Balance von Daniel Schneider, Geest-Verlag, 20011.) + 2.)

Balance.
Roman von Daniel Schneider (2001, Geest).
Besprechung von Marc Arno Haunschild , 2001. www.haunschild.de

Literatur in der Meys-Fabrik
Der Hennefer Nachwuchs-Romancier Daniel Schneider stellt sein Erstlingswerk „Balance“ vor

Vor einer beeindruckenden Kulisse von etwa 150 Zuhörern stellte der 22jährige Hennefer Autor Daniel Schneider in der Meys-Fabrik seinen Roman „Balance“ einem begeisterten Publikum vor. Den Abend leitete Herr Pichler vom General-Anzeiger Bonn ein. Er stellte Schneider mit einigen empfehlenden Worten vor, die Lust auf mehr machten.

Die so geschürte Erwartung wurde nicht enttäuscht. Zunächst sprach Schneider selber einige Worte zur Entstehung und zur Absicht, die er mit seinem Roman verfolgt. Dann las er mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme einige Passagen aus seinem Werk und in der gespannten Stille hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören können. Die traumhaften Erlebnisse seines Protagonisten schilderte Schneider mit einer Sprache, die dank ihres umfangreichen und sensibel gewählten Wortschatzes selbst komplexe innere Monologe treffend wiedergab ohne je eintönig zu sein. Man wurde immer wieder in neue Schauplätze stimmungsvoll eingeführt und nahm teil sowohl an den Gedanken und Empfindungen von Simak, dem Anti-Helden des Romanes, als auch an den Menschen, denen er begegnete. Diese wurden stets fein gezeichnet und man hatte beim Zuhören mehr als einmal das Gefühl, ein Gesicht regelrecht vor sich zu sehen. Die vorgetragenen Textpassagen waren gut gewählte Wendepunkte der Erzählung und man bekam einen interessanten Überblick über den Ablauf der Geschichte, jedoch wurde nicht zuviel verraten, so daß es bei der anschließenden Lektüre noch genug zu entdecken gibt.

Abgerundet wurde die Veranstaltung durch musikalische Einlagen von Tim Ernst, der auch die Grafiken zu dem Buch beisteuerte. Von diesen sagt Schneider, daß er sich und seine Texte darin wiederfindet. Dies dürfte auch für die einfühlsamen musikalischen Akzente gelten, die Ernst auf seinem Saxophon setzte.

Auch der Verleger unterstrich abschließend die Qualität und Professionalität sowohl des Werkes, als auch der Veranstaltung, die Schneider ebenfalls vorbereitet hatte.

So nimmt es nicht wunder, daß kaum jemand die Veranstaltung verließ, ohne die Gelegenheit zu ergreifen, direkt vom Verleger ein Buch zu erwerben und sich dieses vom Autor signieren zu lassen.

Sicherlich darf man auf die kommenden Werke Schneiders gespannt sein, ich jedenfalls bin es.

Leseprobe I Buchbestellung 0801© LYRIKwelt

***

2.)

Balance.
Roman von Daniel Schneider (2001, Geest).
Besprechung von Max Tenner , 2001.

