Axolotl Roadkill von Helene Hegemann, 2010, Ullstein1.) - 3.)

Axolotl Roadkill.
Roman von Helene Hegemann (2010, Ullstein Verlag).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus der Neue Zürcher Zeitung, 4.02.2010:

Nicht gesellschaftsfähig?
Die gemässigte Rebellion von Helene Hegemanns Roman «Axolotl Roadkill»

Mit 15 Jahren hat sie ihren ersten Film gedreht, und als 17-Jährige veröffentlicht sie nun ihren ersten Roman: Helene Hegemann gilt als der neue Literaturstar Deutschlands und wird entsprechend von Verlag und Betrieb inszeniert.

Zurzeit machen in Frankreich die Kameras Jagd auf die seltene Spezies ganzkörperverschleierter Frauen, denn es wird an einem Gesetz zum Burkaverbot gebastelt. Während die regierenden Herrschaften im kulturellen Nebengeschäft einen archaischen Sittenkrieg führen (hier signifikanterweise gegen das Recht fremder Frauen auf Unsichtbarkeit), nutzen ihre privilegierten Nachkommen die Öffentlichkeit, um am eigenen Leib die Kollateralschäden der «freien Gesellschaft» vorzuführen – unterm Applaus derselben Herrschaften. Angeführt von der Fraktion der «linken, durchsetzungsfähigen Arschlöcher überdurchschnittlichen Einkommens», vermarktet die schuldige Vätergeneration gerührt und fasziniert die gesampelten Schreie der nackten, ausgesetzten Kinder.

Im Lurchstadium

So heisst es zwischen zwei Buchdeckeln aus dem Haus des Verlagsriesen Ullstein: «Alles, was ich geschrieben habe, haben die da in den Händen, und ich habe das Gefühl, gar nicht mehr vorhanden zu sein. [. . .] Ich sehe meinen Körper schreien und merke, wie dieser Schrei in mich reinfährt. Wie ich mich dagegen zu wehren versuche, aber das ist gerade wahrscheinlich eine ganz unfassbare Ablösung von meinem Ich-Modell, ich bin kurz vor dem Übergang zum Zustand des Nichtseins.» In dieser Szene, die das Ende einer Autovivisektion bei allenfalls temporärer Betäubung markiert, erhält der Roman «Axolotl Roadkill» einen Teil seines Titels: «You write like a roadkill», sagt der Bruder der 16-jährigen Mifti anerkennend, «ein angefahrenes Tier». Der Axolotl dagegen, den Mifti aus dem Aquarium eines Freundes ersteht, «bleibt sein gesamtes Leben lang im Lurchstadium». Mit anderen Worten: «Es ist megahart, ein Individuum zu sein.»

Schon mit diesen Leitmotiven beweist Helene Hegemann, während des Schreibens so jung wie ihre Protagonistin, die Präzision ihrer «Ausdruckswaffen», die Mifti selbst zum Panzer einer fragmentierten Seele erklärt: «Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist [. . .]. Um die abgehobene Glätte glaubhaft durch all den passierenden Wahnsinn zu tragen, ist es wichtig, dass der Text fehlerfrei und perfekt gegliedert ist.» Die ästhetischen Mittel sind Überlebenstechniken eines nicht ausgeschlüpften, masochistisch nach den eigenen Körpergrenzen und echter, «dreidimensionaler» Realität suchenden, distanzierungswütigen und symbiosegierigen Findlings in Berlins Beton- und Asphaltwelt. Dort findet, Generationen nach dem Original, die utopiefreie Variante von Sex, Drugs & Rock'n Roll in Megadiscos à la Berghain, auf Mottopartys, in 300-Quadratmeter-Lofts und in Taxis statt, die schon einmal Heiner Müller transportiert haben.

