Bahnhofsprosa von Peter Weber, 2002, Suhrkamp1.) - 5.)

Bahnhofsprosa.
Miniaturen von Peter Weber (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Markus Köhle, 2002:

Der verstörend banale Titel des bereits dritten Buches des Schweizers Peter Weber (1968) macht durchaus Sinn.
Denn auf knappen 133 Seiten wird nicht vorwiegend erzählt, das Buch ist kein Roman, keine Novelle, es ist ein riskantes Sprachexperiment.

Die "Bahnhofsprosa" ist streng konzipiert und bis ins Detail durch strukturiert - vier Teile zu je sechs Kapiteln. Um was es darin geht, ist so einfach nicht zu beantworten, denn es gibt keine Haltegriffe in diesem rauschenden Sprachzug, kein wieder erkennbares Personal, lediglich einen flüchtigen roten Faden, der den erzählerischen Zusammenhalt bildet und das ist die Geräuschkulisse eines Bahnhofs.

Weber hat versucht, eine Sprache zu finden, um die Schnelllebigkeit, den Alltagsirrsinn - kurzum, die postmoderne Zivilisation zu beschreiben und zwar so, dass diese Sprache rhythmisch wohltönt. Die Bahnhofsuhr dient dabei als Schrittmacher des Lebens und als Metronom der Literatur. Passend im Takt erklingen atmosphärische Skizzen, Miniaturen, absurde Einfälle und nicht zu letzt: uferlose Assoziationen.

"Ich habe unendlich Hügel geschlafen. Bin durch Daunen geregnet, Vorhänge hinabgerutscht, durchs Irgend spaziert, in weißen Laken aufgewacht. Habe rote Mägen geschlafen, Weiden durchnickert, Zucker verwattet, Wolken gekämmt. Bin in die Mühlen gerutscht, mit Stunden und Sekunden vermahlen worden, in Tassen getropft."

Ich habe dieses Buch im Zug gelesen und bin dazwischen immer wieder weg gedämmert, hatte aufregende, phantastische Träume, wusste am Ende nicht mehr, was genau ich las und was ich träumte.
Die Fahrt Innsbruck - Wien verging wie im Flug und das ist viel wert!

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Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Markus Köhle

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Bahnhofsprosa von Peter Weber, 2002, Suhrkamp2.)

Bahnhofsprosa.
Miniaturen von Peter Weber (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Oliver Fink in der Frankfurter Rundschau, 8.2.2003:

Spuckende Raddampfer
Surrealistisch: Peter Webers "Bahnhofsprosa"

Das goldene Zeitalter der Großbahnhöfe war das 19. Jahrhundert. Pompöse Bauten entstanden mit dem Hang zu imperialen Gesten, ausgestattet mit sakralem Touch - Vorbauten im Stil königlicher Herrschaftssitze, Hallen wie Kathedralen aus Stahl und Glas. Dass solch ein Ort für die schreibende Zunft von großem Reiz ist, liegt auf der Hand. Und Peter Weber ist nicht der erste, der sich ihm literarisch nähert. Sein schmaler Band Bahnhofsprosa ist dennoch eine singuläre Erscheinung. Schon der Titel eine kokette Untertreibung: Denn was in diesen 24 Miniaturen eines namenlosen Erzählers - verabreicht in vier Großabschnitten - geboten wird, ist weit entfernt von jener hübschen Alltagsphänomenologie, zu der so mancher Flaneur auf diesem Terrain schon inspiriert wurde. "Ein Raddampfer mit schrägstolzem Schornstein fuhr langsam ein, stand aber unter falschem Dampf: Er spuckte Putten." Kein Zweifel: ein Dokument des literarischen Surrealismus.

Ausgangspunkt für all die merkwürdigen Reisen in eine nur schwer fassbare Innenwelt ist einer jener Großbahnhöfe aus dem 19. Jahrhundert. Auch wenn einige Details für Zürich als Vorbild sprechen, im Ganzen handelt es sich um einen Ort der Phantasie. Weber gibt sich bereitwillig dem ungebändigten Spiel der Assoziation hin, er huldigt üppigen Traumszenarien und deren entgrenzender Macht. Grandiose Bilder werden entworfen, deren futuristische Gestalt mal an die Ästhetik von Videoclips erinnert, dann begegnet man wieder der vertrauten Dingwelt eines Hauptbahnhofs, wenn auch in verfremdeten Ansichten und Konstellationen. Doch bei allem Hermetismus, der dieser Innenschau-Prosa eigen ist - manchmal stößt der Leser auch auf Reflexe alltäglicher Erfahrung: "Das Licht in den öffentlichen Verkehrsmitteln ist nicht säuerlich (...), sondern schrill basisch, wäscht Farbübergänge, Mischfelder, Tönungen bleibend weiß. Meine Augen hatten sich am eigenen fahlen Spiegelbild festgesogen, ich musste mit ansehen, wie mir das öffentliche Licht den Blick auslaugen wollte. Am Bahnhof angekommen, war ich leergeschaut."
Schon in Peter Webers vorangegangenen Romanen Der Wettermacher (1993) sowie Silber und Salbader (1999) konnte man beobachten, wie er derart lustvoll mit seiner virtuosen Sprachbegabung auftrumpfte, dass es fast egal schien, was er denn eigentlich gerade erzähle - Hauptsache, die wunderbar purzelnden Wort- und Satzkaskaden blieben in Bewegung. Mit Bahnhofsprosa hat der Schweizer Autor sein literarisches Begeisterungsprogramm dergestalt radikalisiert, dass er nun gänzlich in die Gefilde der poésie pure eingedrungen ist: Stoff, Handlung, literarische Figuren im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr. Die Bilder beanspruchen stärker denn je Autonomie, jeder Inhalt, jede scheinbar erahnte Anspielung bleibt letztlich ein Rätsel, bestenfalls mehrdeutig - hie und da ein bisschen Bahnhof als Welttheater, zwischenzeitlich meint man, Fragmente einer Poetik wahrzunehmen.

Das Buch beginnt und endet mit einem Aufenthalt in der Sixtinischen Kapelle. Deren "heilige Stille" wird dem "höllischen Lärm" des Hauptbahnhofs gegenübergestellt. Wächter sorgen dafür, dass im sakralen Raum jedes aufkommende Geräusch der durchströmenden Masse sogleich "zerteilt" wird. Das habe nicht nur konservatorische Gründe (die Feuchtigkeit der Sprache greift die Fresken an), sondern sei zugleich eine quasi heilsgeschichtliche "Notwendigkeit". Im Bahnhofsmilieu tut es Peter Webers Erzähler den Wächtern gleich. Seine "Pflicht" sieht er darin, das "höllische Gerede" der Passanten zu "zerteilen": durch kuriose Rede. Doch die Seelenverwandtschaft zu den Wächtern in der Kirche hat seine Grenzen. Am Ende wird auch der Ich-Erzähler in der Sixtinischen Kapelle der Ruhestörung überführt. Vielleicht hätte ein Mehr an surrealistischer Komik gut getan. Aber dennoch: Peter Webers Zauber-Suite vermag über weite Strecken zu begeistern.

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Bahnhofsprosa von Peter Weber, 2002, Suhrkamp3.)

Bahnhofsprosa.
Miniaturen von Peter Weber (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Samuel Moser in der Der Standard, Wien vom 8.3.2003:

Auf dem Boden der Fantasie
Peter Weber gilt als größtes Talent der jungen Schweizer Literatur, nun hat er Bahnhofsprosa komponiert

Peter Weber verfährt als Autor wie ein Gott: Er ist ebenso rückhaltlos im Erfinden und nicht weniger ironisch im Betrachten seiner Schöpfungen. Seine Bahnhofsprosa pulsiert so unerschöpflich und unübersichtlich wie die Welt. Sie ist überhaupt eine Metapher für die Welt. Das Webersche Bahnhofsuniversum hat weder Anfang noch Ende. Es hat nur einen Kamin, aber wer darin hoch klettert, entkommt nicht. Er fällt zurück auf den Boden, den Boden der Fantasie seines Autors. Der Kamin ist übrigens eine Orgelpfeife. Nichts in Webers Bahnhofsprosa ist nur, was es ist - auch das ganz wie in der Welt.

