Ausweitung der Kampfzone.
Roman von Michel Houellebecq (1999, Wagenbach - Übertragung Leopold Federmair).
Besprechung von Clemens Ruthner aus Der Standard, Wien vom 19.6.1999:

Moralist im Wolfspelz
Michel Houellebecqs Erstling paralysiert und begeistert. Sein zweiter Roman ließ Frankreichs Gebrauchsintellektuelle schäumen. Zu recht oder zu Unrecht?

Auch Sie haben sich für die Welt interessiert. Das ist lange her; (...) Das Gebiet der Vorschriften hat Ihnen nicht mehr genügt; (...) also mußten Sie in die Kampfzone eindringen. Die Leseranrede kommt völlig unvermutet. Zwar sind wir abgebrüht zu einer Zeit, wo Erzähler gemeinhin zu Serien-Mördern werden und zum (Lese-)Spaß Kadaver ausweiden. Selten jedoch ist der Super-Markt des Alltags so präzis als Kriegsschauplatz präsentiert worden wie Michel Houellebecqs Ausweitung der Kampfzone.

Erinnern Sie sich: das Wasser war kalt. (...) Lange Zeit haben Sie an die Existenz eines anderen Ufers geglaubt; jetzt nicht mehr. Trotzdem schwimmen Sie weiter, und jede Ihrer Bewegungen bringt Sie dem Ertrinken näher. "Graue Blumen" nannte der konservative Pariser Figaro littéraire diese neue Art von Literatur; ein "Deprimismus" für jene, die ismen-geil sind. Wohl mißlingt das Mordkomplott im Roman. Auf keiner Seite jedoch wird es dem Leser mehr gelingen, sich in unbeteiligtem Voyeurismus dem Untergangsstrudel zu entziehen.

Dies hat dem schmalen Buch, das zuerst 1994 bei einem französischen Kleinverlag erschien, bald durch Mundpropaganda Kultstatus verschafft. Die loser des fun-Zeitalters konnten sich darin wiedererkennen: jene Nicht-Mehr-Ganz-Jungen, für die Rave-Parties keinen Trost bereithalten; denen die Älteren die interessanten Arbeitsplätze versitzen, wenn sie sie nicht wegrationalisiert haben - und mit ihnen den Sinn des Ganzen.

Da ich nicht besonders schön oder charmant bin und zudem häufig an Depressionen leide, entspreche ich dem, was Frauen in erster Linie suchen, nicht im geringsten. Auch habe ich bei Frauen, die mir ihre Organe geöffnet haben, immer einen leichten Widerwillen gespürt; im Grunde war ich für sie nicht viel mehr als ein Notbehelf.

Es gibt vieles, was an Brett Easton Ellis' berüchtigten Thriller American Psycho und seinen kalten Extremismus gemahnt. Der namen-, frauen- und trostlose Ich-Erzähler der Kampfzone hat freilich nicht mehr das monströse Charisma, den Yuppie-Glamour von Ellis' Börsenmakler und Frauenmörder Patrick Bateman. Er ist ein mittlerer Angestellter bei einer Software-Firma, der auf Kundenbetreuung mit einem Kollegen durch die französische Provinz tingelt. Eine erste Assoziation mit Indien von Haderer/Dorfer erweist sich indes als wenig zielführend, denn auch Freundschaft ist in der Kampfzone kein Wert mehr.

Und der soziopathische Ich-Erzähler beginnt ein böses Spiel mit der vergeblichen Sexbesessenheit seines häßlichen Kollegen. Dieser ist nie autorisiert in die Körperöffnungen einer Frau eingedrungen; "männliche Jungfrau" könnte man das ein bißchen freundlicher nennen, doch der Roman läßt dergleichen Sentimentalitäten konsequent nicht zu. Als am Weihnachtsabend ultimative Aufrißversuche in der Provinzdisco scheitern, schlägt der Ich-Erzähler vor, einem Liebespaar auf den Strand nachzufahren und an ihm gewissermaßen die Ersatzpenetration vorzunehmen.

Nur zu! An dem jungen Neger kannst du zunächst schon einmal üben. Sie werden ohnehin zusammen weggehen, das ist so gut wie sicher. Du mußt natürlich den Typ töten, bevor du an den Körper der Frau rankannst. Übrigens habe ich ein Messer im Wagen.

Der zum Mord unfähige Kollege stirbt wenig später bei einem Verkehrsunfall; der Ich-Protagonist bleibt von der Welt durch einen transparenten, unverletzbaren, perfekten Film getrennt. Der Weg des Selbstabbruchs, den er nun weiter einschlägt, führt ins berufliche Desaster, in die psychiatrische Klinik. Es ist grosso modo die gleiche Strecke, die der gelernte Programmierer Houellebecq (Jg. 1958) vor seiner literarischen Karriere selbst zurückgelegt hat. Diagnose: Depression.

Konnten in der Décadence-Literatur um 1900 die verderbten Helden nach dem Scheitern ihrer Gedankenspiele immer noch einen Priester aufsuchen, so zeigt sich selbst dieser bei Houellebecq (sexuell) überfordert. Nachdem er von der euthanasierenden und beischlafenden Krankenschwester wegen einer Disco-Bekanntschaft verlassen wird, weiß er nicht mehr weiter. Die Beichte kommt aus der falschen Richtung.

