Aztekensommer.
Roman von Christoph Janacs (2001, Resistenz).
Besprechung von Helmut Sturm aus Rezensionen-online *LuK*:

Salsa roja fresca y recalentada
Zwei "mexikanische" Bücher von Christoph Janacs

Natürlich wissen wir längst, dass wir, wenn wir einen Roman zur Handnehmen, nicht mehr mit einer Geschichte, die meist von der Liebe handelt, rechnen können. Bei Christoph Janacs" "Aztekensommer" sehen wir klar die große Liebe des Autors zu diesem mittelamerikanischen Land, mit der Geschichte verhält es sich allerdings etwas komplizierter. Dieser Roman, der Erfahrungen, Erlesenes, possible worlds und Faktisches zusammen bringt, hat keine lineare Geschichte, besteht vielmehr aus einer Vielfalt literarischer Formen, die herkömmliche Erzählung, (Bild-)Beschreibung, Impressionen, Dialoge, Tagebuchnotizen, Drehbuch und Gedichte zu einem umfangreichen Textbild verbindet, das in die drei Abschnitte "Templo mayor", "Salsa roja" und "Chac Mool" gegliedert ist. (Schade dass der Band kein Inhaltsverzeichnis zum raschen Nachschlagen der Gedichte und Erzählungen bereitstellt.)

Christoph Janacs wurde vor einigen Jahren durch den Stefan-Zweig-Preis der Stadt Salzburg ein längerer Mexiko-Aufenthalt ermöglicht. Wie er in einem Interview sagte, ist er dabei Stunden und Tage und Wochen durch die Großstadt gegangen. Solange, bis er sie im Kopf gehabt habe und ohne Stadtplan durch die Riesenstadt gehen konnte. Die genaue Kenntnis, der vertraute Umgang mit der Landessprache und umfangreiche historische Recherchen zeichnen das gesamte Werk aus. Der erste Abschnitt beginnt mit dem Landeanflug des Flugzeugs auf die Megalopolis-Hauptstadt, die auch der Ort der Einträge zu diesem Teil ist. Schon hier werden wir mit dem Schriftsteller Ricardo und seiner Haushälterin Rosa, dem Lebenskünstler El Loco, Slum-Bewohnern und einer namenlos bleibenden "Sie" bekannt gemacht, Personen, die immer wieder aus den unterschiedlichen Texten sprechen und so zusammen mit wiederkehrenden Leitmotiven ein kaleidoskopisches Ganzes, in dem die Einzelteile verbunden sind, entstehen lassen.

Schwer zu vergessen die Schwierigkeit des Überquerens der

"ein / zwei / drei / vier / fünf / sechs / sieben / spurigen Avenida".

(Janacs liebt vor allem in den lyrischen Abschnitten eine visuelle Anordnung des Textes.) Immer wieder der "Duft nach Maistortillas, Öl, Cilantro, geröstetem Chili und Fleisch"; "der Schweiß, wie er aus allen Poren auf Stirn und Schläfen dringt, sich im Nacken sammelt, den Rücken hinabrinnt"; und die Kommentare jener "sie", die den Erzähler auf einer der Reisen in das Land begleitet hat: "sie: glaubst du, wir sind auf der richtigen Straße?"; "sie: sollten wir nicht besser umkehren?"

Handlung im vertrauten Sinn enthält reichlich der zweite Abschnitt "Salsaroja", der nach dem Nationalgericht, das praktisch bei jedem Essen dazugehört, benannt ist. Hier lesen wir von mexikanischen Erfahrungen eines wagemutigen Touristen, zu denen Erlebnisse mit der Polizei, der Überfall eines Überlandbusses, scharfes Chili im unheimlichen Dorfwirtshaus, die Begegnung mit einer fremden Volksfrömmigkeit und dem Bürgerkrieg gegen die indigenen Bewohner gehören. Der Ort des letzten Teils ist die Zeit, hier ist das Zusammenfallen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Thema, für das der aztekische Götterbote Chac Mool im Titel steht.

Janacs erzählt aus verschiedenen Perspektiven, wechselt von der Touristenperspektive in die des Slumbewohners oder des Stadtkindes. Manchmal ist die Erzählung ein Bild, aus der Zeitschrift, vor der Kamera oder dem Auge des Besuchers. Gedichte fassen zusammen, assoziieren Neues, irritieren, zwingen zur Reflexion. Reflexion, bewusstes Gestalten ist das Hauptmerkmal dieses Großtextes, in dem auch der Zweifel an der vermittelten Wahrnehmung nicht fehlt: "oder hatte, in den darauf folgenden Monaten, und später, zu Hause, das oftmalige Betrachten der Fotos, die du, möglichst unauffällig, immer in Deckung, hier gemacht hattest, dein Erinnerungsvermögen getrübt, so wie du den Eindruck hattest, die Aufnahmen würden die Farben nicht wirklichkeitsgetreu wiedergeben".

