Babel.
Theaterstück von Elfriede Jelinek,
(2005, Akademietheater Wien).
Besprechung von Paul Kruntorad aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.03.2005:

Obszönitäten in der guten Stube
Nicolas Stemann inszenierte die Wiener Uraufführung von Elfriede Jelineks „Babel“

Nicolas Stemann hat Elfriede Jelineks Variationen über das Stauwerk Kaprun („Das Werk“) im Wiener Akademietheater seinerzeit mit so viel Bildwitz inszeniert, dass endlich auch eine Theaterarbeit der neuesten Nobelpreisträgerin zum Hit nicht nur bei der Kritik, sondern auch beim Publikum wurde. Vor Jelineks „Babel“, Variationen über den Irak-Krieg, kapituliert er. Den ersten Teil lässt er verlesen, dann noch einmal, mit leichten Änderungen, an der Rampe von neun Kermit-Fröschen quaken. Einige leicht fassbare Wort- und Gedankenspiele halten das Publikum halbwegs bei Laune.

Dann geht ein zweiter Vorhang hoch und gibt den Blick frei auf die Puppenspieler. Sie ziehen ihre schwarzen Overalls aus und präsentieren sich als Quintett, zwei Töchter, drei Söhne einer biederen Familie. Mutter (Barbara Petritsch) und Vater (Rudolf Melichar) äußern in der guten Stube (eingerichtet von Katrin Nottrodt) Obszönitäten im Konversationston. Die Kinder sind ungebärdig.

Penetration dominiert in den Vergleichen und Metaphern - wie gehabt. Wenn von Pimmeln die Rede ist, ziehen sich Philipp Hauß, Markus Hering, Philipp Hochmair, alle drei gut gewachsen und flachbäuchig, nackt aus und vergleichen untereinander ihre primären Geschlechtsmerkmale.

Mehr Kontrast gibt es bei den Töchtern ­ die eine, Sachiko Hara, weißgekleidet und züchtig (Kostüme: Esther Bialas), die andere, Myriam Schröder, in der Aufmachung einer Sexbombe. Mit rosa Büstenhaltern ziehen die Söhne eine Transvestiten-Nummer ab, die japanische Schauspielerin mit dem herzigen Akzent (Hara) gibt eine Engelchen-Einlage, die aus Deutschland stammende mit dem virtuos eingeübten Wiener Akzent (Schröder) bietet professionellen Sex’n’Roll. Zu einem Liedchen des Engelchens strippt schließlich auch sie.

Noch enthält Jelineks Text viel Gender-Diskussion und wenig über den Irak-Krieg, über weibliche amerikanische Feldwebel, die in voller Montur auf nackten irakischen Häftlingen herumreiten. Das männliche Trio gibt Gefangene hinter einem Elektrozaun, an dem sie hochspringen, bis die Funken fliegen. Ihre beiden Schwesternzu denen sie hinaufklettern, zeigen sich als Go-Go-Stripperinnen in Käfigen. Dann fließt das Blut in Strömen, blutige Leiber im Haufen am Boden, einzeln aufgehängt auf der Rückwand. Jetzt bringt der Regisseur die Medien-Metapher ins Spiel, ein Voyeur (Hermann Scheidtleder) holt sich mit Doppelclick die entsprechenden Bilder auf den Bildschirm (markiert durch Vorhang auf und zu).

Die nächste Station ist eine Blasphemie, „Papa, was hast Du mir angetan“, ruft einer der Söhne, und ein Gekreuzigter in dunklem Anzug präsentiert sich an der Rückwand, mit einem blutigen Mal auf der Stirn und einer Physiognomie, die George Bush ähneln mag. Ausgiebig wird von der Flöte als Penissymbol Gebrauch gemacht, freilich, Stemann findet keine zweite Bedeutungsschicht: Ambivalenz ist unerwünscht, schließlich geht es um größtmögliche, um brutale Deutlichkeit.

Vor dem Schlußbild, in dem wieder familiäre Betulichkeit obwaltet, versucht Stemann, einen Schock für alle Sinne zu erzeugen, freilich mit längst abgetakelten Mitteln: Eine Schweinwerferbatterie blendet die Augen, eine Lärmwand verstopft die Ohren, die wogenden blutigen Leiber rennen imaginäre Barrieren ein. Die Wiener Staatsoper hat Hermann Nitschs Anilinblut-Theater salonfähig gemacht, und seitdem gehört es zum Phrasenbestand des szenischen Vokabulars.

An der Aufgabe, für Elfriede Jelineks verzweifelt Assoziationen klitternden Text Bilder zu finden, die nicht nur Grausen, sondern auch Grauen wecken, ist Stemann diesmal mit seiner technisch und schauspielerisch beeindruckenden Revue gescheitert. Die Uraufführung von „Babel“ will als zweiter Teil seiner Trilogie „Gefahren des Wohlstands“ verstanden werden, die er mit seiner Inszenierung von Elfriede Jelineks Bearbeitung der „Bunbury“-Komödie Oscar Wildes begonnen hat. Den freundlich lebhaften Applaus, mit dem ein Großteil des Premierenpublikums den zweieinhalb Stunden ohne Pause durchgespielten Abend bedachte, verlängerte das Ensemble durch eine schier nicht endenwollende Serie von Verbeugungsrunden als artistische Einlage.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten