Bakchen.
Nachdichtung von Raoul Schrott (1999, Hanser).
Besprechung von Maria Renhardt aus Rezensionen-online *Sz", November 2000:

Enthüllung eines Gottes

Eine verblendete Mutter zerreißt in der Ekstase ihren eigenen Sohn. Wohl ein tragisches Motiv, das Euripides in seinen Bakchen ausgepflanzt hat. Primär geht es aber um Dionysos und seinen Kult. Euripides hat in diesen uralten Mythos vielschichtige Lesarten gewoben. Menschliche Hybris kommt durch ihren Fall ins Lot; Wahn und Raserei treten gegen die Ratio an etc. Dionysos will seinen Kult im Geburtsort Theben etablieren und stößt beim König auf heftige Ablehnung. Der Gott nimmt fürchterliche Rache, auch für seine Mutter, die hier einst gedemütigt worden ist.

Raoul Schrott hat mit der Nachdichtung der Euripideischen Bakchen wieder einmal ins Repertoire der antiken Literatur gegriffen. Diese Gottenthüllungsgeschichte ("Ich Bin Der Ich Bin") zeigt als Nachdichtung eine bewusste Nähe zur Vorlage. Schrott verpasst dem Text aber ein völlig neues sprachliches Outfit und verleiht ihm eine eigene - oft auch lyrische - poetische Note, besonders in den rhythmisch orchestrierten Klangbögen der Chorlieder. Auch die tragische Figur der Agaue gewinnt bei Schrott stärker an Farbe. Sie tritt aus der Anonymität des Chores heraus, nimmt sich das Recht des persönlichen Abschieds vom Sohn heraus und begegnet sogar dem Bestattungsverbot auf rührende Weise. Schrotts finale Stoßrichtung mildert die völlige Ergebenheit des gebrochenen Menschen in die Härte des dionysischen Willens: "laß mich. Und: laß mich aus ... diese gerechtigkeit - sie richtet nicht." Ein fundiertes Nachwort von Heinz Schafroth ist diesem eindrucksvollen Text hintangestellt, der uns mit dem disparaten Wort entlässt: "Ein gott erklärt sich - doch er erklärt sich nicht!"

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