Aus der Tiefe von Lajser Ajchenrand, 2006, Ammann1.) - 2.)

Aus der Tiefe.
Gedichte, jiddisch-deutsch von Lajser Ajchenrand (2006, Ammann - Übertragung Hubert Witt).
Besprechung von Anastasia Telaak in DIE ZEIT, 7.12.2006:

Einsamkeit atmet uralte Zeiten
Eine späte, aber bedeutende Entdeckung: Die Gedichte des jiddischsprachigen Dichters Lajser Ajchenrand.

Im Jahr 1939 verweigerte die Schweiz Else Lasker-Schüler das Aufenthaltsrecht. Drei Jahre später durfte der aus Frankreich geflohene jiddischsprachige Dichter Lajser Ajchenrand bleiben – und schuf in Zürich ein nahezu völlig unbekannt gebliebenes Werk. Nun legt der Schweizer Ammann Verlag Ajchenrands bedeutendsten Gedichtband mimaamikim (Aus der Tiefe, erstmals Paris 1953) in einer Übertragung von Hubert Witt vor, dem prominenten Kenner jiddischer Lyrik. Hiermit kommt eine ungewöhnliche, in Israel bereits 1976 mit dem Itzik-Manger-Preis ausgezeichnete literarische Stimme zu Gehör, die radikale Fragen aufwirft: Ist angesichts von Auschwitz Gott noch denkbar? Wie kann die Schoah Gegenstand von Sonetten und Balladen sein?

Ajchenrand ist dem osteuropäischen Judentum verhaftet. Er wurde 1911 als Sohn eines Schneiders im südöstlich von Warschau gelegenen Dęblin geboren und wuchs später in Kurów bei Majdanek auf. Dort kam er mit den für die jiddischsprachige Welt prägenden geistigen und literarischen Strömungen in Berührung, zu deren Fundamenten die hebräische Poesie ebenso wie die moderne deutsche Dichtung zählte. Früh schon bildete die soziale Not der jüdischen Bevölkerung ein zentrales Motiv in Ajchenrands Lyrik. 1937 zog er nach Paris und entkam 1942, nachdem er in einem Ausländerbataillon der französischen Armee gekämpft hatte, nur knapp seiner Deportation aus einem Arbeitslager des Vichy-Regimes. Seine Mutter und seine Schwester wurden in Polen von den Nazis ermordet.

Dies ist die entscheidende Zäsur, um die Ajchenrand unablässig kreist. Die in Aus der Tiefe enthaltenen Gedichte aus dem frühen Lyrikband Hörst du nicht? (deutsch 1947) weisen einen unmittelbaren Bezug zum traumatischen historischen Geschehen auf: durch die Erinnerung an Mutter und Schwester, durch Hinweise auf das Warschauer Ghetto und die Deportation seiner Juden, durch die explizite Nennung von SS-Schergen, deutschem »Mördervolk« und christlicher »Teufelsbrut«. Gleiches gilt für die expressionistische Metaphorik der Gedichte, in denen die Schöpfung zur Chiffre eines absolut Unheimlichen wird. Inmitten ewiger apokalyptischer Zerstörung hat die menschliche Gestalt jeden Halt verloren, zerfällt in surreal-albtraumhafte Bilder: »Nachts sind wir dunkel verloschene Trauerwege / unsrer blutig-vergeßnen Generation. // Unser Gelächter die Asche verlorener Augenblicke, / rinnend durch unsere schwarzen und kalten Hände. // Unsere Augen sind offene Gräber: da ruhen / lang verstorbne Geliebte und zerronnene Tage. // Unsre Einsamkeit atmet uralte Zeiten / mit frostigen Klagen ungeborener Enge…«

Ajchenrands poetische Welt ist in ihrer Verbindung moderner Bildersprache mit biblischem und jüdisch-mystischem Gedankengut einzigartig und zugleich ambivalent. Dort, wo die jüdische Tragödie und eine Katastrophe von kosmischen Dimensionen in eins fallen, besinnt er sich auf das mythische Volk Israel, auf dessen Bund mit seinem einzigen Gott, seine Erzväter und Propheten: Er synchronisiert das »uralt stille Weinen tausendjähriger Nacht« und die »Exil-Verlorenheit« mit der Schoah, stilisiert den »totalen Krieg« zu einer Wiederholung der Geschichte von Kain und Abel.

In den Zyklen Gesang vom Vergehn und Gesang eines Wachenden gewinnt Ajchenrands poetische Sprache an Abstraktion und Transzendenz. Hier geht es um einen verborgenen, schweigenden Gott, der Zeit und Raum die Signatur ewigen Neubeginns im Zeichen qualvollen Verfalls aufdrückt. Nur als Paradoxon, als bis an seine äußersten Grenzen gespanntes Oxymoron ist der jüdische Gott, ist jüdische Existenz für Ajchenrand denkbar.

