Ausgelassen.
Lyrik von Anne Gollin (2001, Geest-Verlag).
Besprechung von Verena Raupach aus Maskenball-Newsletter, 01.06.2000:

Heutzutage gehört es zum guten Ton, die Lyrik totzureden!
Diese einst wichtige Säule der deutschsprachigen Literatur, habe, nach gängiger Meinung, im Zeitalter der Macher und Moneten keine Daseinsberechtigung mehr. Grellere Genüsse wie Film und Fernsehen seien an ihre Stelle getreten und unterhielten den modernen Menschen weit bequemer und intensiver!


Nun, allen Unkenrufen zum Trotz, die Dichtkunst lebt, sie erfreut sich sogar strotzender Gesundheit, das beweisen jahrein, jahraus die vielen
Publikationen, die, obwohl angeblich wenig gewinnbringend, immer wieder aufhorchen lassen. Das die Lyrik lebt, zeigen so kraftvolle Dichterinnen wie Anne Gollin, deren neuer Gedichtband \"Ausgelassen\" soeben im Geest-Verlag erschienen ist.

Ihr Buch beeindruckt nicht nur durch das weitgefächerte Spektrum seiner Thematik (Naturbilder, Kindheitstraumata, Reiseimpressionen,
Auseinandersetzung mit Geschichte, Politik, Kultur und Literatur), sondern auch durch die Intensität ihrer Sprache, die ganz ohne modische Anglismen oder Gossensprache auskommt, deren Gebrauch bei den jungen (oder alten) Wilden ein unbedingtes \"Muß\" ist.
Die Lyrikerin benutzt eine Diktion, die unmittelbar anspricht, unverwechselbar ist, zum Innehalten zwingt und den Leser sofort in ihren Bann
zieht. Sie verdichtet, spielt, beschreibt, jongliert und beeindruckt durch die Kunst des \"Weglassens\".
Ohne Pathos, manchmal karg und zurückgenommen, dann wieder üppig, ohne falsche Sentimentalität, scharf beobachtend, mal böse, mal sanft, schreibt sie jenseits aller Betroffenheitslyrik und den weitverbreiteten Herz-Schmerz-Gedichten.

Anne Gollin steht mitten im Leben, hat einen klaren Blick für die Zeit, für die Vergangenheit (insbesondere die der ehemaligen DDR mit ihrer Enge und Indoktrination),für die Gegenwart, für die Zukunft. Sie eckt an, jedoch ohne bitter oder moralinsauer zu sein. Wie der Pelikan, der auf mittelalterlichen Darstellungen seine Brust öffnet, um mit dem austretendem Blut seine Brut zu nähren, so \"nährt\" uns die Autorin mit ihrer reichen Sprache. Sie zeigt uns, daß Sprache schillernd, drastisch, vielseitig und überraschend farbig sein kann, wenn eine Meisterin des Wortes sie zu beherrschen vermag. Anne Gollin ist so eine Meisterin. In ihren bukolischen Gedichten, die fast ein wenig an Sarah Kirsch erinnern, setzt sie üppige Bilder ein: \"Auf den Wiesen glühten Butterblumenlichter... \"Zwischen den Stoppeln glänzte golden Spucke... ....\"(Ungereimtes aus Mecklenburg, S. 21), \"Fieberte fahler Mond/gegenüber federte Sonne.....\"(Zurückgenommen, S. 7), \"....sattes Gelb flammte aus der Glut....\"(Kartoffelfeuer, S. 8), dabei kommt die Alliteration nicht zu kurz, wie man schnell \"erlesen\" kann.

In ihren politischen Texten dominiert die Kargheit: \"Hier gibt\'s nichts zu feiern...\"(Zehn Jahre Deutsches Erkennen, S. 87), \"Treibt keine Rosa/Versteckt sich kein Jud...\"(Frühjahr am Landwehrkanal, S.79).

Impressionistische Momente prägen die Reisebilder aus Marokko \"Meist er in\", Seite 92:\"Taschen klappern Kamele/Flattern blicken marokko...\", und ihre scharfe Beobachtungsgabe wird im Gedicht \"Vor einer Plastik\", Seite 93, deutlich: \"Dem Dornauszieher fehlt der Betrachter/Als Illusion...\"
Mit dem Surrealismus setzt sie sich in den Gedichten \"Zorn/Ausbruch\" S. 57 und \"Nadja ist Nichts\" S. 60 auseinander.Das erstere widmet sie Max Ernst, der neben Hans Arp der berühmteste deutsche Surrealist war, das zweite handelt von dem Roman Andre Bretons \"Nadja\", von Gala, der Geliebten Max Ernst\'s, der Ehefrau Paul Eluards und später Salvador Dalis, eine der schillerndsten Frauengestalten des 20. Jahrhunderts und außerdem Russin.

Sanftere Töne setzt sie in den Gedichten ein, die von den Großeltern des \"lyrischen Ichs\" sprechen, von \"geboren neunzehnhundert\" und \"geboren neunzehnhundertzehn\" Seiten 19/20: \"so klein war die/Großmutter das der Großvater sie hochnahm...\", wohl wichtige Bezugspersonen des Kindes und zorniges Aufbegehren, wenn es um die Eltern geht: \"Allmorgendlich/muss ichmir den Vater/aus den Augen zwischen...\" in \"Ritual\" (S.6).

Die Palette Anne Gollins ist buntgemischt, es lohnt sich, sich mit ihr auseinanderzusetzen, wieder einmal mehr hat uns der Osten Deutschlands bereichert, nämlich mit dieser wunderbaren Lyrikerin, die beweist, daß die Lyrik lebt, daß sie gesund ist an Haupt und Gliedern und nur eines Forums bedarf, um gelesen zu werden: Diese Plattform bietet der Geest-Verlag, der dieser schwierigen Kunst immer ein offenes Ohr leiht, und dafür müssen wir dankbar sein.

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