Ballade von der sexuellen Abhängigkeit.
Roman von Michael Köhlmeier (1996, Haymon).
Besprechung
von Wolfgang Schörkhuber aus Rezensionen-online *bn.bibliotheksnachrichten*, 1996:

Drei problematische Stationen von Beziehungen, zwischen Komik und Tragödie schwankend. (DR)

Daß die drei Teile von Köhlmeiers "Ballade von der sexuellen Abhängigkeit" ursprünglich Hörspiele waren, ist unverkennbar. Sie sind fast ausschließlich Dialoge bzw. Monologe mit sehr knappen Erzählpassagen. Die Dialoge haben es allerdings in sich. Sie lesen sich wie locker hingeschriebene Zwiegespräche, sind aber doch exakt kalkulierte Seelenspiegel. Allesamt suchen sie problematische Stationen von Liebesbeziehungen auf. In der "Theorie des Aufrisses" treffen wir auf einen, der sich zu seinem ersten Rendezvous begibt. Er entlarvt im Reden seine Unsicherheit und Verlegenheit, eine Beziehung aufzunehmen. Mit abgründiger Komik deutet sie auch in ihrer Dialogstruktur ein grundsätzliches, zugrundeliegendes Problem an: jenes der mangelnden Kommunikationsfähigkeit. Das wird im zweiten Teil zum Prinzip der Textgestaltung. Die "Theorie der völligen Hilflosigkeit" (die Hörspielfassung wurde 1994 vom Publikum zum "Hörspiel des Jahres" gewählt) ist ein Telefongespräch zwischen einer verlassenen Frau und der Freundin ihres ehemaligen Gatten. Allerdings "hört" der Leser nur den Part der Verlassenen, einen Monolog also. Darin kristallisiert sich allein in der Erzählhaltung die Unmöglichkeit zu kommunizieren. Tatsächlich ist der Monolog die verzweifelte Selbstaussprache im Angesicht enttäuschter Liebe. Mit überzeugendem psychologischen Gespür wird das Existentielle der Situation entworfen, das Komödienhafte des ersten Teiles hat sich zur Tragödie gewandelt. Der hilflose Versuch, Rache zu nehmen, gerät zum dramatischen Fall. Die darin enthaltene Todesthematik tritt im dritten Teil, der "Theorie des Heimzahlens", vollends hervor. Darin rückt Köhlmeier seine Ansicht, daß alles entweder auf die Liebe oder auf den Tod warte, ins Zentrum des Dialogs. Die Rache wird zum bestimmenden Motiv. Die Bezeichnung "Ballade" ist einerseits eine Anspielung auf Brechts "Ballade von der sexuellen Hörigkeit", zu der Köhlmeiers Text einige thematische Parallelen aufweist, andererseits aber auch ein ironisches Zitat der Bauform der klassischen Ballade: die allmähliche Zuspitzung auf einen dramatischen Höhepunkt, das;Exemplarisch-Existentielle der Situation, die tragischen Elemente, all das eignet sich Köhlmeier in seinem beachtenswerten neuen Buch sehr produktiv an.

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