Australien von Jan Wagner, 2010, Berlin1.) - 2.)

Australien.
Gedichte von Jan Wagner (2010, Berlin-Verlag).
Besprechung von Marcus Neuert für die Rezensionen-Welt, Februar 2011:

“Nicht schon wieder ein Fernwehbändchen”
– beim ein oder anderen Leser mag  vielleicht das schön und schlicht gehaltene Buch “Australien” des 1971 in Hamburg geborenen Lyrikers Jan Wagner, welches 2010 im Berlin Verlag erschien, diese Erstreaktion provozieren. Auch das den Versen vorangestellte Motto des portugiesischen Dichters Alvaro de Campos, eines der Heteronyme Pessoas, zielt offenbar in diese Richtung: man sei glücklich in Australien, sofern man nicht dorthin fahre.

Geht es also womöglich um die Verklärung nicht aus eigener Anschauung erlebter Orte? Wer Jan Wagner kennt, wird diese Möglichkeit sogleich ausschließen wollen. In seinen bisherigen Publikationen hat sich der Autor im Gegenteil vor allem als ein sehr genauer Beobachter vorgestellt, dem es scheinbar mühelos gelingt, von der sezierenden Beschreibung ausgehend zu lyrisch anspruchsvoller Eleganz zu finden. Spekulation ist also nicht Wagners Sache, kann auch verallgemeinert kaum je Sache der Lyrik als Gattung sein.

Und doch schlagen wir einen Gedichtband auf, der sich schon durch seine Untergliederung im weitesten Sinne als “Reiseliteratur” definieren lässt: Süden, Westen, Osten, Norden, Australien sind die fünf Kapitel überschrieben, in denen uns Wagner seinen Kosmos aus Tieren, Pflanzen, Persönlichkeiten, Landschaften, Jahreszeiten, Erinnerungen und sanft tastenden Einsichten über das Dasein nahebringt. Dabei sind die Orte stets nur Ausgangspunkt für das genuine innere Erleben. Mit der ihm  eigenen Feinfühligkeit und einer metaphorisch eigenständigen Formulierungsweise (“und immer irgendwo ein pasch/ von schafen über den hang gewürfelt:” S.91) fällt es Jan Wagner nicht schwer, den Leser reisewillig zu machen, Reisen, auf denen es um das Entdecken geht, um Erfahrungen, nicht um die Ankuft an irgend einem topografischen Ziel. Dabei geht der Autor unter anderem auch auf Lebensformen ein, die gemeinhin nicht Gegenstand von (ernstgemeinter) Lyrik sind. “zerfällt im maul des karibus/ so kalt und luftig wie ein schneekristall.//wie sie die katastrophen/ verschläft, die dürrezeiten, unbewegt,/ bis sie ein tropfen/ wasser nach jahrzehnten plötzlich weckt.” (S.69). Diese Verse über eine Flechte charakterisieren Abgeschlossenheit, Geduld, das bedingungslose In-Sich-Selbst-Gekehrt-Sein und machen diese Begriffe auf ihre ganz ursprüngliche Weise für uns erfahrbar. Wagner bleibt dabei stets dem Ästhetischen zugewandt,  selbst wenn er beispielsweise das Phänomen einer Sonnenfinsternis aufgreift und damit blanken Horror heraufbeschwört: “von dem, was kommen wird, von fremden mächten,// die sich im grenzland sammeln, prophetien/von sieben seuchen, sieben übeln,// von hungerschwärmen, sinkenden profiten,/ dem blut im milchkübel.” (S.82).

