Autodafé von George Tabori, 2002, WagenbachAutodafé.
Erinnerungen von George Tabori (2002, Wagenbach - Übertragung Ursula Grützmacher-Tabori).
Besprechung von Peter Michalzik aus der Frankfurter Rundschau, 16.1.2003:

Unter Schnäuzern
Eine Rasur kam nicht in Frage: George Tabori erinnert sich in "Autodafé" an seine Kinder- und Jugendjahre

Ein führender deutscher Literaturkritiker spottete an dem Tag, als der Literaturnobelpreis an den Ungarn Imre Kertész verliehen wurde, er habe gar nicht gewusst, dass dieser Preis neuerdings für ein Leben und nicht für ein Werk vergeben werde. Der Mann hat Recht. Leben und Werk werden bei Kertész' gegeneinander ausgetauscht, das eine wird dauernd in das andere umgewandelt, wobei die Tauschbörse in beide Richtungen offen ist. Kertész' Werk lebt sozusagen von der Verwandlung.

Aber warum soll man darüber spotten? Ich stelle mir vor, wie George Tabori, wenn er dabei gewesen wäre, den literaturkritischen Spötter am Nobelpreis-Tag lächelnd angesehen und wie seine mürb-rauchige Stimme nur einen freundlichen, undefinierbaren Laut geformt hätte. Er hätte nicht richtig widersprechen wollen, seinem Werk könnte man genau den gleichen Vorwurf machen. Wie kann man eigentlich anders schreiben, junger Mann, hätte der Laut vielleicht ausformuliert bedeutet. Aber daraus einen Vorwurf zu machen, wäre Tabori zu höflich - und zu klug. Was am Ende das gleiche sein könnte.

Jetzt erzählt Tabori - von einem Aufsatz und einigen Interviews abgesehen - erstmals direkt aus seinem Leben, diese Erinnerungen beginnen bei seiner Geburt 1914 und reichen bis in die Anfänge des Dritten Reichs, die Tabori in Berlin erlebt hat. Wer seine Stücke auch als Texte über sein Leben gesehen hat, wird über die Motive dieser Erinnerungen - die zurückhaltende Mutter, die frühe Schule der Lust durch die wolllüstigen Schenkel des Kindermädchens, den Tod des Vaters im KZ, den begabten älteren Bruder - trotzdem nicht überrascht sein.

Den frühreifen Bruder Paul, erfahren wir jetzt definitiv, liebte George vor allem dafür, dass er ein Lügner war. Tabori bewundert an der Lüge ihre Dreistigkeit, Geistesgegenwart und spielerische Anmut. "Dichtung und Unwahrheit" heißt das Kapitel über den Bruder als Lügner. Es endet mit einem Thomas-Mann-Interview, das der achtzehnjährige Paul erfunden und veröffentlicht hatte. Nach einer Woche traf ein Brief von Manns Verleger ein, das Interview sei erstunken und erlogen. "An dem Tag, das weiß ich, hörte er auf zu lügen", schreibt Tabori. "Er wurde ein anständiger Bürger, der in mehr als einhundert anständigen Büchern aufschrieb, was real war, nicht die Wahrheit." Ob er sich damals vorgenommen hat, das Erbe seines Bruders anzutreten, erzählt er nicht: Es steht zu vermuten.

Tabori schenkt sich und seiner Familie mit diesen Erinnerungen ein Weiterleben. Wie viel davon wahr ist oder wie viel wahr erfunden ist, werden wir, ganz im Sinne des Bruders, nicht erfahren. Tabori hat sich, seine Geschichte und seine Familie erfunden als unauflösliche Mischung aus Leben und Poesie, irgendwann wusste er vielleicht selbst nicht mehr, was real und was die Wahrheit war. Das ist allerdings weit mehr als eine privatistische Spielerei. Tabori hat sich als Juden, der er nicht von Anfang an war, der er erst nach der Nazizeit wurde, noch einmal wiedererfunden. Und auch die Mutter, der Vater und der Bruder - der zum Beispiel als klassischer Kain in das Leben des kleinen Abel George tritt - sie alle sind Figuren, wie erfunden, um Belege für die Fortdauer des Alten Testaments zu liefern.