Der Bahnhof als Orgel, die Geleise als Harfe: Das gehört zu Peter Webers poetischen Wahrnehmungsbildern, seit er vor zehn Jahren zu publizieren begonnen hat. Der Wettermacher, man erinnert sich, war das furioseste Debüt in der neueren Literaturgeschichte. Darin beschrieb er seine Inthronisierung als Dichter. Am Vorabend des zwanzigsten Geburtstages hatte er in der elterlichen Stube im hintersten Toggenburg auf einen Stuhl zu steigen, um vom Vater den schwarzblauen Kondukteurshut der Schweizerischen Bundesbahnen aufgesetzt zu bekommen. "Du interessierst dich doch für Bahnhöfe und für die Eisenbahn?" - dieser Mutterfrage konnte er nicht entkommen. Aber nicht mit Modelleisenbahnbau hat er sich ihrem leisen Drängen gefügt, sondern mit der Konstruktion einer Welt aus Sprache. Dem Toggenburg ist er in den "Kopfbahnhof" Zürich entflohen, um als Dichter das Land des Wassers, seine Heimat, als Land des Wortgedröhns neu zu erfinden.

Bahnhofsprosa ist der Titel des neuen Buches, aber im Grunde meint der Begriff weniger einen Inhalt als eine Gattung, die Peter Weber hiermit inauguriert - wie vor vierzig Jahren Günter Eich mit seinen Maulwürfen. Webers Protagonisten - die sich geschmeidig und stets freundlich durch den Untergrund wühlenden "Höflinge" am Hof der Bahn - sind auch eine Huldigung an die blinden, rosapfotigen Renner Eichs. Wie sie unterläuft Webers Bahnhofsprosa anarchisch die Hierarchien der Welt. Deshalb hat sie auch wenig gemein etwa mit Peter Bichsels notorischer Zugsromantik. Mehr dagegen schon mit W. G. Sebalds wahnhaften Bahnhofskathedralen oder Hanna Johansens Bahnfahrt ins Unterbewusste in ihrem Erstling Die stehende Uhr.

Webers Bahnhofsprosa ist organisiert wie eine Zugskomposition. Vierundzwanzig Prosacontainer, vorn und hinten die Triebwagen, als die die beiden Kapitel in der Sixtinischen Kapelle am Anfang und Ende des Buches bezeichnet werden können. Zu der in ihr verordneten himmlischen Stille kontrastiert der Höllenlärm der Bahnhofshalle. Die vierundzwanzig kurzen Prosatexte lassen sich vage um vier Kerne gruppieren. In der ersten Textgruppe wird der Bahnhofsbesucher narkotisiert und in die Bahnwelt "weggesaugt", in der zweiten erlebt er seine Initiation zum "Höfling", in der dritten lernt er Ordnung und Anarchie, Ober- und Unterwelt des Bahnhofs kennen. In der vierten Gruppe gerät er wieder in die Sixtinische Kapelle, wo er vom "Maresciallo del silenzio" (welch ein Fund!) für sein Gerede zur Rechenschaft gezogen wird. Denn anders als im Bahnhof, wo Gerede Leben ist, ist es in der Kapelle der Tod der Kunst: Der feuchte Atem der Redenden frisst die Bilder.

Peter Weber ist ein barocker Klangmeister, ein gewaltiger Wortschöpfer und Märchenerzähler. Sein Bahnhof rankt sich um seine spitzbübische Privatmythologie herum zu einem eigentlichen Bahnkomplex empor. Zu dessen muntersten Bewohnern gehören schräge Lügengeschichten, die er uns mit charmanter Schlitzohrigkeit auftischt. Aber an ihrer Unterseite klebt Geschichte. Peter Weber ist immer auch ein Zeitbeobachter. Klar, dass im Mittelpunkt seines Bahnhofs eine Uhr steht. Sie ist das Herz, von ihr gehen die Einheiten aus, in denen Leben bemessen wird. Im Bahnhof selber ist die Zeit aufgehoben. Alles wogt, aber nichts verändert sich. Futuristisches lebt neben der guten alten Zeit.