Wagner ist vordergründig betrachtet kein ausgesprochen “moderner” Lyriker. Aus seinen Versen spricht eine große und ihm offenbar sehr wichtige formale Traditionsbezogenheit. Wir begegnen hier dem Lied, der Ballade, Terzinen, dem Haiku (“ein zug schleppt leuchtend/ seine fenster vorüber,/ gläser voller öl.” S.19) und allen voran immer wieder dem Sonett, die Wagner allesamt aber nicht etwa als vorgefundene Gussformen verwendet, sondern sie sich so subtil für seine sprachlichen Mitteilungen einrichtet, dass sie immer wieder neu aufblitzen und oft nur durch das äußerliche Erscheinungsbild erkennbar werden, im Falle des Sonetts etwa durch die letztlich als verbindlich zu betrachtenden vierzehn Zeilen. Das genau aber ist ein Charakteristikum echter und wohlverstandener Modernität. Wagner spielt gekonnt mit aufscheinenden Reimen und Assonanzen, die jedoch nie irgendwo so stark hervortreten, dass sie aufs erste Lesen als solche ins Auge fallen würden. Er erweist sich einmal mehr als großer Sprachmelodiker, wie in der wunderschönen lyrischen Prosa über den Gecko (S.13), wo es heißt: “ein wandernder riß, der sich hinten schließt, während er in laufrichtung das weiß zerteilt, rot und pulsierend, eine winzige lavaspalte.” Gerade vielleicht auch mit dem Titelgedicht “australien”, in welchem von zwei kleinen Jungen erzählt wird, die der Tristesse ihres Daseins dadurch zu entfliehen trachten, dass sie davon träumen, sich durch ein Loch bis ans andere Ende der Welt zu graben. Dieses Schlussgedicht zielt noch einmal auf das Einende allen Reisens: die Erfahrung, das alles Erfahrbare letztlich in uns selbst ist (oder im Gedicht?). Der innere Kosmos findet sich wieder im äußeren und umgekehrt. Der Band “Australien” ist eine der ganz großen literarischen Freuden der vergangenen Jahre, von einer anrührenden Tiefenschärfe, wie sie leider nur selten den Weg zwischen zwei Buchdeckel findet.

Jan Wagner, der übrigens in diesem Winter für ein Jahr als Stipendiat der Villa Massimo nach Rom gehen wird, ist einer der wenigen Autoren, die man nicht unbedingt als Lyriker bezeichnen muss – man darf ihn getrost und im besten Sinne einen Dichter nennen und sich schon jetzt auf die literarische Lese seines Italienaufenthaltes freuen.

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Leseprobe I Buchbestellung 0211 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Marcus Neuert

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Australien von Jan Wagner, 2010, Berlin2.)

Australien.
Gedichte von Jan Wagner (2010, Berlin-Verlag).
Besprechung von Angelika Overath in Neue Zürcher Zeitung vom 2.4.2011:

Häuptling Hononanz
Mit Jan Wagners Gedichtband «Australien» in den Süden der Sprache

Australien ist ein Projekt. Zwei Kinder fangen mittags an zu graben im Ödland hinter der Autobahn, «wo sich die brücke in der brache / verlor». Und während sie graben, entfalten die Zeilen das wüste Panorama einer spätzivilisatorischen Urlandschaft, in der das «abwasserrohr mit seinem biblischen / dunkel» sein schlichtes Rinnsal «predigte» oder das «paläon- / tologische Autowrack wie ein fossil vom lehm verschluckt» dalag, während ein Fesselballon die Szene querte mit Werbung «für bier / oder gelee». Die Buben graben unermüdlich, bis nach sieben Strophen das Ziel ihres Tuns deutlich wird und seine Erfüllung: Sie fragen sich, wann sie auf Kohleflöze stossen, wann auf Erz, bis endlich «irgendwo ein koala // die erde sich bewegen spürte» und «zwei verschmierte» Knaben zu sehen bekam, die dann «in dem mythischen, dem mostrich- / gelben abend» verschwanden. Am Ende steckt der Spaten am Rand, wie ein «fahnenmast». Die Kinder haben sich durch die Erde gegraben, den Koala erstaunt und einen Kontinent entdeckt. Damit wird der Landname Australien zur Landnahme des Dichters.

