reh. Am Bühnenrand sitzt vor einem Fernseher Brigitte Kausch, die Schlingensiefs Mutter spielt, sie lacht und spricht dazwischen und einmal sagt sie, "Mach aus, Pappa ist tot". Das ist immerhin ein Hinweis, dass das hier nicht nur lustig ist.

Sonst versteht man nicht viel. Alle reden immer gleichzeitig, Musik dröhnt, der Türschließer hat nicht umsonst Ohrstöpsel angeboten. Ab und zu bimmelt ein Armsünder-glöckchen und immer wieder braust Wagner auf: Schlingensief lässt keine Gelegenheit aus, auf sich selbst zu verweisen. Das ist manchmal witzig, Brigitte Kausch sagt: "Jetzt kommst du wieder mit der Kettensäge, das ist uralt!" und er antwortet: "Na und, ich darf mich doch mal wiederholen."

Zwischendurch und über allem läuft ein Film, darin schreitet Margit Carstensen stumm durch die Straßen Wiens, gleichzeitig zieht eine Prozession über die Bühne und irgendwer zitiert vermutlich Jelinek mit der Forderung: Wir müssen zurück zum Ritual, zu irgendeiner Religion.

Dann bringt Schlingensief seiner Mamma ein Plüschbambi, auf Leinwänden rechts und links der Bühne sieht man Bombenangriffe und zugleich wird auf der Bühne immer alles gefilmt. Und wenn man gerade meint, schlimmer könne es nun nicht mehr kommen, geht der Film zu Szenen von wüster Sexualität über, da bleibt nichts ungezeigt und es ist ein Befriedigen und Selbstbefriedigen, dass man sich fragt, was diese Ausführlichkeit soll. Ein Bild für politische Obszönität? Innovativ wäre auch das nicht.

Eins wird allerdings deutlich: Man muss nicht jeden Satz von Elfriede Jelinek auf seinen intellektuellen Gehalt prüfen, nicht jede Schlammschlacht von Christoph Schlingensief zum Bedeutungsträger erheben. Die Künstler selbst verweigern diesen Zugang. Nur das Ganze zählt, und wenn es sinnlos scheint, dann scheint es eben sinnlos.

Am Ende läuft ein endloser Abspann, natürlich kommt keiner vor den Vorhang, es ist einfach vorbei. Das Publikum aber geht ins Café Landtmann, Backhendln essen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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