Die hochbegabte weibliche Frühgeburt lebt in einer mit Matratzen, MacBook Pro, Beamer und Boxen ausgestatteten Wohnung. Von der Vernachlässigung durch die «soziopathische» Mutter, die in Miftis 13. Lebensjahr als Junkie starb, ist sie durch den primär via SMS anwesenden Vater, einen versnobten Freelance-Kulturfuzzi, in die «Wohlstandsverwahrlosung» aufgestiegen. Unter einer Schicht reflexiver Begriffe wie «Dissoziation», «Autoaggression» oder «Borderline» sind ihre häufigsten Selbstattribute «wild» und «dünnhäutig.» Die klassische Traumatisierungs-Symptomatik zeigt eine eher beiläufige Wortwahl. Stets wird die musik- und drogengestützte Transzendenz als «Zerfliessen» beschrieben. Eine abweisende Geliebte bietet ihr dagegen die Kehrseite der Verschmelzung: die Enthäutung. Man errät das aus einer Kombination von blutigem T-Shirt und Klebeband, kulminierend in der Selbstwahrnehmung: «Ich bin eine einzige grosse Wunde und löse mich in der Umgebung auf.» Die sadistische Freundin – 46 Jahre alt und «bis zum Exzess geliftet» – ist eine Wiedergängerin der toten Mutter, ja sie wiederholt deren Liebeserklärung an das Kind: «Du bist Dreck, den sie nur mit Schweigen aus der Welt schaffen konnten.»

Diese so extreme wie repräsentative Opfergeschichte umgibt ein soziokulturelles Panorama des ersten Millenniumsjahrzehnts, wie es nur eine wirklich kluge, wirklich beschädigte und wirklich junge Frau eröffnen kann. Ihre Stegreif-Analysen erinnern an die Feldstudien von Rainald Goetz, ihre Theoriefragmente sind von blitzender Spontaneität, und die Cut-up-Technik, die Hegemann aus dem Film mitbringt, setzt in guter Underground-Tradition kritisches Potenzial frei – sei es durch die entlarvende Unmittelbarkeit der Dialoge (zwischen Vater und Tochter: «Ich hab dich lieb. – Was?»), sei es durch aberwitzige Situationskomik (auf einer Schulexkursion: «Wo bist du gerade? – Im Konzentrationslager»). Zwar ist die Sprache oft überambitioniert, wirken die karikierenden Differenzierungen selbstverliebt und anekdotisch, die Gewaltphantasien auftrumpfend, die Selbstkommentare redundant. Und doch beweist die Autorin Intelligenz und Stil – schon darin, dass sie neben aller akuten Slang-Mündlichkeit nicht von «Sinn machen», sondern von «Sinn ergeben» spricht.

Braves Wunderkind

Helene Hegemanns Rebellion hat Vorläufer von Françoise Sagan bis zu Marilyn Monroe in John Hustons Film «The Misfits» (der in Miftis Namen anklingt); sie verbindet den postfeministischen Furor ihrer Inspirationsquelle Kathy Acker mit Figuren von Medea bis Ulrike Meinhof. Doch während Letztere den autoritären «Faschismus» des Nachkriegssystems bekämpfte, bewegen sich die heutigen Töchter in einer Umgebung, auf die Pasolinis Begriff des «Konsumfaschismus» anwendbar ist – ein scheinbar antiautoritärer, medial-merkantiler Komplex, der seine eigenen aussagewilligen Opfer umarmt. Genau die «linksresignativen» Kulturbeiträger, denen seine Attacken gelten («Ihr habt keine Ahnung von irgendwas anderem als geregelten Verhältnissen, und sobald eure Verhältnisse nicht mehr geregelt sind, sind sie das unter geregelten Umständen nicht mehr»), feiern das brave Wunderkind, das keines sein will. Die Relativierung von Hegemanns Jugend ist dabei ebenso heuchlerisch wie das bereitwillige Zugeständnis, es handle sich um pure Fiktion. Sie selbst bestritt in einem Interview, ihren Vater, den Dramaturgen Carl Hegemann, im Roman abgebildet zu haben: Er sei «ein grossartiger Mann, der der Erste war, der das Manuskript lesen durfte». Treffender kann man das fatale Dilemma des bösen Mädchens kaum auf den Punkt bringen.

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Axolotl Roadkill von Helene Hegemann, 2010, Ullstein2.)

Axolotl Roadkill.
Roman von Helene Hegemann (2010, Ullstein Verlag).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 10.02.2010:

«Axolotl Roadkill«: Alles nur geklaut?
Plagiatsvorwurf gegen Autorin Helene Hegemann

Nun hat es dieses Buch doch noch zum Skandal gebracht. Helene Hegemanns «Roman«-Debüt «Axolotl Roadkill«, gerade noch vom Literaturbetrieb selten einmütig als «Geniestreich« und «schrille Sinfonie« in den Kulturhimmel gejubelt, ist wegen Plagiatvorwürfen über Nacht für eben diese begierige Feuilleton-Gemeinde zum obskuren Objekt verkommen.