Auch wenn die poetische Kompassnadel über alle Himmelsrichtungen streift, kommt «Australien», das titelgebende und letzte Gedicht, als ein realer Ort im Lyrikband Jan Wagners nicht vor. Im Kapitel «Süden» trifft sie auf das Chamäleon und den Olivenbaum, die Sestinen-Spiegelwelt einer Antonietta Gonzales, gemalt von (vermutlich) Lavinia Fontana, oder die Lichtfracht einer abendlichen Fähre über den Comersee, wo an der Promenade früh gefallene grüne Kastanien liegen wie gestreckte Waffen: «morgensterne». Unter «Westen» erscheint der Tukan oder der amerikanische Stuntman Evel Knievel, Strassenzüge in Ohio unter einem Himmel, «der für nichts wirbt als sich selbst». Das Kapitel «Osten» streift Szenen vor allem aus dem deutschen Osten und Polen, mit Rübezahl, dessen Name, wörtlich genommen, die historische Landschaft um Schreiberhau und Krummhübel öffnet und radikalisiert zu einem psychischen Moment, einem «trüben acker nur ein haufen / von zuckerrüben, ungeheuer, zahllos».

Im «Norden» zeigen sich der schwedisch-finnische Dichter Johan Ludvig Runeberg (1804–1877) und der dänische Poet Morti Vizki (1963–2004), Kopernikus kommt mit einem Fläschchen Blausäure im Mantel, eine Winter- und Windszene aus Hiddensee im Dezember verweht. Und dann wird die wie Schwarzeis spiegelnde Flügeldecke eines Steinway zum epiphanen Kindheitsmoment, wenn sie sich verwandelt in den gefrorenen See, auf dem das in die Tiefe träumende Kind plötzlich von einem Puck getroffen wird (dem wörtlichen Steinway, dem Stein, der auf den Weg geschickt wurde).

Gedichtideen entzünden sich an Wörtern: an Zitaten («Der Mann wird einem Baume gleich», Paul Gerhardt) und Anspielungen (das Flechten-Gedicht dürfte eine Hommage sein an die «flechtenkunde» von Hans Magnus Enzensberger, dessen früher Ton immer wieder anklingt). Andere Texte entwickeln sich aus Erinnerungsmomenten, Überblendungen, in die Déjà-vus einschlagen wie Meteoriten und das Ich schlagartig akut sein lassen, «nirgendwo anders als hier». Hier, das ist der Moment des Gedichts, das wörtlich «südliche Land» (Australien) der Poesie. Im letzten Kapitel, «Australien», kommen dann ein Ort in der Westsahara vor, eine Insel im Atlantik, ein Wassermann oder ein Stalker, musikalische Phantasien über die Schnecke, den Hagel und den Staub, aber nichts, was Australien geografisch verpflichtet wäre.

Wagners Australien wurde noch nie betreten, es ereignet sich nur hier, wo ein Häuptling spricht: «ich bin der letzte eines volkes, / allein mit der geschichte, einer sprache, / die mit ihm untergeht». Das Gedicht heisst «hononanz», und die Tante im Gedicht, die «das thema torte / in schmale kapitel teilt» fragt: «was heisst das denn? was ist das für ein wort?» Es ist eine Vokabel, die zwischen Assonanz und Homonym schillert (und damit zwei rhetorische Grundtechniken preisgibt), in dem das deutsche Wort Hohn sich mischt mit dem lateinischen honor, Ehre. Die Friedenspfeife des Häuptlings, «das kalumet // liegt kalt im schoss», während in Assonanzen und Alliterationen «das dorf noch immer qualmt» und mit jenem «qualmt» dann doch zurückbindet an «das kalumet», das «kalt» im Schoss liegt. Ein lautlicher Firnis schliesst die Oberfläche dieser traumhaft schönen Texte ab, ein Spiegelglanz aus Laut-Lichtern, wo auf dem Jahrmarkt, den die «frühen buchführer» besuchen, vielleicht nur deshalb «anis» ausliegt, weil die Silben das Wort «papier» vorbereiten.

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Leseprobe I Buchbestellung 0411 LYRIKwelt © Angelika Overath/NZZ