"Morgen muß ich die Messe lesen. Ich glaube, ich schaffe es nicht mehr. Ich fühle die Gegenwart nicht mehr." - "Welche Gegenwart?"

Schreibt jemand ein derart nihilistisches Buch, werden "Vorbilder" gleich in rauhen Mengen angekarrt, wie Leichen: Albert Camus' Der Fremde wurde bemüht (wegen der Strandszene), Marie Darieusseqs Sauerei, Céline und natürlich Nietzsche. Balzac und Thomas Mann (warum ihn?) hat Houellebecq selbst erwähnt. Erste Maßnahmen, um mit dem Extremtext durch Vergleiche zu Rande zu kommen?

Will man sich die Achtung des Verkäufers bewahren, ist man gezwungen, ein Doppelbett zu kaufen, ganz gleich, ob man dafür Verwendung hat oder nicht (...) Ein Einzelbett kaufen, heißt öffentlich zugeben, daß man kein Sexualleben hat und daß man weder in naher oder ferner Zukunft die Absicht hat, ein solches zu erlangen.

Von der Kritik ist die "einfache", klinische Sprache dieses "begabtesten Urenkels Flauberts" (Autorenkollege Dominique Noguez) gerühmt worden: so kunstlos ist sie indes bei näherem Hinsehen nicht. Da gibt es exakte kleine Beobachtungen, brillante Wendungen und überraschende Metaphern (wie z.B. embryonale Rasenflächen). Da sind böse kleine darwinistische Tierfabeln und nicht zuletzt Querverweise auf einen der grausamen Dichter der Moderne, Lautréamont, was - Schande genug - den französischen Gebrauchsintellektuellen im Fall H. nicht aufgefallen ist. Und schließlich ist da das neorealistische Todesurteil der Postmoderne, das die Übersetzung von Leo Federmair geradezu perfekt nachvollzogen hat.

Das fortschreitende Verlöschen menschlicher Beziehungen bringt für den Roman einige Schwierigkeiten mit sich. (...) Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müßte eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form. Alle Wissenssysteme, die einmal Hoffnung verheißen haben, sind hier verabschiedet; der Marxismus, die Psychoanalyse, die Multikulturalität, der Feminismus gehen wie andere Heilsbringer einen unsichtbar blutigen Bach hinunter. Zunehmend wird bei Houellebecq das permissive Reformprojekt der 68er für das gesellschaftliche Desaster des neuen Fin de siècle verantwortlich gemacht (zu Unrecht, waren diese doch die letzte Generation, die überhaupt noch an Veränderung dachte).

Vorrangiger Knackpunkt in Houellebecqs Roman ist jedoch die Sexualität, der als ultimativem Sinnangebot, als letzter "Metaphysik des Kapitalismus" (Thomas Assheuer in der ZEIT) der Garaus gemacht wird. Alle wollten ja gerne einmal Gemeinschaft, doch durch ziellose Promiskuität wurde man/frau schließlich liebesfähig wie ein altes Wischtuch. Es bleibt: die Gemeinheit; Verbitterung und Ekel, Krankheit und Warten auf den Tod.

In der (Geschlechts-)Verkehrung eines Soziologenjargons in der Bourdieu-Nach-folge entwickelt Houellebecq die Sittengeschichte einer Endzeit. In der Sexualität findet ihm zufolge die Ausweitung der Kampfzone um einen zweiten Kriegsschauplatz statt, wo ebenso mit allen Mitteln um soziale Bedeutung gekämpft wird. Geschlechtsverkehr als Parallelwelt zum Warenverkehr, als zweiter globaler Markt.

Der Sex, sagte ich mir, stellt unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens so erbarmungslose Weise. (...) Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf bis sechs Mal in ihrem Leben, oder überhaupt nie. (...) Das nennt man das "Marktgesetz".

Auch am Schlachtfeld der Körpersäfte geht es nicht um Glück, sondern um Erfolg. Die häßlichen, verklemmten Verlierer sind häufig doppelte; sie können weder finanzielles noch sexuelles Kapital einfahren. In der ungebremsten Biologie-Gläubigkeit des Milleniums ist das Wort Liebe nicht nur völlig anachronistisch, sondern auch inadäquat. Das zynische Lebensziel des Menschen gleicht der Migration des Spermenschwalls zum Gebärmutterhals, wo jeder gegen jeden nach vorne taumelt.

Sie schauen nach vorne, sie schauen nach hinten, manchmal schwimmen sie ein paar Sekunden gegen den Strom, während das beschleunigte Zappeln ihres Schwanzes einen ontologischen Zweifel auszudrücken scheint. Wenn sie diese erstaunliche Unentschlossenheit nicht durch besonders hohes Tempo wettmachen, kommen sie gewöhnlich zu spät und nehmen daher selten an dem großen Fest der genetischen Vereinigung teil.

