Aus Übersee von Eleonore Frey, Droschl1.) - 2.)

Aus Übersee.
Erzählung von Eleonore Frey (2001, Droschl).
Besprechung von Claudia Kramatschek aus der Wochenzeitung, Zürich, 21.6.2001:

Zwei verwandte Bücher, zwei Dokumente weiblicher Selbstermächtigung: Eleonore Frey und Barbara Bongartz lassen ihre Protagonistinnen in Übersee die eigene Stimme wiedererlangen.

Übersee sprich Amerika – dies galt Europa immer schon als glimmernde Chiffre der Erlösung am Horizont der Sehnsucht nach einem besseren, zumindest neuen Leben. Auch Dora Blum und Barona Busch, die beiden Reisenden in den Romanen von Eleonore Frey und Barbara Bongartz, sind beseelt von der Verheissung des amerikanischen «Anderswo». Doch als sich ihr Traum verwirklichen lässt, geschieht dies nicht allein aus der Flucht heraus vor den Schreckgespenstern beider Vergangenheit. Beiden Frauen gerät der Übergang ins imaginierte Paradies zur Desillusionierung – und Heilung zugleich.
«Ich möchte sie zumalen, zuschütten, zum Verschwinden bringen», dies gesteht Dora zu Beginn ihres «Berichts aus Übersee» von jener Zeit, die wie ein dunkles Loch aus ihrer Erinnerung herausgeschnitten ist und in der doch zugleich jener «Vorfall» sich ereignet hat, der Ende und Anfang ihres Lebens war: das Ende einer weiblichen Reise in die eigene Finsternis und der Anfang, aus dieser herauszutreten, da sie der Einladung einer Freundin nach Amerika folgt. Dort lebt sie nun in bescheidener Schlichtheit, arbeitet am Art Institute – und malt das Vergessen mit jenen zarten Strichen und Flecken, die die frühen, grossflächigen Blumenbilder abgelöst haben. Doch dann erreicht sie ein Brief aus der Heimat, von Franz, einem Kinder- und Jugendfreund, der früh ihre Sehnsucht nach Amerika mit seinen Erzählungen geweckt hat und selber dem Reisen vor einer Anstellung als Arzt den Vorzug gab. Befragt nach den wahren Motiven ihres Weggangs und dem Hergang des ominösen «Vorfalls», wird Dora in einem langen Brief Antwort geben: ihrem «Bericht», in dem sie so offen wie ungeschützt dem Freund und somit sich selbst Zeugnis ablegt.

Leben im «als-ob»

Es ist die Geschichte einer so stetigen wie unausweichlichen weiblichen Auslöschung, das Entgleiten des eigenen Lebens von einer, die nur jene Nichtexistenz vollenden wird, die ihr Platz von Kind auf war. Denn so vergittert, wie das Fenster jener Kammer, die ihr die Mutter zuweist, wird Dora auch das eigene Leben: ein Leben im «Als-ob». Alle Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter gilt dem Bruder, der früh verstorben ist und an dessen Grab sie Dora jeden Monat führt. Doch wer am Rande steht, wird eine gute Beobachterin. Und bald ahnt Dora, dass sich auch die Wahrheit der Familie – ihr Bruder lebt, ist aber wegen einer Behinderung aus dem Haus gegeben worden – «hinter Gittern» befindet: verborgen unter den Geschichten, die man ihr erzählt. Und sie lernt zugleich, dass nicht zu fragen die Sache der Tochter, ja der Frauen ist. – Eine fatale Lektion und zugleich die Einübung in jenen Fatalismus, mit dem sie fortan den Gang der Dinge hinnehmen wird. Verlust überschreibt dies Leben, und allein die Kunst wird Doras Sprache, um im Zeichnen «die Spur des Tages festhalten» zu können. Wen wundert, dass die Liebe ihr Verhängnis wird. Denn David, eine so flüchtige wie schattenhafte Existenz wie Dora selbst, verlässt sie nur einen Tag nach ihrer Heirat – und das für immer, spurlos, wortlos.
Wie da eine allmählich zum «Es» wird, «Überfluss und Mangel», nur noch hohle Erwartung und voller Leere zugleich ist, wie alles zerfällt; die Sprache und damit auch die Wirklichkeit, so dass es schlussendlich logisch ist, dies Leben wortwörtlich aus dem Fenster zu werfen und den Wahn der Wirklichkeit vorzuziehen. Leonore Frey, deren Prosa zumeist vom Verlust der Gewissheiten handelt, rekapituliert es mit erstaunlicher Nüchternheit, distanziert und doch eindringlich zugleich, da ihre Stimme, Doras Stimme, allein dem tastenden Faden der Worte sich anvertraut, um mit ihnen Lichtkegel in das Dunkel der Erinnerung zu werfen. Denn mag noch so sehr von Entwurzelung und Selbstverlust die Rede sein: «Aus Übersee. Ein Bericht» ist doch vor allem auch eins – das Dokument einer weiblichen Selbstermächtigung, die Wiedererlangung der eigenen Stimme im Spiegel der Schrift sprich der Kunst. «Übersee war rundum», vergegenwärtigt Dora am Ende ihres Briefs und ahnt, dass ihr nunmehr alle Wege offen stehen, wohin auch immer sie gehen mag.