Wer gerade noch vom «literarischen Kugelblitz« und von «denkgeiler Phantasie« schwärmte, muss nun in gedrechselten Sätzen zurückrudern: denn die Originalität der 17-jährigen Autorin hat sich als passagenweise ziemlich dreiste Abschreiberei herausgestellt. Was ist geschehen? Auf den Buchmarkt kam der Text eines jungen Mädchens, das radikal und schonungslos in ihr geschundenes kurzes Leben blicken lässt. Das spielt sich vornehmlich in Berliner Szene-Clubs, in ungemachten und vollgekotzten Betten, im exzessiven Drogenrausch, mithin im von allen Perspektiven befreiten Nichts einer «dahinschimmelnden« Gesellschaft ab.

Wohlstandsgöre

Als ur-altkluges Kind durchstreift Hegemann nicht nur die Randbezirke ihres Bewusstseins, sondern vor allem eine Erwachsenenwelt, die ihr in ihrer Künstlichkeit, Verlogenheit und konsumfaschistischen Fremdheit wie eine geistes-öde Mondlandschaft erscheint. Die kleinen Fluchten daraus geraten zum lebensbedrohlichen Trip, die erwünschte Erkenntniserweiterung führt in Sackgassen des Trüb- und Wahnsinns.

Solch eine Beichte einer zur Selbstzerstörung neigenden Wohlstandsgöre in durchgemachten Nächten, in denen Papas Apanage sich in Venen und Nasen verflüchtigt, könnte als Auf- und Hilfeschrei durchaus aufrütteln und zum Denken und Zweifeln Anlass geben. Doch Hegemann strapaziert den geduldigsten Leser mit einer zusammengestöpselten und nervend angestrengt abstoßenden Szene-Sprache, die sich klugscheißerisch zwischen Girlie- und Grufti-Geplapper um jeden halbwegs verständlichen Satz windet. Die klugen Kulturverwalter der Feuilletons aber sahen darin eine literarische Offenbarung, das Logbuch zum Verständnis der «Nuller-Generation« und der Postmoderne schlechthin.

«Kreatives Sampling«

Im Grund genommen aber geht es hier um Kindesmissbrauch («Scheiße, Mann, ich bin minderjährig«, warnt die Autorin selber einmal). Nicht, weil man die arme kleine und völlig unfromme Helene mit Liebesentzug und bunten Pillen traktierte, nein: weil man sie allein ließ in diesem Literaturbetrieb, der euphorisch jauchzt, wenn ihm ein schriller junger Vogel in den tristen intellektuellen Alltag flattert, und mokiert auf Distanz zu sich selber geht, wenn sich das aufgemotzte Wesen als ausgestopft und angestaubt herausstellt.

Hegemann, diese von allen guten Lektoren verlassene Debütantin, hat ihren Verlag und all die klugen Kritiker getäuscht, denn sie hat sich im Zeitalter des Mausklicks ungeniert im Internet ein paar Ideen und eine Menge Zeilen heruntergeladen, bei einem Blogger abgeschrieben, dessen nicht minder verkorkstes und via Google abrufbares Dasein ihr ganz gut in ihren eigenen unaufgeräumten Kram passte. «Kreatives Sampling« nennt man das heutzutage, ist aber als geistige Untat so neu auch wieder nicht: Ginsberg und Kerouac haben abgeschrieben, Brecht auch, Picasso hat abgemalt. Freilich ist da etwas anderes dabei herausgekommen.

«Ich selbst empfinde es nicht als geklaut«

Jetzt ist das Geschrei um Urheberrecht, Originalität und Echtheit groß. Dabei steht schon auf Seite 15 in Hegemanns Buch der Satz, der alle um ihr treffliches Urteil so gemein Geprellten hätte aufhorchen lassen müssen: «Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde.« In einer Stellungnahme hat die ebenso vom Erfolg wie von der jetzt eingesetzten Empörung total überraschte Autorin noch trotzköpfig präzisiert: «Ich selbst empfinde es nicht als geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe und von vornherein immer damit hausieren gegangen bin, dass eben überhaupt nichts von mir ist. Wenn da ... reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, so ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.«

Die vollständige Besprechung von Bernd Noack finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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Axolotl Roadkill von Helene Hegemann, 2010, Ullstein3.)

Axolotl Roadkill.
Roman von Helene Hegemann (2010, Ullstein Verlag).
Besprechung von Nada Weigelt im Münchner Merkur, 20.2.2010:

Kein Kommentar: Hegemann liest aus "Axolotl"
Eigentlich habe sie sich vorgenommen, nie vorzulesen, sagt Helene Hegemann. Aber an diesem Abend tut es die umstrittene Nachwuchsautorin dann doch. Es ist ihr 18. Geburtstag.

Und die Berlinerin stellt mit dem Ullstein Verlag ihren mit Plagiatsvorwürfen konfrontierten Roman “Axolotl Roadkill“ am Freitagabend offiziell vor. Das Buch ist schon einige Wochen auf dem Markt, steht seither auf den Bestsellerlisten und hat eine große Debatte über die Originalität von Kunst ausgelöst.

Anders als Ullstein-Geschäftsführerin Siv Bublitz geht Hegemann an diesem Abend mit keinem Wort auf das Trommelfeuer ein, das seit Wochen auf sie einprasselt. Keine Entschuldigung, keine Verteidigung. Stattdessen stellt sie sich im wummernden Berliner Techno-Club Tresor vor rund 1000 geladenen Gästen ganz leise ans Mikrofon und liest mit der Schauspielerin und Freundin Laura Tonke (35) aus dem Roman vor.

Klein und ein bisschen schüchtern steht sie in ihrem Blumenröckchen da, immer wieder fallen die Haare wie ein Schleier übers Gesicht. Und die Freundin muss ihr mit einem Küsschen Mut zum Loslegen machen. Es ist eine kraftvolle und scharfe Sprache, in der sie von den Befreiungsversuchen ihrer 16 Jahre alten Erzählerin Mifti schreibt - hart, wild und zynisch.

Kein Kommentar zu den Palgiatsvorwürfen

Unkommentiert liest sie auch eine der etwa 20 Passagen vor, die sie aus dem Roman “Strobo“ des unter Pseudonym schreibenden Bloggers Airen übernommen hat. “Schlussendlich liegt auf dem Mahagonitisch eine Messerspitze bräunlichen Pulvers, das wie Instanttee aussieht und nach einer Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig riecht“, lesen die beiden vor. “Als sie ein Feuerzeug unter die Folie hält, schmilzt das Heroin und zieht eine kleine Rauchschwade hinter sich her.“

Verlegerin Bublitz hat zuvor wortmächtig das Recht auf die “freie Benutzung“ von Quellen verteidigt. “Dieses Recht erlaubt es einem Künstler, Quellen auch ungenannt zu verwenden, wenn er daraus Neues und Eigenständiges schafft“, sagt sie. Dennoch habe es Ullstein nicht auf einen Rechtsstreit ankommen lassen, damit endlich wieder über den Roman selbst und seine Qualität geredet werde. Der vierten Auflage, die von Montag an ausgeliefert wird, ist deshalb ein gut fünfseitiger Anhang beigefügt, der übernommene Passagen akribisch auflistet.

“Anhand des Quellenverzeichnisses kann sich nun jeder Leser selbst ein Urteil darüber bilden, ob die Wellen, die (das Buch) in den vergangenen Wochen geschlagen hat, dem Anlass eigentlich angemessen waren“, sagt sie und entschwindet. Eine Diskussion, die Fortsetzung des öffentlichen Diskurses, ist an diesem Abend nicht vorgesehen.

Auch Hegemann wird sofort nach ihrem Vortrag von einem schwarzen Bodyguard weggeführt. Sie kann wie schon vor ihrem Auftritt nur noch durch das riesige Eisengitter vor dem DJ-Platz beobachtet werden - wie in einem Zoo. Die Gäste, die zuvor in Nieselregen und Schneematsch bis zu zwei Stunden anstehen mussten, verlieren sich langsam in den stroboskopisch blinkenden Geistergängen des ehemaligen Heizkraftwerks.

“Ich bin überrascht, wie gut sie das alles verkraftet. Sie geht sehr cool mit der ganzen Sache um“, sagt Freundin Tonke später. Zur Rückenstärkung ist auch ihr Vater gekommen, der ehemalige Volksbühnen-Chefdramaturg Carl Hegemann. Ebenfalls geladen war Blogger Airen, der aber allenfalls incognito erschien. Er wolle sich bewusst nicht in die Öffentlichkeit begeben, hieß es bei Ullstein.

Ob das Traditionshaus als Teil des Deals mit Airen tatsächlich dessen bisher nur in einem Szeneverlag erschienenen Roman “Strobo“ neu herausbringen will, war an dem Abend nicht zu klären. “Ich muss jetzt leider gehen“, sagt Bublitz.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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