Aussenseiter von Hans Mayer, 2007, SuhrkampAussenseiter.
Zum 100. Geburtstag von Hans Mayer (2007, Suhrkamp, Nachwort von Doron Rabinovici).
Besprechung von Manfred Koch in Neue Zürcher Zeitung vom 19.3.2007:

Allenthalben Fremdheit
Zum 100. Geburtstag des Literaturwissenschafters Hans Mayer

Er trug einen deutschen Allerweltsnamen und war in jeder Hinsicht ein Solitär. Jean Améry (der ursprünglich ebenfalls Hans Mayer hiess) beschrieb ihn an seinem 60. Geburtstag so: «Ein knapp mittelgross gewachsener Pykniker mit dem kahlen, durch eine Hornbrille quergeschnittenen ‹Eierkopf› – dem charakteristischen ‹egghead›! – des Intellektuellen, als persönlicher Gesprächspartner so gescheit und gewitzt wie als Vortragender.» Améry fügt gleich hinzu, worin sich der persönliche Gesprächspartner vom Vortragenden unterschied: Die Mayer so häufig nachgesagte «Kälte» und «Schärfe» seien bei näherem Kontakt verschwunden. «Der Mensch Hans Mayer», schliesst Améry fast erleichtert, war eine «durchaus liebenswerte Überraschung».

Legendäre Wutanfälle

Hans Mayer konnte Furcht um sich verbreiten, als Universitätslehrer wie als Diskutant oder Interviewpartner. Einschüchternd wirkte (nicht nur auf Studenten) sein exorbitantes Wissen, das er jederzeit aus dem Stegreif zu entfalten verstand, in knappen, pointierten Sätzen, die einzelnen Worte artikulierend, als gelte es, zugleich eine Unterrichtseinheit in Sprecherziehung zu erteilen. Berüchtigt waren die Mayerschen Wutanfälle. In seinen Memoiren «Ein Deutscher auf Widerruf» geht er selbst auf diese «grösste Gefahr meines Charakters» ein. Es handelt sich um einen Zorn von geradezu antikem Ausmass, «ein körperlicher Vorgang, so stark sogar, dass er alles Bewusstsein verdunkelte. Dann fielen Gehirnzellen aus. Ich konnte nicht mehr sprechen, nur noch unflätig brüllen oder stammeln. Schmerzen im Magen, ein ganz bitterer Geschmack im Mund, alles zittert am Leib.»

Diese dämonische Reizbarkeit war aber offensichtlich die Kehrseite eines nicht minder heftigen Sensoriums für Kunst. Mayer hat stets sehr klar, verständlich, auf argumentative Schlüssigkeit bedacht, über Literatur und Musik geschrieben. Dass dem ein gänzlich anderes, ekstatisches Erleben der Werke zugrunde lag, ist dennoch in jeder Zeile spürbar.

«Auf Widerruf» ist die Leitformel seiner Lebenserinnerungen (1984). Nicht nur den Deutschen, die ihn, den Juden aus einer grossbürgerlichen Kölner Familie, 1933 ins Exil trieben, fühlte Mayer sich nie wirklich zugehörig. Das Unbehagen im Kollektiv war vielmehr sein existenzielles Grundgefühl. Mayer rekapituliert seine Biografie als permanentes «Doppelleben» auf verschiedenen Ebenen: bürgerlicher Gerichtsreferendar und sozialistischer Agitator am Ende der Weimarer Republik, linker Widerstandskämpfer und einsamer Wissenschafter während des Exils in Frankreich und der Schweiz (dort ab 1942 in verschiedenen Flüchtlingslagern), nach dem Krieg als Leipziger Professor (1948–1963) dann führender Repräsentant einer nichtvulgären marxistischen Literaturwissenschaft, den die DDR-Oberen aber gerade deshalb als Liebhaber «dekadenter» Kunst denunzieren und schliesslich hinausekeln. Auch als Ordinarius in Hannover (1965–1973) bleibt Hans Mayer ein Fremdkörper. «Ich war ein sonderbarer Germanist», schreibt er lapidar und meint damit wohl: eigentlich gar keiner, sondern ein Schriftsteller, ein brillanter Erzähler, dessen bevorzugter «Plot» nur eben die Kunst ist.

Doppelter Aussenseiter

Mayers Hauptwerk «Aussenseiter», das jetzt zu seinem 100. Geburtstag mit einem vorzüglichen Nachwort von Doron Rabinovici neu aufgelegt wurde, ist ein grosser komparatistischer Essay über aufsässige Frauen, Homosexuelle und Juden in der Literatur. Obwohl das Buch keine Zeile eines persönlichen Bekenntnisses enthält, gehörte schon bei seinem Erscheinen 1975 nicht viel Phantasie zu der Vermutung, der Verfasser handle hier auch von sich selbst, genauer: dem eigenen, doppelten Aussenseitertum als Jude und Homosexueller (die Frauen passen bezeichnenderweise ja nicht recht in diese Gruppierung: weder sind sie eine Minderheit noch können sie ihre «Abweichung» von der Herrschaftskultur kaschieren). In seinen Memoiren hat Mayer zehn Jahre später diese Vermutung bestätigt. So ostentativ gelangweilt er aber in «Ein Deutscher auf Widerruf» das offenbare Geheimnis seiner Zugehörigkeit zu «Sodom» abhandelt, so deutlich ist noch hier das Tabu über dem Thema zu spüren.

«Mann-männliche Konstellationen»

Es ist dasselbe Tabu, das auf der Rezeption von Mayers Lieblingsautor Thomas Mann lastete. Selbst die manifeste Homoerotik der Novelle «Tod in Venedig» wurde von einer genierten Forschung jahrzehntelang entweder sittsam beschwiegen oder «symbolisch» weginterpretiert. Mayer dagegen hatte schon in seinem Thomas-Mann-Buch von 1950 durchaus gesagt, was Sache ist, aber in welchem Ton: «Immer wieder tauchen in den Werken die mann-männlichen Konstellationen auf, die niemals eines erotischen Beiklangs oder sogar einer Vollziehung entbehren.» «Aussenseiter» hat kein Thomas-Mann-Kapitel. Aber es ist das erste Buch, das konsequent der Frage nachgeht, wie – von Winckelmann bis Genet – die Erfahrungen dieses existenziellen Aussenseitertums sich in Literatur niederschlagen, zu Literatur werden.

Hans Mayer steht damit auch am Anfang der neuen, durch die Publikation der «Tagebücher» ermöglichten Thomas-Mann-Forschung. Den Abschluss dieser Edition durch seine Freundin Inge Jens hat Hans Mayer noch erlebt, bevor er 2001 in Tübingen starb.

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