Bahnhof verstehen von Kerstin Hensel, 2001, LuchterhandBahnhof verstehen.
Gedichte von Kerstin Hensel (2001, Luchterhand).
Besprechung von Steffen Jacobs aus Die Welt vom 23.2.2002:

Das Abendessen am 18. Dezember 1999
Jacobs' Gedichte (21)

Für R. Kirsch  
(Von Kerstin Hensel)

Marzahn frisst, säuft und kotzt Bulette.
Dumpf schlägt das Leben an vor Rainers Küche.
Doch statt Gebell von Flüchen lieber Hochgerüche
Tischt er uns auf und statt Gerülps Sonette.

Petrarca thront, entblättert die Serviette.
In einem Löffel consommé double Julienne
Entfaltet sich ein Kritiker von Rang -
Rapunzels Haar an Apfel-Vinaigrette!

Man möchte kauen, schmecken, nur nicht schlucken.
Ein mariniertes Ententittchen löst die Zunge.
Was man kaum sieht, das duftet hell, und junge
Bohnen und Trüffel lassen den Verstand verzucken.

So bitten wir, umzwirnt von Weltverderben:
Wenn schon nicht lustig, so doch lustvoll sterben!

(Aus: Kerstin Hensel: Bahnhof verstehen.)

Zweite Runde für Kerstin Hensel. Da die frischen Bände der Frühjahrsproduktion noch auf sich warten lassen, können wir heute ihr wunderliches Sonett "Abendessen am 18. Dezember 1999" unter die Lupe nehmen. Los geht's.

Man sagt dem Sonett nach, dass es sich besonders gut zum Darstellen von Gegensätzen eigne. So gesehen, hält sich Kerstin Hensel streng an die Sitten der Väter, denn bereits die erste Strophe arbeitet einen scharfen Gegensatz heraus: Draußen brandet die Realität der Berliner Vorstadt an, drinnen setzt der Dichter Rainer Kirsch den beschleunigten Verwertungsabläufen der Jetztzeit die dauerhaften Werte abendländischer Kultur entgegen: "Hochgerüche" aus der Küche, Sonette als Tischgespräch....Fortsetzung

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