Autokino von Albert Ostermaier, 2001, Suhrkamp

Autokino.
Gedichte mit CD von Albert Ostermaier (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Jan Wagner in der Frankfurter Rundschau, 16.2.2002:

Roter Pfeil auf Kaugummipapier
Lyrisches Celluloid: Albert Ostermaiers neue Gedichte

Das drive-in theater gehört zum Mythos des modernen Amerika wie braune Limonade mit zu viel Zucker und zwischen elastische Brötchenhälften drapierte Buletten. Bei Tage betrachtet ein eher hässlicher Ort, dessen Magie sich einem erst im Dunkeln vermittelt, wenn der Lichtstrahl des Projektors die Leinwand trifft, die Sitze in die Horizontale geklappt werden und die Sehnsüchte in den geparkten Blechwaben mit der Breitwandfiktion eines Films zu korrespondieren beginnen. Autokino nennt Albert Ostermaier seinen vierten Gedichtband; ein knapper, markanter Titel - und ein passender dazu, denn viele der thematischen und stilistischen Stränge der Gedichte laufen in ihm zusammen. Und wie im Autokino treffen in den Gedichten das Banale und das Wunderbare eines Alltags aufeinander, dem Ostermaier sein lyrisches Celluloid widmet. Filmische Techniken werden nicht nur erwähnt - etwa wenn Schnee "in zeitlupe / von den ästen" rutscht, "die kamera auf höhe der reifen" positioniert ist oder im "close-up / das aufglühende gesicht des jungen" erscheint. Die Texte selbst arbeiten stark visuell und erfassen, wie bei einem langsamen Kameraschwenk, noch das unscheinbarste Detail - dazu gehört neben zahlreichen Autos und Kotflügeln das Strandgut der Konsumgesellschaft, "chipstüten ein strohhalm / unter der fahrertür" oder auch der wegweisende "rote pfeil auf / dem kaugummipapier". Ostermaier arrangiert all dies wie Requisiten für seine Szenen und angedeuteten Geschichten, ähnlich gewissen Einstellungen aus alten Filmen, die man aus irgendeinem Grund im Gedächtnis behalten hat. Thema ist oft genug die Liebe; ihr wie allem anderen wendet sich der Autor in einfachen, leicht fassbaren Versen zu, die ihre berührende Schlichtheit nur an wenigen Stellen durch allzu viel Technikolor einbüßen: "mein herz steht / still will deine träume / überholen die du mit / deinen füßen erzählst du / stehst auf ich nehm mir / dein kissen deinen atem / und träume sie weiter".

Dass Ostermaier ein Faible für den amerikanischen oder doch wenigstens den englischsprachigen Raum hat, ist dabei schwerlich zu übersehen: Zahlreiche Texte tragen englische Titel, Popsongs werden in ihren punkt- und kommalosen Sprachfluss integriert, und ein Gedicht - "metal metaphor" - ist gar gänzlich "einem englischen poesiebaukasten" entnommen. Es sollte nicht überbewertet werden, dass Ostermaier auf eines der bekanntesten Gedichte von William Carlos Williams anspielt - "die pflaume im kühlschrank / auf dem gelben zettel dessen / rand sich nach oben biegt / eine eilige handschrift die / mehr sagt als sie erklären / will". Doch mögen die Verbindungen ansonsten auch rar sein, so teilt Ostermaier mit Williams zumindest die Vorliebe fürs Alltägliche.

Das Unprätentiöse seiner Gedichte und die Klarheit seiner Sprache bestechen. Umso mehr ragen deshalb die Metaphern und Vergleiche heraus, derer sich Ostermaier bedient und die so verblüffend wirken können wie die "kontrolleure / im neonlicht gesichter wie / nebengleise". Wenn er allerdings "die straßenkehrer / in ihren orangen papamobilen / bei sonnenaufgang" beschreibt, so fragt man sich, ob das nicht eher eine gefällige Assoziation als ein tragfähiges Bild ist. Ebenso ergeht es einem mit einigen der zahlreichen Wortspiele. Die "grüne\[n\] / spargel aus albanien die / sich in der toilette hinter / der freibank stechen lassen" ("viktualienmarkt") nimmt man noch gerne mit, doch auf manch einen schenkelklopfer wie etwa "sich / im supermarkt zu lieben ist / besser als zuhause auf den / preisschildern liegen und nur / den wäscheständer hoch / zu kriegen" hätte man gerne verzichtet.

Beeindruckender als solche Kalauer ist der virtuose Gebrauch von Binnenreimen, der oft genug an modernen Sprechgesang denken lässt. Überhaupt ist Ostermaier, nicht nur stilistisch und vom Wortschatz her - "die insel eine schwimmende / mailbox" -, sondern auch inhaltlich auf der Höhe der Zeit, "wenn sie den buddhas zum / preis des islam die köpfe / abschlagen" oder "die computer ihre liebesschwüre / in die welt mailen".

Auch aktuelle Debatten über Gentechnik und "leitkultur" klingen an: Gestern noch in der Zeitung, heute schon im Gedicht. Hier wie anderswo bleibt Ostermaier ganz nah an dem, was die Gemüter bewegt; in seinen besten Gedichten allerdings bewegt er sie ohne Rückgriff auf Tagespolitisches, nur kraft seiner gelassenen Verskunst. Eines dieser Gedichte trägt den Titel "mississippi" und leitet den Band ein: "ein gedicht steigt auf wie die / luftblasen aus dem mund eines / ertrinkenden", heißt es darin. Ostermaiers Gedichte lassen ebenso oft und weniger dramatisch an die Kaugummiblasen aus dem Mund eines Flaneurs denken - und gerade das macht sie überaus sympathisch.

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