Poetik in Praxis

Auch Barona Busch wird, im Land ihrer Sehnsucht angelangt, bald erahnen, dass Übersee nur ein anderer Name ist für ihr Begehren, woanders, nicht im eigenen Leben, verhaftet zu sein. Und auch sie flieht, in die Hitze eines New Yorker Sommers, da sie fürchtet, wegen der Anrufe eines ihr unbekannten Stroheims in Deutschland wahnsinnig zu werden. Doch die Flucht erweist sich als vergebliche Flucht nach vorne. Denn was sie hinter sich zu lassen trachtet, ereilt sie erst recht in New York, wo sie die Wohnung samt Katze eines befreundeten Paares hütet. Tatsächlich erzählt Bongartz, die in Deutschland mit ihren bisherigen (beim Berliner Galrev-Verlag erschienenen) Büchern bis dato eher als Geheimtipp galt, eine so rätselhafte wie trickreiche Geschichte, in der es von Wiedergängern und Vexierbildern nur so wimmelt und in der sich Vergangenheit und Gegenwart beständig ineinander spiegeln. Denn drei Geschichten, drei Lebenswege weiblicher Existenz sind es, die Bongartz miteinander verquickt und in gegenseitiger Erhellung korrespondieren lässt: Stösst doch Barona – auf der Suche nach sich selbst, da ihre Ehe zu scheitern droht und sie selbst «verdächtig», da von ungesicherter Herkunft ist – während ihrer Recherche in New York über die dortigen, legendären Frauenhotels, ein Gegendienst für die freie Logis, auf eine Obdachlose namens Estelle, die behauptet, jene Annabelle Schwab zu sein, deren Schicksal Baronas Ziehfamilie ihr stets als warnendes Beispiel mit auf den weiblichen Lebensweg gab ...
Tatsächlich erzählt Bongartz eine Geschichte des weiblichen Ungehorsams, eine Geschichte von unerhörten, da ungehörigen Frauen – wie jener Annabelle, die sich am Anfang des letzten Jahrhunderts «nicht an die vorgegebenen Regeln hält» und die persönliche Freiheit der Ehe vorzieht, die ihre Eltern für sie standesgemäss arrangierten. Dass der Preis für die Freiheit der Untergang der Frau sein wird – dies ist die offizielle Lesart, die dem kleinen Mädchen namens Barona eingeflüstert wird: Es ist eine jener leisen, aber beharrlichen Stimmen, aus denen sich noch die Geschichte einer jeden, ja eines jeden Geschlechts für gewöhnlich speist: Gelesenes, Gehörtes, so ununterscheidbar wie das Flickwerk der Identität aus Fremdem und Eigenem. Doch Bongartz, deren eigener Text ein Rätselraten vieler Zitate ist, wendet die Not zur Tugend: Was als warnende Stimme gedacht war, weist Barona den Weg, den Widerspruch selbst zur eigenen Stimme zu erheben – auch und vor allem als die eines spezifisch weiblichen Erzählens.
Denn als Schreibende ist Barona Busch das Alter Ego der Autorin selbst, die in diesem Buch eine Poetik in der Praxis vermittelt. Wie Barona, deren Agent ihr verschlungenes Erzählen kritisiert, verwirrt auch Bongartz ihre Leserschaft mit einer mal opulenten Ausmalung der Details, mal einer sprunghaften Auslassung, mal mit Fantastik, mal mit nüchterner Reflexion. Was sie erzählt, liest sich über lange Strecken wie der beständige Aufschub des Eigentlichen und hält doch fest, indem es irritiert. Es ist das Ornament, dem Bongartz literarisch huldigt und das sie in Kraft setzt als «Zeichen der Existenz von Verhältnissen, die selbst nicht sichtbar sind». Geschlechterverhältnisse? Machtverhältnisse? All das jedenfalls, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf – wie jene weibliche Freiheit, der Mut, der eigenen Stimme zu vertrauen, dem Bongartz mit ihrem Roman Ausdruck verleiht. Nur scheinbar ist Barona, als sie New York so unverrichtet verlässt, wie der Roman endet, mit ihrer Suche nicht vorangekommen. Was sie mitnimmt im Gepäck aus Übersee, ist das Wissen, «dass es nicht um die Geschichte, sondern um das Erzählen geht. Um die Stimme.» So begibt sie sich, wie Dora Blum, damit erst wirklich auf die Reise: Richtung Terra incognita, wo die Anstiftung zum weiblichen Ungehorsam die eigentliche Verheissung ist.