Reagierte Frankreich auf Houellebecqs Erstling noch mit irritiertem Applaus und Preisverleihungen, so löste sein zweiter Roman Les particules élémentaires (Elementarteilchen) den ersten Literaturstreit seit Jahren aus. Zunächst klagte ihn das im Roman vorkommende Nudistencamp L'Espace du Possible (Raum des Möglichen) auf Unterlassung und Schadenersatz. Dann stieß sich Frankreichs intellektülle "politico-academic mafia" (The Guardian) an der Schlußvision des Buchs: Als Überwindung der postmodernen Verkommenheit (und Sexualität) erschafft Michel Dzierzynski, einer der Protagonisten (mit stalinistischem Schlächternamen), eine neue Menschheit von Klonen, die all die Übel überwunden hat.

Das war zuviel. P.C.-Fertigteilpolemiker gingen in Stellung und erinnerten sich an rassistische oder frauenfeindliche Details bereits in der Kampfzone; Verteidiger wie der Autor Philippe Sollers konterten wortreich. Le Monde schrie(b), der Text sei "Schmutz", der Figaro wechselte die Fronten, als der deklarierte Kommunist Houellebecq unter Reaktionärs-Verdacht geriet. Seine Haus-Literaturzeitschrift Perpendiculaires schasste ihn gleich sicherheitshalber und wurde daraufhin vom Verlag selbst abgesägt. Dem "Rotbuch der Sexuellen Konterrevolution" (Marc Weitzmann) schadete das keineswegs; bis dato wurden mehr als 300.000 Exemplare verkauft.

Uns bleibt vorläufig nur die Kampfzone: depressive Visionen eines frustrierten Verlierertypen, eines bösartigen Wixers mit wertkonservativen Allüren? Oder eine kampfmesserscharfe Reflexion darüber, was jener kleine irrationale Rest in der Warenwelt wert ist, die prinzipielle bis absurde Hoffnung auf 'Liebe' und 'Erfolg', die uns am Leben hält? Ein neo-existentialistischer Text, wo man Autor und Ich-Erzähler besser nicht verwechseln sollte?

Immerhin bittet der anonyme Einzelkämpfer seine Mitschülerin (mit dem unpassenden Namen Brigitte Bardot) - jenes häßliche Mutterschwein mit verschiedenen Wülsten an den Scharnieren ihres plumpen Körpers - auf Seite 91 des Kampfzonen-Romans im Namen der ganzen Menschheit um Vergebung. Zu stark erinnern auch seine starken Sager an die Taktik Thomas Bernhards, Literatur im gesellschaftlichen Raum weiterzuschreiben, etwa wenn von den idiotischen Einheimischen von Rouen und ihrer verkommenen Altstadt die Rede ist.

Der Verdacht liegt also nahe, daß die französische Öffentlichkeit einer geschickten Provokation auf den Leim gegangen ist. Und all die bemühten Gutmenschen werden sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, daß Moralisten im Wolfspelz letztlich mehr (Hirnarbeit) in Bewegung setzen als abgestandene Political Correctness, die den Reiz der Übertretung schafft. Houellebecqs zweite Todsünde ist die konsequente Illusionslosigkeit - oder doch nicht?

Die Nacht ist fortgeschritten, der Tag nähert sich. Befreien wir uns von den Werken der Finsternis, kehren wir zurück zu den Waffen des Lichts.

Angesichts dieses Kampfzonen-Mottos aus dem Römerbrief steigt der Erklärungsbedarf noch einmal. In einem Interview hat sich Houellebecq indes zur deutschen Frühromantik bekannt, der wir einen der besten und bösesten Texte der Goethe-Zeit verdanken: die 1805 erschienenen Nachtwachen von Bonaventura, deren Held schlaf- und kompromißlos durch eine finstere Stadt zieht, um das (bürgerliche) Leben zu ridikulisieren. Genau diesen sarkastischen Marsch durch die Nacht des Daseins tritt auch die Ausweitung der Kampfzone an. Als Reaktion, so suggeriert sie dem Leser, bleibt nur schrankenloser Zynismus oder der politische Kampf. Wie die Waffen des Lichts aussehen könnten, bleibt abzuwarten.

Immerhin hatte auch der vielgeschmähte Autor Céline - Schnittstelle der französischen Moderne mit NS-Sympathien - 1932 mit einem Roman die Reise ans Ende der Nacht unternommen, die ihn später zu antisemitischer Zivilisationskritik führen sollte. Wie Houellebecq heute wurde er damals wieder von der Nominierungsliste für den Prix Goncourt, den höchsten französischen Literaturpreis, gestrichen. Auch Houellebecq geht bis an die Kippe eines mitunter sektiererischen Links-Rechts-Schemas - aber er fällt im Gegensatz zu Céline vorläufig nicht hinunter. Er hat vielmehr eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre geschrieben: Es zu überleben, wird zur Aufgabe für den Leser. Denn die geniale Häßlichkeit des Textes ist in Wahrheit die des real existierenden Neoliberalismus. []

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at/kultur]

Leseprobe I Buchbestellung 0201 LYRIKwelt © Der Standard