Babels Wandlung.
Ein antibiografischer Roman von David Markisch (2004, Berlin-Verlag - Übertragung Alfred Frank).
Besprechung von Frank Haas in Neue Züricher Zeitung vom 14.12.2003:

Stalins apokalyptische Reiter
Ein grosser Roman von David Markisch über Isaak Babel

Seit fast zwanzig Jahren gab es von David Markisch kein Buch mehr auf Deutsch. Nun ist sein neuer Roman «Babels Wandlung» in einer agilen Übersetzung erschienen, die den gruselig lakonischen Witz des Autors bewahrt. Es geht darin um die Höllenfahrt Isaak Babels vom sowjetischen Musterautor zum Opfer der stalinistischen Säuberungen. Brillant und sehr frei wird dieses Leben und Sterben nacherzählt, von einem Autor, dessen eigene Biografie ein gutes Stück sowjetischer Gruselgeschichte enthält: Geboren 1939 in Moskau als Sohn von Perez Markisch, dem Autor eines jiddischen Versepos über den Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion, der 1952 als Verräter hingerichtet wird. Mit der Familie nach Kasachstan verbannt, kann David erst 1972 nach Israel ausreisen, wo er jetzt lebt und auf Russisch schreibt. Von klein auf vertraut mit dem politischen Terror, geschult an Isaak Babels schwerelos bunten Bildern der Grausamkeit und Lebensfreude, schreibt David Markisch eine fabelhafte Prosa von schreckensstarrer Leichtigkeit.

Vieles ist Fiktion im Roman «Babels Wandlung», der im Original sinngemäss «Ljutows Werden» (2001) heisst, benannt nach Kirill Ljutow, dem heftig flunkernden Alter Ego von Isaak Babel in «Die Reiterarmee», seinem Erzählzyklus, der ihn 1926 in der Literaturwelt berühmt gemacht hat - nach weniger glanzvollen Anfängen in Zeitschriften und als Agent des sowjetischen Geheimdienstes. Diese Lehrjahre sowie Babels Kindheit in Odessa überspringt David Markisch, der dem Helden auch einen anderen Namen gibt: Juda Grossman, der sich bei Bedarf ebenfalls Kirill Ljutow nennt. Der Weg dieser Romanfigur führt vom grausigen Bürgerkrieg (1920) zum literarischen Ruhm, über noble Salons und politische Fallen in Berlin, Paris und Moskau bis in den Erschiessungskeller der Geheimpolizei (1940). Ungefähr war das auch der Weg von Isaak Babel, nur in den Details hat David Markisch gewaltig und gekonnt fabuliert.

Die Sterne und der Tripper

Im ersten Teil des Buches ist dieser Held unterwegs mit der berüchtigten Roten Reiterarmee gegen die antirevolutionären Weissen im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Polen. Er ist 26 Jahre alt, Kriegsberichterstatter und vor allem Schürzenjäger. Das Leben scheint ihm (so auch Babel wörtlich) «wie eine Wiese im Mai, eine Wiese voller Frauen und Pferde». Verstört beschreibt er das Blut und den Dreck im Krieg. Zu Hause in Odessa hat er zwar eine junge Gemahlin, doch nun erobert er als Jude auch so manche «russische Frau, weiss, gross, eine verbotene Frucht». Zudem ist der Antisemitismus der Roten Kosaken himmelschreiend, sie terrorisieren vor allem die jüdische Zivilbevölkerung, die «mit der Ausdauer von Insekten» auf das Ende der Kämpfe wartet. Er sieht das alles mit an und schreibt es auf, spricht mit derselben poetischen Stimme «über die Sterne und den Tripper» (so Viktor Sklowski über Babel). David Markisch hält sich hier stilistisch ganz auf der Höhe des Vorbilds und gibt mehreren Figuren aus der «Reiterarmee» ein neues Leben - aber mit dem Wissen des Nachgeborenen um die politische Sinnlosigkeit jener Gemetzel.

Auch der wirkliche Babel beschönigt nichts an der Mordlust der Roten Reiter. Er kann ungeschminkt schreiben, ohne Propaganda zu machen, und wird trotzdem ein sowjetischer Starautor - zunächst auch dank der schützenden Hand Gorkis. Europäische Intellektuelle erliegen seinem Charisma und dem blutigen Glanz seiner Kunst. Doch der stalinistische Moloch frisst gerade seine begabten Kinder, auch wenn sie hoffen, sich durch spätes Schweigen zu retten, wie Babel in den dreissiger Jahren. «Was mag er wohl denken - und verschweigen - über das sowjetische Russland?», fragt sich hellhörig Borges 1938, ein Jahr bevor Babel von den Häschern abgeholt wird.

Eine faszinierende Beklemmung entsteht bei Markisch durch einen kompositorischen Kniff: Einschübe aus der Zukunft, die das Schicksal mancher Figuren vorwegnehmen. Etwa das jener jüdischen Zahnärztin, die den Bürgerkrieg stoisch erträgt, aber «einundzwanzig Jahre später» während der deutschen Invasion Selbstmord begeht. Markisch erfindet oder variiert Erlebnisse des Kriegsschriftstellers Babel/Grossman in einem eigenen Ton und in kathartischen Bildern. Die makabre Kraft dieses Stoffes kommt natürlich zu einem guten Teil aus der Lebendigkeit der Vorlage. Das gilt auch für jene schillernden Passagen nach der Heimkehr aus dem Bürgerkrieg, in denen Markisch die «üppige ölige Sprache» von Babels «Geschichten aus Odessa» nachempfindet. Da begegnet der Held in einer Halbwelt von Revolutionären, Künstlern und Verbrechern seinem Freund Bljumkin. Der «ist doch mehr ein Mörder als ein Lyriker. Aber ein höchst sympathischer Mörder.» Dieser Terrorist wird ein hohes Tier im Geheimdienst, ist unterwegs in Tibet, baut in Palästina das sowjetische Spionagenetz aus, fällt später in Ungnade und endet 1929 durch Genickschuss - auch das erfährt der Leser in einem jener schauderhaften Vorgriffe auf Späteres.

In einem Künstlercafé in Odessa sieht Babel/Grossman auf dem Podium eines Puppenspielers zum ersten Mal den «Schwarzen Engel», der von da an immer wieder als Menetekel auftaucht, auch auf seiner Reise nach Westeuropa im Romankapitel «Ruhm. Beschattung. Angst». Dieser zweite Teil ist eindeutig weniger gelungen, weil sich Markisch dabei an keine überragende Babelsche Vorlage halten kann. Trotzdem wird hier immer noch glänzend genug erzählt von der Reise des berühmten sowjetischen Schriftstellers 1927 nach Berlin und Paris. Babel weiss, dass er auf jedem Schritt bespitzelt wird, laviert geschickt zwischen den offiziellen Vertretern seiner Heimat und frönt wie immer dem Weiberheldentum. Auch für diese Verdienste windet ihm Markisch einen schönen Lorbeerkranz... Fortsetzung

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