Baltische Adria von von Eugenijus Alisanka und Aleš Debeljak, 2010, ThanhäuserBaltische Adria.
Zwei Essays von Eugenijus Alisanka und
Aleš Debeljak (2010, Edition Thanhäuser - Übertragung aus dem Litauischen von Cornelius Hell und aus dem Slowenischen von Ludwig Hartinger).
Besprechung von Ilma Rakusa in Neue Zürcher Zeitung vom 10.08.2011:

Ein ruheloser Welt-Erkunder
Übungen in Zweifel und Polemik – Gedichte und ein Essay des Litauers Eugenijus Ališanka

Es mag kein Zufall sein, dass Eugenijus Ališanka (Jahrgang 1960) in Vilnius Mathematik studierte, bevor er sich ganz dem Geschäft des Dichtens verschrieb. Die Klarheit, ja Nüchternheit mathematischer Ratio zieht den Litauer ebenso an wie das Regelwerk der Rhetorik, das komplizierten Denkfiguren elegant zur Sprache verhilft. Ein Stimmungslyriker ist Ališanka nicht, vielmehr ein präziser Vermesser eigener Widersprüche und der Paradoxien der Welt, der – nicht ohne Witz, Ironie und Melancholie – an allen Gewissheiten rüttelt. «Exemplum» heisst sein – von Claudia Sinnig souverän übersetzter – zweiter Gedichtband auf Deutsch, dessen reimlose Verse Titel tragen wie: «fast ein weltuntergang», «geschichte der gotteslästerungen», «billigtarif», «am anfang war kein wort», «C3», «lego», «via negationis» oder «never never». Nietzsche-, Kleist- und Roland-Barthes-Zitate werden hier zu Reibungsflächen, der Exemplum-Begriff zu einem Raster, der Nachahmung und Abweichung gleichermassen vereint. Keine Frage, Ališanka spielt raffiniert mit Traditionen und Quellen, um die hehren «Vorbilder» durch sein knappes, kritisch distanziertes Parlando zu unterlaufen.

Instrument des Zweifels

Nicht Respekt, sondern Zweifel ist das Instrumentarium dessen, der sich seiner Identität immer neu vergewissern muss. Ein beständiges Ich gibt es bei Ališanka nicht, nur eines, das Rollen erprobt, um sie wieder zu verwerfen. Weder Theoreme noch Definitionen kommen ihm bei. Symptomatisch heisst es in «curriculum vitae»: «hungrig geboren / absolvent des klassenspiels / diplomierter melancholiker / das ganze leben tagelöhner / am längsten ausgeübte tätigkeit – taschendieb / kurzzeitig messdiener für den einen / und sargmacher für den anderen gott / zur zeit saisonschriftsteller / lebe allein mit frau und sohn / habe mehr bücher publiziert als geschrieben / zehn erklärungen verfasst / appelle und bewerbungen / ein paar stellungnahmen / für die verkehrspolizei dieses jahr ausgezeichnet / mit einem preis des kultusministeriums / laureat im schienen-marathon / ich bitte um arbeit entsprechend meiner qualifikation / irgendwo am boden / selbst für den lohn / eines hirten mit flöte». Kühle Übertreibung macht den Reiz dieser Selbstdarstellung aus, die im «selbstporträt nach empedokles» eine noch kühnere Variante findet. Hier ist das Ich ein Zusammensetzspiel aus Torsi, Accessoires und Schaufenstergegenständen, eine gleichsam zufällige Assemblage.

Mit zersetzender Ironie begegnet Ališanka indes nicht nur dem Ich, sondern auch Lebensentwürfen, dem Hamsterrad des Alltags, literarischen Moden und Genres, dem «nichtraucher-europa», dem Pathos der Liebe und dem lieben Gott. Seine Übungen in Zweifel und Polemik liessen sich (zumindest teilweise) unter das Motto stellen: «Ich experimentiere, ergo sum.» In der Tat ist es Ališanka um existenzielle Beweglichkeit zu tun, während ihn Sprachexperimente wenig interessieren. Nirgends der Ehrgeiz, zur ästhetischen Avantgarde zu zählen, keine verkrampfte Wortakrobatik, dafür ein schonungsloser Blick, der die Wirklichkeit demontiert, um sie eigenwillig wieder zusammenzusetzen. Diesen Blick praktiziert Ališanka nicht zuletzt auf seinen ausgedehnten, weltweiten Reisen.

Mehrere Gedichte des Bandes zeigen den Reisenden in Greenwich, Venedig oder Berlin. Zeigen ihn am Wannsee in Zwiesprache mit Kleist und den Dämonen der Nazi-Zeit («senkrechter rauch aus dem schornstein / senkrechte steine / hölzerne charly-kreuze und wannsee-kalmus / der see zählt die fische / vor der schliessung im winter / . . . / auch ich mache knocheninventur?») oder in Wiepersdorf vor «leeren wachtürmen» und «stacheldrahtzäunen zum schutz von seltenen arischen gewächsen». Mit wenigen Strichen wie Spatenstichen reisst Ališanka die Kruste der Historie auf, um düstere Schichten freizulegen. Der oft als «intellektueller Dichter» apostrophierte Litauer scheut den Blick in Abgründe nicht, hat er die Geschichte doch am eigenen Leib erfahren. Geboren im sibirischen Barnaul, als Kind zwangsdeportierter Eltern, erlebte er in Vilnius die Agonie und den Zusammenbruch des Sowjetimperiums. Seine Wissbegierde stillt er seither, «schon ganz europäer», als ein Odysseus der Strassen und Worte.

Immer weiter reisen

Wer Ališanka als Reiseessayisten kennenlernen will, greife zum Band «Baltische Adria», den er gemeinsam mit seinem slowenischen Schriftstellerkollegen Aleš Debeljak herausgegeben hat. Darin heisst es unumwunden: «Das Leben bekommt einen Wert, wenn es vom Archetyp der Reise durchdrungen wird. Ich reise, also bin ich.» Die Formel bezieht sich auf das physische, aber auch auf das imaginäre Reisen, denn «der Schriftsteller ist der Reisende par excellence, er kann nicht innehalten. (. . .) Deswegen lebt die Literatur im ständigen Zustand des Paradoxons: Sie sucht das, wonach man nicht suchen kann.» In schönen Mäandern berichtet der Essay von Reiseerfahrungen und poetologischen Überlegungen – ist die Literatur verortet oder «made in emptiness»? –, von regionaler und europäischer Identität, von slowenischer und litauischer Lyrik, von Herkunft und Zukunft. Auch expliziert Ališanka, was seine Poesie (nur) andeutet: dass das Erzählen von Gegenwart nicht ohne eine historische Perspektive auskommt. Der Schluss des Essays gleicht einem lakonischen Bekenntnis zur Conditio des Unterwegsseins: «Der einzige Ausweg aus diesem Zustand: weiterreisen. Mein genius loci reist mit mir.»

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