Averno von Louise Glück, 2007, LuchterhandAverno.
Gedichte von Louise Glück (2007, Luchterhand - Übertragung Ulrike Draesner).
Besprechung von
Jürgen Brôcan in der Neue Züricher Zeitung vom 26.2.2008:

Wanderungen im Schattenreich
Die Lyrikerin Louise Glück schreibt den Persephone-Mythos neu

Der Lago d'Averno, ein kleiner Kratersee in den sogenannten Phlegräischen Feldern, einem westlich des Vesuvs gelegenen Gebiet hoher vulkanischer Aktivität, galt wegen seiner Abgeschiedenheit und Unwirtlichkeit von der Antike bis ins Mittelalter als einer der Zugänge zur Unterwelt. Vergil etwa ...

Zwischen Tod und Leben

Dies ist die Stätte von Louise Glücks zehntem Gedichtband, ein Durchgang zwischen der Welt der Toten und der Lebenden, in dem verschiedene Aspekte der «conditio humana» beleuchtet werden. Die Düsternis der Landschaftskulisse wird allerdings in psychische Gefilde verlegt. «Averno» ist möglicherweise der am besten komponierte Band Glücks. In ihrem früheren Werk finden sich zwar einzelne kraftvollere Gedichte, dennoch überzeugen hier besonders die straffe Verknüpfung der Motive und der einheitliche Ton, den Ulrike Draesner sorgfältig ins Deutsche übertragen hat. Streckenweise liest sich «Averno» wie eine Zusammenfassung all jener Themen, an denen Glück von Beginn ihres Dichtens an gelegen war.

Glück nimmt eine Neuschreibung der antiken Überlieferungen vom Raub der Persephone durch Hades und von ihrem Aufenthalt in der Unterwelt vor. Durch den Genuss des Granatapfels blieb Persephone an das Schattenreich gebunden und musste ein Drittel des Jahres bei ihrem Gatten in der Unterwelt verbringen. «Man treibt zwischen Erde und Tod, / die sich, letztlich, / seltsam ähnlich scheinen», konstatiert das lange Gedicht über diese erste Version des Mythos. Das abschliessende Gedicht des Bandes über die abweichende – tatsächlich überlieferte – zweite Version, in der Persephone aus Hass und Abscheu gegenüber ihrer Mutter Demeter nicht mehr zur Oberwelt zurückkehren will, reflektiert über «die tiefe Gewalttätigkeit der Erde» und stellt die entscheidende Frage: «Wie kann ich die Erde ertragen?»

Zeitlose Fragen

Im Durchspielen des antiken Mythos nach modernen psychologischen Mustern treten die unveränderten, unveränderlichen Bedingungen menschlichen – meist konkreter: weiblichen – Aufenthalts auf Erden deutlich zutage. Ganz elementar und archaisch stehen die Landschaften des Herbstes und des Winters für Abschied, Tod und, vielleicht, das Erwarten eines Neubeginns. Das sind immer Bilder der Aussenwelt, die auch als Innenwelten zu lesen sind. Doch vor alle Erwartung sind Zweifel und Verzweifeln gesetzt. «Das ganze Leben wartet man auf die günstige Zeit. / Dann entpuppt die günstige Zeit sich / als am Schopf gepackte Gelegenheit.»

Die Bezüge zum antiken Mythos sind derart weiträumig angelegt, dass sich verschiedene zeitgenössische Interpretationen anbieten. Durch eben diese Strategie erhalten die einzelnen Motive eine Glaubwürdigkeit, die selbst etwas verbrauchten Metaphern wie Licht, Erde, Schatten eine moderne Berechtigung verleiht. Es geht um Abschied und Rückkehr, Körper und Seele, fatale Mutter-Tochter-Bindungen, Zukunftsängste und Erinnerungen, Schönheit, Natur, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe. Oder anders: Wie sind Kälte, Hässlichkeit, Vergänglichkeit zu ertragen? Wie kann man leben, wenn man die Hölle gesehen hat? Diese Fragen trägt Louise Glück in einer einfachen, klaren, schnörkellosen Sprache vor, lyrisch aufgeladen, ohne Pathos, manchmal allzu schmerzhaft subjektiv, doch zeigt sich gerade hierin die Stärke von Glücks Gedichten: dass sie im gleichen Atemzug robust und verletzlich sind.

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