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Aus Übersee von Eleonore Frey, Droschl2.)

Aus Übersee.
Erzählung von Eleonore Frey (2001, Droschl).
Besprechung von Bruno Steiger aus der Frankfurter Rundschau, 18.10.2001:

Spur der verlorenen Bilder
Schwebend präzise: Eleonore Freys Erzählung "Aus Übersee"

Da, wo ich nicht bin, ist Übersee; "Übersee war rundum." Dort, im Umkreis, im Imperfekt der Ortlosigkeit, zu sich zu finden, vielleicht gar neu - oder überhaupt erst richtig - anzufangen war Dora Blums Wunschtraum schon in jungen Jahren. Im Baumhaus am Rand des Dorfes, zusammen mit Franz, dem Schulkameraden, träumte sie sich aus der Kinderwelt hinaus, hinüber in jene Eigentlichkeit, die offenbar nur durch Verschwinden zu erreichen ist. Dieser Franz ist es, der die vom Schicksal arg Gebeutelte um Aufklärung bittet, viele Jahre später. "So viel Unglück. Sag mir, was los ist", schreibt er ihr auf einer seiner Postkarten. In Eleonore Freys Erzählung Aus Übersee. Ein Bericht kommt Dora B. der Aufforderung nach, erzählt die Geschichte ihres Lebens. Es ist die Geschichte einer knapp, sehr knapp Davongekommenen.

Es ist die Geschichte eines Films. "Ich bin der Film", stellt die Berichterstattende auf den ersten Seiten des "Vorspann" genannten Prologs fest; gegen Ende des Buches wird sie sich und ihr Erzählen als Verkörperung einer "seltsamen, von einem ins andere fließenden Welt" bezeichnen. In diesem Fluss treibt sie noch im Schreiben dahin, wird sie durch eine immer nur dämmernde Welt gezogen. Die Richtung kann nur eine sein: Abwärts geht's, dem nächsten, vielleicht dem letzten Unglück zu - oder dem Ende aller Schrecken: der Beschreibung des Unglücks in der amerikanischen Küche mit den fünf Fenstern.

Ein Frauen- und Künstlerinnenschicksal der eher beunruhigenden Art. In jungen Jahren schon wurde Dora der Obhut der geliebten Grossmutter entrissen. Mit dem Einzug ins vergitterte Kinderzimmer der elterlichen Stadtwohnung begann eine Entfremdung, die schließlich, nach dem Freitod der Mutter, nach der Wiederverheiratung des Vaters, nach Doras eigener Heirat und dem sehr heimlichen Abschied des Gatten in der Hochzeitsnacht, nach der Bestattung einer schattenhaften Brudergestalt zu den zwei dubiosen "Vorfällen" führte, die Doras Verhängnis unter dem Titel "Vermischtes" öffentlich machten.