Gegenstand der Bahnhofsprosa sind nicht Bahnhofsgeschichten, sondern das Bahnhofswesen. Das Bahnhofswesen wabert und vibriert, summt und posaunt. Geschichten verkochen darin zu einem Substrat. Personen werden zu Personal, das sich nach geheimnisvollen Choreografien bewegt. Es gibt Ankömmlinge, aber keine Reisenden, weil von Reisen, wo es keinen Ausgang gibt, nicht die Rede sein kann. Das Fernweh ist auf riesige Bildschirme, die in den Hallen aufgestellt sind, gebannt. Der Bahnhof ist ein anonymer, öffentlicher Raum. Zu ihm gehört auch ein Museum: das "Museum der Öffentlichkeit". Peter Webers Bahnhof ist eine Passage, die zum Lebensraum geworden ist, das definitive Provisorium. So wie unsere Bahnhöfe tatsächlich zu kompletten Ersatzwelten geworden sind.

Alles und alle in Webers Bahnhofsprosa haben eine irritierende Ähnlichkeit mit allem und allen, die wir kennen. Aber wir kennen wenig. In Webers Bahnhofsuniversum entstehen Räume, die finster bleiben, deren Ausmaße selbst dem Autor unbekannt bleiben. Das Bahnhofsuniversum ist unendlich. Es multipliziert sich selber - etwas anderes kennt es nicht - nach den undurchsichtigen Gesetzen der Konfusion und Diffusion. Eine begehbare Lunge, unsere Lunge, in der wir uns bald wie Gulliver, bald wie Schneewittchens Zwerge immer nur verwundert umsehen können.

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4.)

Bahnhofsprosa von Peter Weber, 2002, SuhrkampBahnhofsprosa.
Miniaturen von Peter Weber (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Niklaus Grubenmann in der Rezensionen.ch, 2003:

Feier der Sprache

Nach seinem viel gerühmten Erstlingswerk Der Wettermacher vor beinahe zehn Jahren und Silber und Salbader (1999) hat Peter Weber mit Bahnhofsprosa sein drittes Buch veröffentlicht. Wie meist nach einem so erfolgreichen Erstlingswerk, wie Der Wettermacher es war, wurde viel spekuliert, ob der Autor mit seinem zweiten Buch die Erwartungen erfüllen kann. Er konnte. Und er kann noch mehr, wie sein neuestes Buch beweist. Der Text bezieht seine Stärken einerseits aus der formalen Strenge (vier Teile, jeweils in sechs Unterkapiteln unterteilt), und andererseits aus der synästhetischen Perspektive des Erzählers, aus welcher er es schafft eine ganz eigene Welt zu kreieren.

Die Geschichte spielt - wie der Titel es bereits erwarten lässt - in einer Bahnhofshalle und der Erzähler führt den Leser durch seinen Bahnhof: "Ich sitze in der Bahnhofshalle im üppig aufwachsenden Gerede, das zum Gebrabbel wird, die Decke entlangführt. Wieder und wieder hatte ich festgestellt, dass es im Hauptbahnhof Orte gibt, an denen das Gerede aufwächst wie in der Sixtinischen Kapelle, wo es ein einmaliges Gerede gibt, zusammengesetzt aus Sprachen aller Welt." Das Zentrum der Bahnhofshalle bildet die "Mutteruhr", welche gleichzeitig auch als "Treffpunkt" dient. Von der "Mutteruhr" aus unternimmt der Erzähler Erkundungen in alle Richtungen. Oftmals hat man das Gefühl, die Beobachtungen seien dem Delirium des Halbschlafs entnommen; so überlagert sich zum Beispiel eine Fahrt im Schlafwagen mit einem Aufenthalt im Spital.

