Austreiben
Roman von Ernst Molden (1999, Deuticke).
Besprechung von Martin Droschke aus Rezensionen-online *LuK*:

Notlösung in der Lobau

Mit mancher Art Themen kommen Prosaautoren nur schwer zurecht. Der Raubbau des Menschen an Mutter Natur zum Beispiel scheint die erzählerischen Möglichkeiten eines Romans zu sprengen.

Vielleicht, weil bei längerer Prosa Figuren als Handlungsträger nötig sind und menschliches Personal nur wider die Ungestörtheit der Natur agieren kann. Es sei denn, das Personal entstammt einer ethnischen Projektionsfläche der westlichen Gesellschaften wie den Aborigines oder den Yanomami. Trick siebzehn: Der Autor personifiziere die Natur, lasse Tiere, Pflanzen und Erdgeister menscheln. Eine Notlösung, die ihm in Romanform zumindest eine Parabel mit Fingerzeig ermöglicht. Pädagogisch eingängige Filme aus Hollywood funktionieren nach diesem Prinzip (damals »Flipper«, heute »Free Willy«). Dem Raubbau an der Natur müssen sich wohl oder übel andere Genres widmen, soll mehr als Kitsch und Klischee entstehen. Genres, die abstrahierte Sichtweisen liefern. Lyrik. Bildende Kunst.

In Ernst Moldens Roman »Austreiben« rächt sich die Donaunymphe Agua für den Raubbau an der Lobau, Wiens romantischem Naherholungsgebiet am linken Donauufer. Der Trieb ist ihre Waffe. Während des Geschlechtsverkehrs fährt sie als böser Geist in ausgewählte Besucher der Lobau, Männer und Frauen, welche alsbald ihren Befehlen gemäß gegen Politiker, stumpfe Patriarchen und Umweltverschandler Amok laufen. Ein Abgeordneter begeht Selbstmord, nachdem Radiomoderator Joe Eid auf Aguas Veranlassung dessen Hang zur Kinderpornographie enthüllt hat. Ein Wasserkraftwerk zermalmt eine Yacht. Die Masten einer durch die Lobau geführten Stromleitung fackeln ab, ebenso die Ausstattung eines Bootsverleihs. Mimi, die für besonders schmutzige Fälle abgestellte Kommissarin des Wiener Sicherheitsbüros, muß auf einen Exorzisten zurückgreifen, damit der Spuk ein Ende hat. Agua zieht sich zurück. Nicht aber, ohne vorher eine »Statthalterin« ernannt zu haben. Die Handlung von Moldens »Austreiben« ist schnell erzählt, klingt albern, kommt Dank Moldens lebensechter Schreibe aber durchaus als seriöse Actionerzählung daher. Der pädagogische Fingerzeig bleibt im Hintergrund. Ein fetziges Unterhaltungsbuch soll »Austreiben« sein. Als solches gelesen ist es besser als vieles, was der Buchmarkt anbietet.

Es ist Ernst Moldens Melange, die süßliche Klischees wohltuend verhindert. Geschickt hat der 1967 geborene Autor einen mit reichlich Überraschungen verzierten Krimi im realistischen Stil der Tatort-Reihe um märchenhafte Motive aus der Asservatenkammer des New Age versetzt. Seine Agua ist kein leidgeplagtes schwächliches Ding amerikanischer Schule, welches der Hilfe eines netten Menschen bedarf, um den letzten Rest an Freiheit vor der Zivilisation zu retten. In »Austreiben« gibt es keinen besseren Menschen (in Hollywood gern als Kind getarnt), der als Stellvertreter gegen böse Profitgeier anrennt. Das ist für einen Unterhaltungsroman in den Zeiten von Coca Cola mehr, als der Leser erwarten darf. Auch ist Moldens Agua nicht ein im Grunde doch liebes Geschöpf, das ins Kindchenschema fällt, sobald sich ihr ein Mensch mit Zuneigung nähert. Die Kommunikation zwischen den gegnerischen Parteien Mensch und Natur läuft bei Molden über die Schnittstelle Trieb. Nicht über Lernprozesse, Vernunft und Sprache also, sondern mittels »tierischem« Sex. Moldens Personifikation zeigt eine Natur, gegen deren Urgewalt es kein Mittel gibt, deren Verhalten für den Menschen nicht verständlich ist und vor allem nicht vorhersehbar (zumindest, bis er den Exorzisten eingreifen läßt, damit der Krimi zu seinem Ende finden kann). »Austreiben« versucht, die Grenze der Beherrschbarkeit von Naturgewalten dort zu ziehen, wo sie auch im zeitgemäßen populärwissenschaftlichen Jugendbuch liegen. Das ist mehr, als von einem Unterhaltungsroman zum Thema derzeit zu erwarten ist. Eine literarische Notlösung bleibt der Vampirroman aus der Lobau trotzdem.

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