Baikonur von Holger Geyer, 2000, Tropen-VerlagBaikonur.
Roman von Holger Geyer (2000, Tropen-Verlag)
Besprechung von Jürgen Weber:

„Baikonur: urspruenglich sowjetisches Kosmodrom im Gebiet Karaganda, Kasachstan, nordoestlich des Aralsees, 300 Meter ueber dem Meeresspiegel, 47º 24’ noerdlicher Breite, 66º 30’ oestlicher Laenge. Wichtigster Startplatz Russlands fuer bemannte und unbemannte Raumfluege; oertliche Rotationsgeschwindigkeit (an der Erdoberflaeche) 317 Meter pro Sekunde.“

„Seit der Ostblock zusammengebrochen ist, passieren die unglaublichsten Dinge…“ sagt der Autohaendler Jacob Van Hullsen zu Chlodwig Beck, dem unfreiwilligen Helden des vorliegenden Romanerstlings von Holger Geyer. Und tatsaechlich spielt das in sich zusammenstuerzende Sowjetreich eine grosse Rolle als Kulisse fuer dieses „Roadmovie“ in Buchform. Das muntere Quartett (zwei Frauen gesellen sich auf der Reise noch zu den beiden Gegespielern) reist von Deutschland, durch Tschechien, die Slowakei, nach Ungarn, Russland und schliesslich Kasachstan, um die dort wartende Rakete am Weltraumbahnhof Baikonur zu besteigen. Allein, es kann nur einer gewinnen und so wird die Reise zu einem Wettrennen, obwohl alle mit demselben Auto reisen. Schlussendlich gewinnt derjenige mit den fiesesten Absichten, aber dieser Sieg ist nur ein vermeintlicher. Wer will schon mit einer alten russischen Rakete ins All fliegen? Sieger sehen irgendwie anders aus…

„Vladimir Ramek war der erste Tschechoslowake, der ins All gestartet ist. Neunzehnundertachtundsiebzig war das…“, erzaehlt Jana, die juengste der vier Mitfahrerinnen und um die tausenden Kilometer angenehmer zu gestalten schlaegt sie das Husak-Spiel vor. Dessen Kommentar auf Rameks Reise hinter den Mond war folgender: „Gibt es einen edleren Grund, den Blick zum Himmel zu heben, als das Wissen, dass einer unserer Landsleute, ein Buerger der CSSR, gerade die Sterne erobert?“ Wer einen besseren Grund findet, hat das Spiel gewonnen.

Dazwischen wird viel Wodka getrunken, ein neueroeffnetes Nobelrestaurant abgebrannt und ein Rehbraten gestohlen, ein Spielkasino ueberfallen und am Ende noch ganz viel gefroren, bis die Kandidaten ihr Ziel schliesslich doch noch erreichen. Chlodwigs Irrfahrt durch den „wilden Osten“ findet leider ein etwas zu abruptes Ende, gerade so als waere ihnen schliesslich doch noch der Benzin ausgegangen. Der Anfang der Geschichte ist dafuer umso verheissungsvoller und lebt von den Dialogen und trockenen Scherzen, absurden Situationen in einer aus den Angeln gehobenen Welt. Es ist eben alles moeglich, „seit der Ostblock zusammengebrochen ist“…

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter buchkritik.at]

Leseprobe I Buchbestellung I 0207 LYRIKwelt © Jürgen Weber