Peter Webers Erzählung ist auch eine Erzählung über das Hören. Die Bahnhofshalle wird, wie auch der Raum des Textes, akustisch vermessen. Das "üppig aufwachsende Gerede" zerteilt der Erzähler, indem er von Zeit zu Zeit "Schiff!" oder "Fisch!" ruft. Sobald jedoch das Ohr dem "höllischen Lärm" der Bahnhofshalle entflohen ist, wo das "geübte Weghören" überlebenswichtig ist, vermag es über die Begrenztheit der Halle hinaus, ins "Offene" zu hören: "Nach der Arbeit entferne ich die Stöpsel, lege mich im Zimmer aufs Bett, lasse den Ohren freien Lauf, sie eilen durch die Stockwerke ins Offene."

Bahnhofsprosa ist nicht Alltagsbeobachtung und erzählt keine Anekdoten von Menschen, die ihren Zug gerade verpasst haben. Sondern hier feiert die Sprache sich selbst. Peter Weber gelingt es eine phantastische, manchmal auch etwas bedrückende Sprache zu kreieren, welche ganz unmerklich beim Leser zu klingen und widerhallen beginnt. Lesenswert ist dieses Buch auch, weil mit grosser Sorgfalt mit Sprache umgegangen wird.

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Leseprobe I Buchbestellung 0304 LYRIKwelt © Niklaus Grubenmann

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Bahnhofsprosa von Peter Weber, 2002, Suhrkamp5.)

Bahnhofsprosa.
Miniaturen von Peter Weber (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 5.8.2004:

Die Jahre im Zug
Peter Weber liest vor Ort aus seiner "Bahnhofsprosa"

Gelegentlich bietet die Lounge des Frankfurter Hauptbahnhofs der Literatur ein Forum. Zuletzt war das so bei einer Veranstaltung des Kultur & Bahn-Vereins, der Peter Weber, den nächsten Stadtschreiber von Bergen, eingeladen hatte. Der aus Wattwil/Toggenburg gebürtige und in Zürich lebende Autor des Jahrgangs 1968 trat zusammen mit seinem Musikerfreund Denis Aebli auf. Das Duo spielte auf elektronisch verstärkten Maultrommeln, die von dem unentbehrlichen Heiner Boehncke in einer Vorrede als urschweizerische Instrumente bezeichnet wurden. Tatsächlich gehören sie jedoch auch in andere entlegene Weltgegenden.

Passend zur Umgebung, las Weber aus seinem 2002 bei Suhrkamp erschienenen und stark beachteten Roman Bahnhofsprosa. Hier ist der Züricher Hauptbahnhof ein monumentaler Hallraum mit den Anmutungen einer Kathedrale. In ihm "wächst das Gerede auf".

Die Entstehung und Wirkung akustischer Effekte in der "größten überdachten Halle Europas", so Weber, ist ein breit verhandeltes Thema der Bahnhofsprosa. Für den Autor stellt sich der zentrale Schauplatz des Romans als "großes Rhythmusgebilde" dar. Bei Weber scheinen sämtliche Sinne einem dominanten Gehör dienstbar zu sein. Synästhesie ist ein Schlüsselwort in der Rezeption seiner Prosa.

Die Zuhörer in der Lounge, einer Empore über der Schalterhalle, bekamen eine Idee von der Geräuschempfindlichkeit des Autors, der den im Fundus des Surrealismus ausgestatteten Erzähler allenfalls in einem "Wellental des Lautmeers" aufatmen lässt. Der "bekennende Bahnfahrer" Weber behauptete, auf Lesereisen alles in allem "Jahre in Zügen verbracht zu haben".

Im Gespräch nannte er sie "hochaktive Räume", im Roman "gleitende Märkte". Zu seinem Glück hält er sich mit dem, was daran alltäglich ist, kaum auf. Vielmehr schafft er erzählend seine eigene Ordnung mit einer Fantasie, die ihren Ursprung in einer Ohrmuschel zu haben scheint. Dem Publikum im Bahnhof verhalf dieser seltene Fall zu einem Hörgenuss.

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Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau