Balthazar, Sohn aus gutem Hause von François-Marie Banier, 2010, SteidlBalthazar, Sohn aus gutem Hause.
Roman von François-Marie Banier (2010, Steidl - Übertragung Tobias Scheffel und Claudia Steinitz).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 26.07.2010:

Schrei nach Liebe in der Glitzerwelt von Paris
Der Roman zur französischen Staatsaffäre: „Balthazar, Sohn aus gutem Hause“ von François-Marie Banier

Frankreich erlebt derzeit einen heißen Sommer. Das liegt nicht nur an den Temperaturen, sondern vor allem an einer Staataffäre, in die selbst Präsident Sarkozy verwickelt zu sein scheint und die eng mit dem Namen der L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt verknüpft ist.

Eine schillernde Figur in diesem Skandal, in dem es um Bestechung und andere Vorteilsnahmen geht und der zur Reality-Show auszuwachsen droht, ist der Fotograf François-Marie Banier. In seinem autobiografischen Roman „Balthazar, Sohn aus gutem Hause“, der jetzt auch auf Deutsch vorliegt, erzählt Banier sehr offen davon, wie er wurde, was er ist. Die Schlusspointe freilich fehlt noch in dem Buch: der Autor sitzt gerade in Untersuchungshaft.

Eine Milliarde Euro soll Banier bislang von Madame Bettencourt erhalten haben. Seit Jahren ist er so eine Art Günstling der alten Dame, die ihm ein Stadtpalais und einen Landsitz finanzierte, wertvollste Plastiken, Gemälde, Antiquitäten schenkte. Hat sie ihm womöglich gar eine ganze Seychellen-Insel gekauft? Die wäre nützlich für Steuerhinterziehungen, denn auch darum geht es in der ganzen unschönen Geschichte, in der vor allem illegale Wahlkampfspenden und überhaupt die Verbindung von Kapital und Politik die Öffentlichkeit interessiert. Das wird gerade untersucht und immer mehr Namen, eben auch aus dem Umkreis und der Partei Sarkozys, tauchen auf.

Madame gibt sich gelassen, verteidigt im Fernsehen ihre Großzügigkeit und stellt sich vor allem vor „ihren“ Künstler Banier, obwohl doch gerade wegen dessen Indiskretionen der ganze Skandal, der die Grande Nation nun erschüttert, erst ins Rollen kam.

Das seltsame und kostspielige Verhältnis ihrer Mutter zu dem homosexuellen Fotografen, Maler und Autor war Tochter Françoise Bettencourt-Meyers schon lange ein Dorn im Auge: aufgrund der exorbitanten Großzügigkeit wollte sie ihre Mutter bereits entmündigen lassen – ohne Erfolg bislang.

Der heute 63-jährige Banier, der in seinem höchst abwechslungsreichen Leben Freundschaften und Geschäftsbeziehungen etwa mit André Maurois und Louis Aragon, Pierre Cardin und Vladimir Horowitz, Johnny Depp und Isabelle Adjani pflegte (die Liste ist sehr viel länger...), behielt das uneingeschränkte Vertrauen und sehr viel Geld der heute 83-jährigen Erbin. Aus Mitleid?

Sein Roman um die Kunstfigur „Balthazar“ gibt nun tiefe Einblicke in das Wesen eines Menschen, dessen Jugend eher einem Horrortrip glich und der sich nach Misshandlungen und Missachtung aufmachte, der feindlichen Welt ein großes Stück Glück abzutrotzen. Banier erzählt ohne Wehleidigkeit von einem Kind, das die Eltern – Emporkömmlinge in einem glitzernden Paris – nur als Last betrachten und behandeln. Schläge und Verbote, unerträgliche Gemeinheiten und Drangsalierungen prasseln da auf eine unschuldige Seele nieder, die verschreckt und geschunden sich von der Wirklichkeit zurückzieht in eine Fantasiewelt.

In zwei kostbaren Schränken, gefüllt mit billigen Schätzen und seitenweise aufgeschriebenen Erlebnissen, Verwünschungen, Schreien nach Liebe und Anerkennung, führt er sein ungelebtes Leben, das ihm hilft das wirkliche zu überstehen: All unser Glück „und folglich unser Unglück“, schreibt er einmal trotzig, hängen doch nur von unserer „Wahrnehmungsfähigkeit“ ab. Bei jeder der krachenden Ohrfeigen, mit denen der Vater den Sohn durch die mit fremden Antiquitäten vollgestellte Wohnung prügelt, schwört sich Balthazar also, das Leiden zu ignorieren und seine Zukunft und sein Schicksal aus dieser Familien-Tyrannei herauszureißen.

Maßloser Ehrgeiz

Dabei entwickelt er selber einen maßlosen Ehrgeiz, der jetzt, im Zusammenhang mit all seinen Beziehungen zu den Großen der Welt und namentlich zur L’Oréal-Erbin, eine Erklärung abliefert für seinen Erfolg in diesen Kreisen, die sich um ihn scharen: „Ich wollte immer, dass mich jemand liebt, wollte mehr sein als ein Kind, dem man im Vorbeigehen über den Kopf streicht, mehr als ein Ersatzsohn ...Unersetzlich sein. Ich wollte jemandem gehören. Jemandem gehören, heißt sich hingeben.“

Groteskerweise steht aber gegen Ende des Romans dann auch ein Satz, der auf die Gegenwart des François-Marie Banier wie ein böses Menetekel zielt: „Ich war wie dieser lächerliche Priveligierte an der Macht gewesen.“

Die vollständige Besprechung mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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