Babylonischer Kiez von Amanda Aizpuriete, 2000, RowohltBabylonischer Kiez.
Gedichte von Amanda Aizpuriete (2000, Rowohlt - Übertragung Manfred Peter Hein).
Von Claudia Kramatschek aus der Wochenzeitung, Zürich, 5.10.2000:

1956 geboren, Hausfrau, Mutter von vier Kindern und Übersetzerin – dies ist das steckbriefartige Selbstporträt der lettischen Dichterin Amanda Aizpuriete. Schon für ihren ersten Band «Die Untiefen des Verrats» (1993) wurde sie gerühmt als neue lyrische Stimme, beschworen in ihrer stillen Rebellion der Worte und der eindringlichen Alltagsnähe ihrer Themen. Da war weder Pathos noch Beschaulichkeit, dafür beeindruckte die dichterische Leidenschaft ihrer zugleich verständlichen und doch mit Widerhaken krakenden Sprache.

Widmete sich «Die Untiefen des Verrats» dem brüchigen Dasein unter dem Signum der schwierigen Geschichte Lettlands, so war «Lass mir das Meer» (1996; beide Rowohlt Verlag) ganz durchdrungen von der Zwiesprache der Liebe. Von dieser künden auch die neuen Gedichte – eine nunmehr düstere Flaschenpost aus dem «babylonischen Kiez»: jenem Brachland und Schlachtfeld, wo schon das Privatim der Zweisamkeit an der misslingenden Sprache scheitert. Die Welt dieses lyrischen und immer auch autobiografischen Ichs ist aufgespannt zwischen Verzweiflung und einem trotzigen Bündnis mit dem Leben, der Liebe: «geblendet werde lächeln/blind ich bis ans Ende».

Das Leben: «Treibsand»; die Liebe: ein Spiel mit gezinkten Karten (und manchmal am Rande poetischer Gefälligkeit). So lauschen wir mal einem stummen Zwiegespräch mit dem bereits abwesenden Duoder, einem Selbstgespräch, immer in wenigen Sätzen skizziert wie ein Tagebucheintrag: Selbsterkundungen eines nunmehr auf sich geworfenen Ichs, Grenzabsteckung des beengten Lebens, das einen wie die eigene Haut umspannt. Was bleibt, ist allein die Erinnerung: «Dem einen der Jasmingeruch ihres Haars im Gedächtnis,/dem andern dessen Seegeschmack.»

Der Tod ist allgegenwärtig im Daseinsentwurf dieser Dichterin, doch wirkt er hier wie ein zarter Silberfaden im Unterfutter einer spirituellen Verwobenheit von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem: «Durch die Dielenritzen wächst Gras aus Gräbern,/ und alle Spiegel sind Türen offen in ein/ anderes Leben.» – Ein Anderswo, von dem auch Aizpurietes lyrisches Ich zehrt: «wie Fingerabdrücke des Todes im Spiegel –/aus anderm Irgend kommen die Verse». Immer wieder ist das Schreiben Gegenstand seiner selbst. Und doch spricht hier eine, die sich verschenkt und wider besseres Wissen auf den persönlichen Ertrag nicht achtet: «die Liste vergessner Habe wär/herbstabendlang». Was sie enthielte: «was im Zugegen/auszuleben auszudichten mir nicht in den Sinn kam». Leben, Dichten: ist hier eins. Kein Teppich aus Theben, kein Traum nirgendwo.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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