Aussen und Innen/Le Dehors et le dedans.
Gedichte/Poèmes von Nicolas Bouvier (1997, Editions Zoé/2005, Lenos-Verlag - Übertragung Markus Hediger).
Besprechung von Beatrice von Matt in Neue Züricher Zeitung vom 20.04.2005:

Von einem anderen Anderswo
Nicolas Bouviers Gedichte auf Deutsch

Das ganze Schreib- und Reiseleben lang, von 1953 an, hat Nicolas Bouvier an seinen Gedichten gearbeitet. 1997, ein Jahr vor seinem Tod, kamen sie endlich heraus. Der schmale Band hiess «Le Dehors et le dedans» und war eine Offenbarung. In einer schönen zweisprachigen Ausgabe, betreut vom kundigen Übersetzer Markus Hediger, liegt er nun auf Deutsch vor.

Stärker als die Prosa zielt Bouviers Lyrik auf Vollendung, in der makellosen Rhythmisierung, in der gehärteten Aussage. (Das umständlichere Deutsch muss da und dort etwas länger werden.) Die Gedichte funkeln mit Erdendingen und streben doch von der Erde weg. Alle sind sie freilich an bestimmten Orten verankert. Neben Genf und Praz-de-Fort im Wallis geben die Destinationen des grossen Reisenden die Ausgangspunkte ab. Sie sind jeweils am Ende der Texte verzeichnet, wobei Bouviers Anordnung die geographische und zeitliche Logik oft durchbricht: Trabzon 1953, Bosnien 1974, Täbris 1953, Genf 1977 . . . Ceylon 1955 . . . Japan bildet einen Schwerpunkt: Kyoto 1970, Hokkaido 1965.

Die Örtlichkeiten werden nicht beschrieben - dafür hatte der Autor die Prosa -; an ihnen entzündet sich vielmehr die lyrische Reflexion. Im Zentrum der Handlung steht nicht die Welt, sondern das Subjekt, das diese Welt süchtig erfährt und gleichzeitig hinter sich bringen möchte. Es will auflodern in engster Verbindung mit ihr, um zu vergehen an ihr.

Verheissungen

Bouvier erweist sich in seiner Lyrik als Apokalyptiker des gelebten Augenblicks, als Verächter des Körpers, an dem er zu schwer trägt. Wenn am Ende von «Skorpionsfisch», der unvergleichlichen Ceylon-Reportage, eine Wiedergeburt stattfindet, wenn der Reisende, ausgedörrt von Krankheit und Hitze, als «Luftblase» sich nochmals hineinwehen lässt ins Leben, so haben die Gedichte allesamt ein anderes Ziel. Letztlich ist nicht Kyoto gemeint, auch wenn es Thema ist, nicht Täbris mit den blauen Moscheen im Schnee, nicht die Insekten und die Hitze von Ceylon. Gemeint ist, was die Orte verheissen, mit ihren anderen Farben, ihrem Wind, ihrer Fremde. Sie verheissen es erlösender als die «dumpfen Kantone» zu Hause: Verlöschen und Vergessen. Die Gedichte umkreisen alle den Tod.

Eines erzählt den Weg dahin etwas gelassener als andere, wobei der Titel «Emploi du temps» mit «Zeitplan» nicht genau wiedergegeben ist. Das dreistrophige Gedicht spielt in Kyoto und liest sich wie eine dreitaktige Parabel des Lebens überhaupt. In einer Busstation lernt der Wartende frühmorgens «zehn chinesische Zeichen». Es folgen die Fahrt über den Pass, das Gehen am Fluss, das Schwimmen, das Verzeichnen der im Wasser treibenden Dinge: von der angebissenen Feige über die Federn eines vom Falken getöteten Huhns bis zu Salamandern, Libellen. In der letzten Strophe stösst der Ermüdete auf einen Grenzstein und gewahrt daran eine Schrift: «das Leben ist Rauch» (der Autor baut auch in der Prosa gern solche Fundtexte ein). Zuletzt, im Sichausstrecken «an einer kühlen Stelle im Friedhof», darf das Gelernte vergessen werden: «allongé au frais dans ce cimetière (. . .) j'ai oublié dix caractères chinois». Leichter könnten Reiz und Vergeblichkeit allen Tuns von morgens bis abends nicht eingefangen werden.

Da jetzt auch Bouviers 2004 erstmals erschienenes Japan-Tagebuch, «Le Vide et le plein», auf Deutsch zugänglich ist («Das Leere und das Volle»), lässt sich die Beschränkung ermessen, die sich der Lyriker auferlegt. In jenem skrupelhaft genauen Bericht wird dieselbe Fahrt - auch der Friedhof in Kyoto als Lebensort für Einheimische und Touristen - einlässlich geschildert. Eingelagert ist zudem eine längere Fassung des Gedichts «Zeitplan». Doch das Land kommt dem Chronisten nicht nahe. Da er sich ihm ausliefert mit Haut und Haar und allen Gedanken, erscheint das Ringen um die Fremde wie ein existenzielles Scheitern.

Albträume

Doch eben: In den Gedichten geschieht die Einübung ins Schweigen und Verschwinden noch viel radikaler, vor allem auch dann, wenn die Texte in der Schweiz angesiedelt sind. «Ertränke dich vor Weihnachten» heisst es mit Vermerk «Genf 1979». Eine andere Aufforderung lautet: Weg «aus dem elenden und wenig geliebten Sitz des Körpers» («Cologny 1986»). Das letzte Stück ist mit «Genf, 25. Oktober 1997» datiert und beschwört einen «Albtraum», in dem sich das Leben «in einem Galopp von Asche» entfernt.

Ohne das ständige Aufbrechen, das Sichverlieren an die anderen Gerüche, die anderen Farben hätte dieser Schriftsteller nicht bis zum 69. Altersjahr überlebt. Die Reisebücher reden unerhört davon. In den Gedichten aber hat die Hingabe an die Fremde des Lebens eine höchste Steigerung erfahren.

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