Die Frage, ob sie selbst die schwangere Frau war, die den Sturz (oder Sprung?) unter einen Lastwagen nur knapp überlebte, vermag Dora ebensowenig schlüssig zu beantworten wie die nach der Identität jener seelisch Umnachteten, die, wenige Wochen nach dem Verkehrsunfall, ihre gesamte Habe aus dem Fenster warf. Nur gerade Zeitungsberichte, kein damit zu verbindendes Ich erinnert Dora; als Tatsache bleiben ihr die inneren Bilder des Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik und die Erinnerung an die damals real entstandenen Bildwerke, die ihre Karriere als Blumenmalerin begründeten.

"Es muss einmal irgend wann etwas geschehen sein, das nicht hätte geschehen dürfen", schreibt Dora an Franz. Diesem Geschehenen sinnt sie nach, voller Angst, sie könnte, indem sie es schreibend erinnert, sich abermals verlorengehen. Es ist eine seltsam hoffnungsvolle Angst, dass Einsichten in das, was wirklich war, von irgendeiner Wahrheit nicht tangierbar sind. Was Dora bleibt, ist jene "Wahrheit, die - eine nach der andern - die Geschichten in die Welt setzte, hinter denen sie sich verbarg". Somit kann es ihr nie um den vielbeschworenen roten Faden gehen, der ihrem Schicksal eine Richtung, gar einen Sinn gäbe. Angestrebt ist allein Genauigkeit; doch auch diese hat ihre Tücken. Gegen die "Festbeleuchtung des Sinns" setzt die Schreibende auf jenes Dunkel, aus dem sich wie mit einer Taschenlampe das nur wenig hellere Loch herausschneiden lässt, worin eine nicht mehr von Tatsachenberichten verstellte Wahrheit zu ihrem eigenen Sinn kommen müsste.

Doch vielleicht ist "Sinn" auch in diesem sechsten Prosawerk der 1939 geborenen, in Zürich und Paris lebenden Autorin überhaupt das ganz unnötige Wort, gewinnbringend zu verwenden nur im Plural. Immer da, das heißt nicht zuletzt auch im "Vorspann", wo sich Eleonore Frey aus der betont ungefähren, dann wieder peniblen Rekonstruktion der Biografie von Dora B. befreit und sich ihrem Blick überlässt, gelangt sie zu Bildern und Beobachtungen, die der Prosa die Authentizität des Kunstwerks verleihen. Die 1996 im Siebentagebuch vorgenommene Poetisierung unserer sinnlichen Wahrnehmung muss Dora Blums Bericht nicht noch einmal leisten; dennoch überzeugen die betrachtenden und die selbstreflexiven Passagen eher als die im Tonfall der Vermutung fast zu bedeutsam werdenden Schilderungen dessen, was offenbar, denn so stand es in der Zeitung, tatsächlich geschah.

Die Attraktivität von Eleonore Freys Erzählung liegt in der gleichsam schwebenden Präzision, mit der sie dem inneren Dilemma ihrer Hauptfigur Ausdruck verleiht. Als tiefgreifende Splitterung kann es gelesen werden, als unvereinbarer Widerspruch zwischen Wörtern, Fakten, Bildern, zwischen der Künstlerin und ihrem schreibenden Double. In der Rolle der Malerin imaginiert Dora eine Ausstellung mit dem Titel "DORA B. THEMA VERGESSEN", als Schreibende, "zwecks Berichterstattung", muss sie sich in die Spur der verlorenen Bilder begeben. Dass sie erst im Register einer buchstäblichen Verzeichnung zum wahren, zum schlüssigen Eigenbild finden wird, weiß die schreibende Malerin genau: ". . . ein Strich wollte ich werden, das war mein Vorsatz, dünner als ein Strich, und dann - mit einem leisen, trockenen Schlag, wenn sich die Lücke schloss - aus der Welt."

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