Zweifel in Egom

Simak heisst er, die Hauptfigur Daniel Schneiders Balance-Geschichte, und wird - da selbst handlungsunfähig - hin und her geschüttelt vom Leben. Denn er ist Zwitter. Zwitter in der Seele. Zwitter aufgrund von Zweifel. Simak der arme Zweifelnde. Simak in Egom.
Simak, eigentlich Simon Aktäon Büchel, fühlt sich ausgeschlossen von seinen Mitschülern, denn: ,,Ich war ihnen wohl zu gestaltlos, da zu leise, und konnte es meinem eigenen Stolz aber auch nicht eingestehen, mit ihnen über Autos oder Fußball zu reden.'' Statt dessen begibt er sich in sämtliche Tiefen und Untiefen der Literatur und des Geistes: ,,Und wahrlich, ich neigte zum Grübeln, zog mich immer weiter in die bekannten Grenzen meines Ichs zurück und verweilte dort''.
Kaum jemand oder etwas dringt ein in dieses Reich. Nur: das Buch ,,Melancholische Splitter'' seiner - in der Familie gemiedenen - Tante Margaretha Alterauge. Es regt einen intensiven, zum Teil leicht erotischen, Briefwechsel zwischen Simak und Margaretha an. ,,Eine nie geahnte Euphorie, die ich meinem rationalen Geiste nicht zugetraut hatte, ergriff von mir Besitz, ...''
Von nun ab ändert sich Simak, ebenso seine Umgebung: Seine Eltern sterben. Simak verliert sich kurzzeitig in haltlosen Wirbel und Lustbarkeiten der Lebewelt der Egomschen Metropole.
,,Ich war ein Zwitter, der das Wachs zweier verloschener Kerzen in seinem Rumpf trug, ich war und bin es auch noch, ein Mensch mit zwei Ansichten, zwei Kopfstimmen und noch mehr Moralen. Doch eben diese Vielfalt vermochte es, mir die Anpassung an ein neues Leben zu erleichtern.'' Wieder ist es Margaretha, die einen Wechsel in Simaks Leben bringt: Sie verführt ihn durch Briefwechsel zur Erforschung von Gedankenwelten, zu Studium und Schreiben.
Wieder: Von einem Extrem ins andere.
Und die Liebe? Margaretha presst ihm das größte aller Themen in den Kopf. Aber was ist das: Die Liebe?
Als seiner Tante Ruf erklingt, folgt er ihm in ihr Haus im Wald.
Doch Margaretha ist nicht da. Nur ein merkwürdiges altes Haus, in dem er von nun an leben soll. Am nächsten Morgen ist da auch noch Donja, die Haushälterin, genauso alt und merkwürdig wie das Haus.
Jetzt ist Simak gefangen in Zweifel an sich selbst, an seiner melancholischen, wehleidigen Trägheit und deren Akzeptanz. ,,Bin ich etwa verrückt, dass ich es auf eine perverse Art genieße, mich in jener dumpfen Wehmut zu suhlen?'' Monoton traben die Tage an Simak vorbei durch Margarethas Haus. ,,In groben Fladen spürte er den Sinn von der Fassade seines Lebens abbröckeln.'' Es muß sich etwas ändern! Wieder: Von einem Extrem ins andere:
Es ist Winter. Die richtige Zeit, um vom Nihilisten zum Analytiker zu werden. Und Simak richtet sich für die Ausprägung des klaren analytischen Verstandes einen ,,kognitiven Denkraum'' im Obergeschoß ein. Die absolute Reinheit des Geistes sei zu erreichen. Donja schmunzelt. Ob seiner Versessenheit oder ob der Hoffnung auf die nächste Veränderung? Denn der Raum ,,ist so kühl, wie der Anus einer tiefgefrorenen Zauneidechse''.
Und Donja gelingt es, Simak weise ihre Gedanken unterzuschieben: ,,Die Welt ist nich abstrakt wie euer Denkraum.'' Und Gott, Glaube, das Absolute, Fühlen, ... sind nicht messbar mit bloßen Mitteln des Verstandes.
Wieder: Von einem Extrem ins andere:
Es wird Frühling. In einer großen Kehrtwendung widmet sich Simak dem Fühlen: Und wieder beachtet er nicht Donjas Wesen, schickt sie lediglich ins Theater, als er sich für zwei Stunden die Liebe der Hure Verita kauft. Aber Donja ist erfreut über Simaks Wandlung, der nun wenigstens beginnt, über weltliche Dinge wie Natur, Kunst und Musik zu erzählen. Simak entdeckt die pure Sinnlichkeit für sich, Farbzauber und Wärme auf der Haut. Seiner Gespielin gleitet er mit bebenden Fingerkuppen über den Rücken und verrät ihr in rotdämmrigen Licht: ,, ... hier fühle ich deine Flügel wachsen ...'' Und Simak erkennt: Die Liebe ist ,,wohl des Menschen einziges Werkzeug zur Vollkommenhehit. Das Denken bringt einen auf den Weg, doch ohne die Liebe bleibt einem die letzte und entscheidende Tür verschlossen. '' Aber Verita ist seine Hure. Und wieder verfällt er der Unausgeglichenheit einer einschaligen Waage. In seiner Egozentrik übergeht er nun auch Veritas Gefühle, im Moment, da sie ihm ihre Zuneigung offenbart.
Zu guter Letzt: Die Begegnung mit sich selbst. Besser: Mit dem eigenen Selbstzweifel im lila Gewand. Mitten im dichtesten dichten Wald. ,,Ich bin dein Zweifel, der alle Beziehungen auseinander trieb, ich bin die Angst deiner Kindheit, deiner Gegenwart und deiner Zukunft.'' Was folgt, ist die buchstäbliche alptraumhafte Zersetzung Simaks Gestalt in zweifelhafte 296 Separés. Bis er schreit: ,,Und ich liebe doch die Wahrheit.''

Eine phantastische Sprache, die Schneider da ausgewählt hat. Wie aus Tausend-Und-Einer-Nacht. Jedenfalls nicht aus dem Jetzt und dem Hier. Eine Sprache, die zur Langsamkeit ermuntert, zum Genießen des Momentes, des einzelnen Augenaufschlages. Wirkt sie anfangs noch spröde, gar gestelzt, becirct sie bald mit Fesseln mysteriöser Art. Sie macht es dem Leser schwer, in den Text vollkommen hineinzuflüchten. Aber so soll es sein. Der Leichtigkeit enthoben fordert sie auf, einen neuen Weg zu gehen, sich jedes dabei geborenen Gedankens bewußt zu werden. So schwer und süß würzig und mysteriös ist der Sprachzauber, wie ein alter, kunstvoll gewebter Orient-Teppich aus edlen Garnen, verziert mit vielen filigranen Mustern. Ein Teppich, der uns mitnimmt auf eine Reise durch menschliche Seelenwelten, durch Literatur und Philosophie.

Eine große Geschichte, eine sehr große. Sie hält uns den Spiegel vor und zeigt die parasitäre Fettmadigkeit unserer Gesellschaft. Wenn auch mit kleinen logischen Ungereimtheiten. Eine Geschichte, die vielleicht einen älteren Autoren gebraucht hätte. Aber dann hätte sie in ihrer Weisheit an Frische verloren. Manchmal stecken seine philosophisch angehauchten Ausführungen noch in Kinderschuhen. Aber gerade dies zeigt uns den Weg in unser eigenes, unvollkommenes Denken. Bewußt legt Schneider seinen Blick auf Feinheiten, auf innere Wandlungen. Großes geschichtliches, episches Gehabe, ergreifende Dramatik sind ihm fremd. Leise Töne sind jene, die in den Menschen führen. Ihn sich selbst zeigen.

Philosophieren ist nicht, so behauptet Schneider in ,,Balance'', sich ins dunkle Kämmerlein zu verkriechen oder besser in den kognitiven Denkraum, sondern sich bewußt der Auseinandersetzung mit anderen Menschen zu stellen. Und so ist dieses Buch Ansporn und Aufforderung für vielseitige Gespräche miteinander.

Leseprobe I Buchbestellung 0801© LYRIKwelt