Zu seiner Arbeitsweise heißt es im Buch: "An die sechs Stunden durchs Zentrum zu gehen, Straße für Straße, Menschen zu beobachten, zu schauen, zu horchen, zu riechen, Notizen zu machen… das ist Arbeit".

Freilich ist der Roman bisweilen spröde, in gewisser Weise auch abweisend. Er setzt Leser wie Leserin mit Ausdauer voraus, Spanischkenntnisse, zumindest ein Wörterbuch, denn das dreiseitige Glossar erklärt nur 27 Begriffe. Der Neugier danach, welche Quelle denn da zitiert sein könnte, steht am Schluss des Bandes ein kommentarloser Index "Literatur" gegenüber.

Für das Land im Kopf, es ist Janacs" große Leistung, dass es so plastisch entsteht, werden viele einen Ankerpunkt in Form einer Karte wünschen, in die die vielen Ortsangaben in ein Raster geographischer Orientierung eingetragen werden können. Das würde doch nicht das Bild von Chaos, Orientierungslosigkeit, auch Gefahr zerstören, das auf den über vierhundert Seiten vielfarbig gemalt ist.

Mein laienhaftes Urteil über Satz und Layout des Resistenz-Bandes habe ich im ersten Augenblick des Zur-Hand-Nehmens getroffen und nicht mehr entscheidend revidiert: Beide fördern nicht die Freude am Lesen, sind irgendwie grob und dem diffizilen Textgewebe nicht entsprechend.

"Aztekensommer" erschien in einem Kleinverlag, liegt deshalb nicht stapelweise in der auf Massenware ausgelegten Buchhandlung. Damit an uns Leserinnen und Leser kommt, was Christoph Janacs gekonnt zusammengestellt hat, bräuchte es eine effizientere Literaturvermittlung.

Mit dem in diesem Jahr im Haymon-Verlag in Innsbruck erschienenen Erzählband "Der Gesang des Coyoten" zieht der Salzburger Schriftsteller, so scheint es mir, auch eine Konsequenz aus der geringen Verbreitung seiner letztjährigen Publikation. Es handelt sich laut Untertitel um "Mexikanische Geschichten". Wer aber, beeindruckt von der Tiefe des Wissens um Land und Leute, das er in "Aztekensommer" kennen gelernt hat, zu dem Band mit dem von Benno Peter ansprechend gestalteten Umschlag greift, wird zunächst etwas verstört und, wenn er nicht gerade an Varianten schriftstellerischen Gestaltens besonders interessiert ist, vielleicht sogar etwas verärgert sein, handelt es sich bei diesen Geschichten doch fast ausschließlich um mehr oder weniger bearbeitetes Material aus "Aztekensommer". Wie wir aus diesem Roman kennen, kann eine gewisse Selbstreferenz künstlerisches Gestaltungsmittel sein, diese Form des Sich-selbst-Zitierens (ohne Angabe in Klappentext oder Waschzettel) muß man aber nicht gustieren. Aber die vier mal vier Geschichten werden aus den eben angedeuteten Gründen vor allem ein Publikum finden, dem der "Aztekensommer" nicht begegnet ist. Sie werden in diesen zwar traditionell, aber auf höchstem handwerklichem Niveau erzählten Texten eingeführt in ein Land von fast 2 Millionen Quadratkilometern und etwa 100 Millionen Einwohnern, die durchschnittlich pro Jahr an die 5000 US-Dollar erwirtschaften und etwa ein Viertel der Kaufkraft der USA zur Verfügung haben. Sie werden, auch wenn sie anders als hier mit keinen Zahlen konfrontiert werden, verstehen, dass Landflucht, die ausufernde Hauptstadt, die Benachteiligung der indigenen Bevölkerung und (für den Touristen) die Hitze (und scharfes Chili) bewältigt werden müssen. Janacs erzählt poetisch, bringt auch hier besonders in den Dialogen viel mexikanischen "O-Ton". Die Geschichten sind eigenständig, doch so miteinander verwoben, dass sie eine Einheit bilden, die einen Schnappschuss vom umfassenden Panoramabild des "Aztekensommer" für den ergeben, der diesen Mexiko-Roman vor seinem Abflug nicht mehr schafft.

Sarah Kirsch notiert einmal "Ich kam bis nach Grönland / In meinem Herzen"; mit den beiden Bänden von Christoph Janacs gelangt man bis Mexiko und weit darüber hinaus.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-online.at Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

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