Das bestimmende Thema von George Tabori, auch in diesen Aufzeichnungen, ist die Liebe zu seinem Vater, der in Auschwitz getötet wurde. Diese Liebe wirkt in den Erinnerungen warm, durch keinerlei Rachegefühle, keine ödipalen Wolken getrübt. "Die Nazis haben mir den Vater genommen, dafür musste ich ihnen dankbar sein", hat Tabori einmal gesagt. Vielleicht ist die Mischung aus Milde und Bitternis, die in diesem Satz steckt, die Bewegung von Taboris Werk überhaupt. Es ist durch und durch schwarzer Humor, aber in einer eigenartig sanftmütigen Variante.

"Ehrlich gesagt, verwirrte es mich", macht sich Tabori über seinen Vater andeutungsweise lächerlich, "dass er sichtlich bewegt war, nur weil ich meine Nicht-Unschuld verloren hatte." Der Vater hatte es für nötig gehalten, den Sohn im Bordell zum Manne werden zu lassen. Er entschied auch, den Sohn das Hotelgewerbe erlernen zu lassen. Die Laufbahn als Dichter (die wohl beiden als naheliegendere Berufswahl erschien) würde laut Vater daran scheitern, dass es in Ungarn mehr Dichter als Leser gebe. 1932 brachte der Vater den Sohn zur Lehre nach Berlin, zum Abschied setzte er sich mit dem Sohn auf eine Bank, begann mit großer Geste eine Rede, verhedderte sich schrecklich, weinte, sagte zu einer Gruppe armhebender Bürstenschnittköpfe "Guten Abend", um sich dann mit "Gib auf dich acht, niemand sonst wird es tun" zu verabschieden.

"Sechzig Jahre später besuchte ich Auschwitz, suchte nach einem Zeichen, das er mir zurückgelassen hatte", fährt der Sohn fort. Durch die Art wie Tabori seinen Vater erinnert, durch die seltsame Form von stilisiertem Leben, durch diese spielerische Form der Wahrheit nahe zu kommen, die auch einen ganz speziellen, schüchternen aber bestimmten Widerstand gegen die Nazis bedeutet, bekommen seine Familienmitglieder etwas Unversehrtes. Indem sie mit den Nazis einverstanden sind, bevor es die Nazis wirklich gab, bekommen sie eine Freiheit, die ihnen nicht zu nehmen ist.

"Schnäuzer im Fenster" heißt das letzte Kapitel, das Tabori in Berlin zeigt, wo er im Hotel reüssiert, wo er sich zwischen dem Duft, der von der Brust der Hotelbesitzerstochter aufsteigt, und Bierdunst bewegt, und wo ihm die Häufigkeit der ihm bis dahin unbekannten Schnäuzer nicht entgeht. Da erinnert sich Tabori noch einmal an den Vater, den er beim Rasieren beobachtet hatte. "Im Spiegel bemerkte er meinen verblüfften Blick aus der Badewanne und sagte: ,Eines Tages wirst du dich auch rasieren.' Ich muss bemerken, dass ich, vielleicht aus jugendlicher Aufsässigkeit, dieser väterlichen Anweisung nicht gefolgt bin. Im Gegenteil, an jenem Tag in der Reinickendorfer Straße, begann ich, mir einen Schnäuzer wachsen zu lassen, und bin dabei geblieben, sogar heute noch, etwa siebzig Jahre später."
Tabori verknüpft Hitlers Bärtchen und ödipale Konflikte, um am Ende eine sehr eigenartige Nähe zu diesen schnauzbärtigen Nazideutschen herzustellen. Sicherlich hat das zu Taboris großer Popularität im Theater der siebziger und achtziger Jahre beigetragen. Auch für sich schafft er eine Form der Freiheit, er nimmt den Nazis den Vater wieder weg. Und auch für sich erfindet er ein Leben, das wie das von Imre Kertész sehr wohl von schwedischen (und anderen) Akademien ausgezeichnet werden kann.

Am Ende dieses kleinen Buches wartet - ohne besonders hervorgehoben zu werden - die Auslöschung. Durch den Titel ist sie immer präsent. Er erinnert nicht nur an die Autodafés in Spanien, wo als "Glaubensakte" Ketzer verbrannt wurden, er erinnert auf eine nicht festzulegende Weise an die KZs und gibt ihnen eine sakrale Dimension, die sie gar nicht hatten. Und die Autobiographie, die diese Erinnerungen ja nur andeutungsweise sind, schwingt ebenfalls mit. Das ist typisch für Tabori. Es ist als gebe erst er dem Wort seine volle Bedeutung, als sei das Wort für ihn noch einmal erfunden, weil es alle Facetten dessen widerspiegelt, was er sagen will.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0103 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau