Baden bei Gewitter von Marion Poschmann, FVABaden bei Gewitter.
Roman von Marion Poschmann (2002, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Barbara von Becker in der Frankfurter Rundschau, 18.3.2003:

Helden des Alltags
Marion Poschmann probt die verhaltene Annäherung

Kennen gelernt haben sie sich im Krankenhaus: der hektisch agierende, sich trotz seiner plappernden Unverbindlichkeit etwas aufdrängende Mann und die zurückhaltende junge Frau. Aber etwas muss sie angezogen haben an dem kauzigen Typ, denn sie merkt sich seine Adresse und besucht ihn; und das ist auch schon alles. In dreißig eigenwillig betitelten Kapiteln, die als Erzählminiaturen fast für sich stehen könnten, entwickelt Marion Poschmann die Geschichte einer verhaltenen Annäherung. Baden bei Gewitter ist das erstaunliche Debüt der 1969 geborenen, heute in Berlin lebenden Autorin. Sie wurde soeben mit dem Leonce-und-Lena-Förderpreis ausgezeichnet.

Peter, knapp über fünfzig, offensichtlich arbeitslos oder arbeitsunfähig, lebt in einer schäbigen Parterrewohnung, voll gestopft mit Gartenzwergen, Kunststofftannenbaum auf dem Küchenschrank, vollen Plastiktüten und Kartons mit gerösteten Erdnüssen und Schokoriegeln neben dem Bett. Den spindeldürren Körper von einem Jogginganzug umschlabbert, eine Sonnenblende aus Pappe mit dem dünnen Gummiband hinter den Ohren festgezurrt, schlurft er in gestreiften Badeschlappen zwischen Küchenbank und Kaffeemaschine hin und her, über die Fährnisse des Alltags räsonierend, in einem Redefluss, der keine Antworten erwartet oder wünscht. Er trägt schwer an den geheimen Tücken der vielen, nur scheinbar selbstverständlichen Handgriffe des täglichen Lebens.

Vor jeder noch so kleinen Handlung lauert der Zwang, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Er antizipiert rhetorisch Wirkungen etwaiger marginaler Aktionen, um sie mit großer Geste von sich weisen zu können. Er ist Narziss und Psychopath, Überlebensstratege und Nervenbündel, ein Westentaschen-Don-Quichote, zwischen den Windmühlenflügeln seiner herbeigeredeten häuslichen und existenziellen Nöte zappelnd. Marion Poschmann beschreibt voll verstehender Sympathie diesen untüchtigen Lebenskünstler, der schon seit vierzig Jahren mit einem mal mehr, mal weniger pfeifenden Hörgerät im Ohr zurechtkommen muss. In den Klageanfällen gegen die kleinen Anforderungen seines aufs Nötigste reduzierten Alltags steckt zugleich eine gute Portion Selbstbehauptung und ein Schuss Koketterie. Mit der Gründlichkeit einer anthropologischen Forscherin umkreist die Autorin diese sonderliche Spezies von Mann in seinem sich selbst geschaffenen Revier.

Mit ähnlich durchdringender Aufmerksamkeit und sprachlicher Akribie widmet sich die Autorin dazwischen einfachen Gegenständen, die man in ihren analytisch-poetischen Beschreibungen glaubt zum ersten Mal in ihrer wahren Bedeutung zu erkennen. Wie etwa Gardinen! Ein "Schutzwall", der, im Fall von Stores, das Hinausgucken ermöglicht, aber unbefugte Einblicke nach innen abwehrt. Dafür werden unsere "spähenden Blicke von Fäden durchkreuzt. Eine Welt aus fadenscheinigen Ereignissen. Bilder, die gerastert sind wie Zeitungsfotos". An einem "dermaßen vorschriftsmäßig bekleideten Fenster" bewegt sich nichts.

"Als wäre es das Pflichtgefühl selbst, das sich hier aushängt: immer aufrecht, immer zuverlässig, genügsam, versehen mit steifer Haltung und Hohlkreuz - ein Verhängnis, mit dem man sich abgefunden hat. Immerhin erhält sich der Anschein von Rechtschaffenheit. Niemand muss etwas preisgeben. Nur manchmal wird der bleiche Behang von langsamer Hand gemeuchelt, um einen Blick auf die Straße zu wagen. Es besteht die Möglichkeit, sich in Ruhe zurückzuziehen, ohne behelligt zu werden. Als sei die weiße Fahne an jedem Fenster ein Beleg dafür, sich mit der Lage einverstanden zu erklären, das Zeichen einer stillen Kapitulation."
Sorgsam wie eine Archivarin sammelt Marion Poschmann Stück für Stück ihrer trivialen Fundstücke des Alltags - die Metamorphosen eines Regenschirms genauso wie Treppenhausgespräche. Mal bildet sie ihre Trouvaillen leidenschaftslos-exakt ab, dann wieder gräbt ihr Blick tief ins Wesen der Dinge und fördert ungesehene Eigenschaften hervor, die sie mit sanfter Leidenschaft zu feiern weiß. Es ist eine Prosa von hoher Konzentration, die selbige auch von ihrem Leser verlangt. Das ist zwischendurch nicht immer einfach, da es natürlich auch Stellen gibt, wo die Beschreibungswut sich ermüdend bedeutungsvoll und ausufernd in den Banalitäten von Waren- und Menschenwelt verrennt. Ein paar Raffungen hätten dem Gleichgewicht des Textes nicht geschadet.

Wer aber ist die junge Frau? Was verbindet sie mit diesem merkwürdigen, irgendwann aus dem so genannten normalen Leben gefallenen Man in seinem hässlichen Jogginganzug? Auch sie hat die Angewohnheit, "sich vor anderen klein zu machen", ist jemand, der um die Zerbrechlichkeit von Gewissheiten weiß. Aber wenn sie bei ihm sei, dann beruhige sie sich: "Sobald wir zusammen sind, ist er es, der den Part der Befürchtungen und der Nervosität übernimmt, und ich werde außerordentlich gelassen..."
Zwei Randfiguren des Lebens haben ihre gemeinsame Mitte gefunden. Dort hingeführt durch umsichtig-kluge und empfindsame Beobachtungskunst, eine Schule des Sehens, mit der Marion Poschmann schreibend die Wirklichkeit neu erfindet.

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