Anfang der sechziger Jahre ließ Ajchenrand sich endgültig in Zürich nieder: hier nun, obwohl »heimatverbunden« durch Freundschaften und Familie, auch staatenlos. Sein existenzieller Boden blieb das Jiddische, wohl mit ein Grund, weshalb bis zu seinem Tode im Jahre 1985 all seine späteren Lyrikbände in Israel erschienen.

Hubert Witt hat eine allzu strikte Texttreue zuungunsten des poetischen Timbres zu vermeiden gewusst, insgesamt ein gelungener Versuch. Vereinzelte Holprigkeiten, etwa die sich bei den Partizipialattributen häufenden Elisionen (»blühnde Träne«, »glühnde Lippen«), die das dem Jiddischen eigene Pathos mitunter ins Manieristische ziehen, mag man daher in Kauf nehmen. Und hoffen, dass dieser Ausgabe noch weitere folgen mögen.

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Aus der Tiefe von Lajser Ajchenrand, 2006, Ammann2.)

Aus der Tiefe.
Gedichte, jiddisch-deutsch von Lajser Ajchenrand (2006, Ammann - Übertragung Hubert Witt).
Besprechung von Carsten Hueck in Neue Zürcher Zeitung vom 19.04.2007:

Sprache im Spätherbst
Die Gedichte des jiddischen Dichters Lajser Ajchenrand

Das Jiddische, seit dem Mittelalter Alltagssprache aschkenasischer Juden, wurde in der Familie gesprochen, im Schtetl, auf dem Markt, in der Schule. Die Sprache der Volkslieder und Legenden bildete ein unvergleichlich lebendiges Gebilde aus Weltanschauung und Lebensgefühl. Wer sich heute mit ihr befasst, ist unweigerlich mit der Shoah konfrontiert. Jiddisch ist weniger Ausdruck jüdischer Lebenspraxis als vielmehr nostalgische Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies. Denn das lebendige Judentum Osteuropas, Träger jiddischer (Volks-)Kultur und deren sprudelnder Sprachquell, existiert nicht mehr. Deutsche Armeen und Stalins Politik haben es ausgelöscht. Zwar gibt es noch weltweit verstreut jiddisch sprechende Gemeinschaften. Doch prognostiziert die Unesco das Aussterben des Jiddischen im Laufe dieses Jahrhunderts.

«Den Einsamen / Befällt ein Jammer – / In herbstlichen Wassern / Sucht er vergebens / Die versteinten Augen / Des toten Freundes; / In rauchiger Schenke, / Der von Akkorden erfüllten, / Beugt sich seine Schwermut / Über den kühlen Wein, / Und seine roten Lippen / Erglühn / Wie eine offene Wunde», heisst es im Gedicht «Herbstliche Stunde» des Dichters Lajser Ajchenrand. 1911 im russischen Iwangorod, dem später polnischen Deblin, geboren, bildet er mit Rajzel Zychlinski und Abraham Sutzkever den unvergleichlichen Dreiklang jiddischer Lyrik nach der Shoah.

Aus den Abgründen der Geschichte

Schmerzvolle Klage über Schicksal und Einsamkeit, Verlust und Trauer sind Motive seiner Gedichte. Aber auch Auflehnung und leidenschaftliche Selbstbehauptung. «schnajd majne odern ojss / un schpan sej ojf dajn gewer / wi ojf harfn / un hilch wi tojssnter orglen / un trumejter un schal: / di jidn senen fun granit! / di jidn senen fun schtol!» (Schneid meine Adern heraus, / Spann sie auf dein Gewehr / Wie auf Harfen – Dröhne wie aus tausend Orgeln / Und trompete und schrei: / Die Juden sind aus Granit! / Die Juden sind aus Stahl!» Ajchenrand belebt seine Sprache aus den Abgründen der Geschichte heraus, aus der Tiefe seiner Gefühle und dem Fundus literarischer Traditionen. «Aus der Tiefe» («mimaamakim») – so der Titel seines Lyrikbandes. Zum ersten Mal 1953 in Paris erschienen, gedruckt in hebräischen Lettern, bildeten die darin enthaltenen «lider und ssonetn» zum damaligen Zeitpunkt die Summe seines Dichtens. Der Autor war Anfang vierzig und staatenlos. Er hatte die Shoah überlebt, Eltern und Schwester waren umgekommen.

Dem Leid eine Stimme

«Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir» – so beginnt der 130. Psalm in der Übersetzung Martin Luthers. «Aus Tiefen rufe ich dich, du! mein Herr, auf meine Stimme höre!» heisst es drängender bei Buber. Als gäbe es auf Erden niemanden, der noch verstünde. Ajchenrands Gedichte sind geprägt von der Verbundenheit mit seiner Familie und seinem Volk, vom Schmerz über ihren Tod. «far nacht / efenen sich ale kworim / un mir samlen ajn / di schotnss fun ale gelibte» (Abends / Öffnen sich alle Gräber, / Und wir sammeln / Die Schatten aller Geliebten ein).

