Ausgeliefert von Elmar Tannert, 2005, Ars Vivendi

Ausgeliefert.
Roman von Elmar Tannert (2005, Verlag Ars Vivendi).
Besprechung von Martin Droschke in den Nürnberger Nachrichten vom 21.09.2005:

Die ohnmächtigen Fürsten des Postzustellbezirks
Ein großer Wurf: Der Nürnberger Autor Elmar Tannert präsentiert seine ätzende Roman-Satire „Ausgeliefert“

Der Nürnberger Schriftsteller Elmar Tannert präsentiert seinen neuen Post-Roman „Ausgeliefert“ morgen, 20 Uhr, im Nürnberger Museum für Kommunikation (Lessingstr. 6)

Wenn ein Angestellter des Dienstleistungssektors ins Erzählen kommt, dann fällt irgendwann unter Garantie folgender Satz: „Ich könnte einen Roman d’rüber schreiben“. Speziell die Vertreter der niederen Dienstgrade, die in unmittelbarem Kontakt mit dem Kunden stehen und sich nicht gegen dessen Marotten und Launen zur Wehr setzen dürfen, verfügen über einen Anekdotenschatz, der weit tiefere Einblicke in den Ist-Zustand einer Gesellschaft erlaubt als manch wissenschaftliche Studie.

Vor der Zeit des schriftstellerischen Erfolgs hat Elmar Tannert (Jahrgang 1964) sein täglich Brot unter anderem als Paketbote verdient. Im Bauch der Stadt unterwegs, tauschte er seine Sendungen gegen den Rohstoff für einen grandiosen Roman, dem nur eines zu wünschen ist: dass ihn Leser, Buchhändler und Kritiker zu einem der Highlights des Bücherherbstes 2005 küren werden.

„Noch schlimmer als die Krankheit der Welt ist der Umstand, dass sich jeder benimmt, als seien die krankhaften Zustände normale Zustände“. Mit bissigem Witz und absurder Komik liefert Tannert seinen autobiografisch gefärbten Held der Exzentrik von Katalogbestellern, Pförtnern an der Warenannahme, erfahrenen Kollegen, Rationalisierern in den Schaltzentralen des Paket-Logistikers mit den gelben Autos und von konkurrierenden Straßenverkehrsteilnehmern aus, schickt ihn zurück in die Zeit seiner eigenen, schlecht bezahlten Herrschaft über den Postbezirk St. Leonhard und Schweinau. Eitel und selbstironisch zugleich nennen sich die Paketboten Fürsten.

In Wahrheit steht nicht die Distribution von Nachnahmesendungen, mit denen ein Venloer Kaufmann die Deutschen aus Rache für die Besatzungszeit bombardiert, im Zentrum ihres Tagwerks, sondern die seelische Befindlichkeit der Empfänger und die Lebensfähigkeit eines Viertels. Das macht den Job doppelt anstrengend. Paketpostboten sind traditionell Studienabbrecher, Lebenskrisen-Entlassene und andere Gescheiterte — Verlierer der Leistungsgesellschaft.

Eine Handlung im klassischen Sinn hat „Ausgeliefert“ nicht — woher auch, Pakete ausfahren ist ein tägliches Einerlei, eine Sisyphosarbeit gegen einen nie endenden Warenfluss. Ein Füllhorn von Running-Gags sorgt für die nötige Dramaturgie. Es gilt, in nur drei Punkten, volle Begeisterung zu begründen: Endlich ein Roman, der aus der Perspektive des einfachen Mannes auf den Punkt bringt, welche Fallen der freie Wettbewerb und das Anything Goes des Globalisierungszeitalters den Bürgern stellt — und der gleichzeitig vorführt, welche Schlingen sich die Nürnberger freiwillig um den Hals legen . . .

Endlich ein Roman ganz von unten, in dem die anachronistischen linken Dogmen solcher Bewegungen wie „Literatur der Arbeitswelt“ von einem zeitgemäßen schriftstellerischen Rezept abgelöst werden, dem Wachrütteln mittels böser Pointen.

Endlich ein Roman, der das Gegenteil von verschult ist. Der Autor legt mehr analytische Schärfe an den Tag als die meisten der literarischen Hoffnungsträger der Großverleger.

Die Normalität des Wahnsinns

Tannert hat ihn sich abgerungen: den Roman über die Normalität des Wahnsinns, den jeder Arbeitnehmer aus dem Dienstleistungssektor immer schon schreiben wollte. Und ungeniert, frech und durchtrieben ist die Präzisionsschreibe auch noch! Elmar Tannert hat sich gegen seine ehemaligen Kunden herrlich zur Wehr gesetzt. Wohlgemerkt: auf eine Art, die ihm nur seine ehemaligen Vorgesetzten nicht verzeihen werden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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