Das lyrische Ich ist bei Ajchenrand kein autobiografisches, trotz seiner Zwiesprache mit den Angehörigen. Oft spricht es in der ersten Person Plural. Gibt dem Leid selbst eine Stimme, ist Menschheits-Ich. Es artikuliert sich in der Tradition biblischer Gestalten, kündet von Schreckensvisionen und Albträumen. Ist Gesang, Geschrei, hörbare Wut, die Stimme Hiobs und der Propheten. Es ist ein dialogisches Ich, personifiziertes Widerwort, Frage und Antwort. Es scheut sich nicht, Rechenschaft von Gott zu fordern, den Himmel anzuklagen, die Engel zu beschwören. Es ertönt aus einem Universum, grösser als die Shoah. Von der Genesis bis zum Tag des Gerichts erstreckt es sich. «Weh, sieben Sonnen haben meinen Schädel zerbrochen, / Tausend Nächte hab ich aus meinen Augen gewischt – / Geschlechter streiten in mir und wollen sich unterjochen, / Während mein Schweiss sich mit dem der Toten mischt.»

«Aus der Tiefe» liegt nun in einer zweisprachigen Neuausgabe vor. Der jiddische Originaltext ist mit den Buchstaben des hebräischen Alphabets gedruckt. Darunter findet sich die Umschrift in lateinischen Buchstaben und die deutsche Übersetzung von Hubert Witt. Die Neuveröffentlichung ist in vielfacher Hinsicht ein Geschenk. Schlicht und poetisch ziert die Abbildung eines Stilllebens von Soutine den Einband. Sie verweist auf die gemeinsame, ostjüdische Herkunft von Dichter und Maler, auf ihre Verbindung zu Paris, wo auch Ajchenrand vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebte. Sinnbildlich deutet das Umschlagsgemälde auch den Inhalt an: die geglückte Verbindung von Tradition und Moderne. «Aus der Tiefe» lässt erkennen, dass Jiddisch nicht allein «zärtliche Sprache» (Elias Canetti) ist. Lajser Ajchenrand verwendet souverän Stilmittel expressionistischer Lyrik. Die Metaphorik des Symbolismus und des Surrealismus arbeitet er in seine Gedichte ein. In Balladen, Sonetten und freien Versen umkreist er den – nicht erst nach Auschwitz, sondern mit Aufkommen der literarischen Moderne entstandenen – Topos der «Unaussprechlichkeit».

Zuhause in Zürich

Ajchenrands Lyrik, darin der Paul Celans verwandt, führt nicht ins Verstummen, sondern zu neuen poetischen Bildern, zu neuer Wirklichkeit. Er schreibt sich «aus der Tiefe» in einen grenzenlosen Raum empor, in dem Tag und Nacht, Himmel und Erde nicht voneinander geschieden sind: «verloschene Wege», «blutiger Tau», «gefrorene Sterne» sind dessen Orientierungspunkte. Immer wiederkehrend menschliche Details: Mund, Lippen, Augen, Hände. Und Adjektive: kühl, finster, aschig, grau. Die Partizipien versteinert, zerronnen, erstarrt. Die Substantive Nacht, Tod, Dunkel. Schwarz sind bei Ajchenrand die Rosen, schwarz ist der Schnee. Auf diesem Metaphernfeld wächst nichts als die wirklichkeitswunde Sprache selbst. Hofmannsthals Chandos-Brief hallt als fernes Echo in den Gedichten nach, ebenso wie Katzenelsons «Lid funm ojsgehargetn jidischn folk».

Lajser Ajchenrand, der – nach der Flucht aus einem französischen Arbeitslager – ab 1942 in der Schweiz lebte, erhielt nie die eidgenössische Staatsangehörigkeit. Doch fand er in Zürich ein brauchbares Zuhause, von dem aus er immer wieder aufbrach: nach London, Paris, Buenos Aires, Israel. Schnell machte er sich über Landesgrenzen hinweg als Dichter einen Namen. Seine ersten drei Lyrikbände wurden in Zürich veröffentlicht, Anfang der fünfziger Jahre porträtierte Rudolf Jakob Humm den Autor für die «Weltwoche». Gedichte erschienen auch in den deutschsprachigen Zeitschriften «Akzente» und «Spektrum», Ajchenrands Bücher hingegen hauptsächlich in Israel. Dort, wie auch in Zürich, wo der Dichter 1985 starb, wurde sein Werk mit Preisen bedacht. Es bestätigt, was einst der Nobelpreisträger Isaac B. Singer über das Jiddische sagte: Es sei «Sprache des Exils, ohne Land und ohne Grenzen». Das hat man im Fall Ajchenrands unbedingt als Auszeichnung zu verstehen.

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