Aus der Nacht von Cécile Wajsbrot, 2008, LiebeskindAus der Nacht.
Roman von Cécile Wajsbrot (
2008, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Holger Fock und Sabine Müller).
Besprechung von Bettina Egbert aus der NRZ vom 19.06.2008:

Und immer, immer wieder das Warum?

Vergeben und vergessen scheint nicht ihr Ding zu sein, im Gegenteil: Cecile Wajsbrot ist eine begnadete Vergangenheitskrämerin. Ihr letzter Roman „Der Verrat" umkreiste den Alpdruck einer weit zurückliegenden Fehlentscheidung, die tödliche Schuld verpassten Handelns. Im neuen Werk skizziert die Französin nun das Gedanken-Gespräch zwischen einer jungen Frau und ihren Vorfahren, die an den Kriegs- und Katastrophenerfahrungen des 20. Jahrhunderts, meist jedoch an ihrer Entwurzelung zerbrachen.

Die Seelen blieben zurück

Der Großvater der namenlosen Protagonistin ebnete den Weg für eine Übersiedlung nach Frankreich, die eine vierköpfige Familie räumlich verpflanzte, ihre Seelen jedoch am polnischen Ausgangspunkt Kielce zurückließ. Bewegung als Illusion - das Verdrängte, Zurückgelassene gärt unter der Hülle der neuen Identität.

Auf einer Bahnfahrt in die Heimatstadt ihrer Ahnen trifft die junge Frau auf eine Mitreisende aus Oswiecim. Auch die fühlt sich von einer fremden Geschichte, vom Schatten der Erbschuld erdrückt. Wie kann man an einem Ort wie Auschwitz, den Menschen entweder gar nicht oder nur auf den Spuren unsagbaren Leids aufsuchen, unbelastet leben; wie unausgesprochene Vorwürfe neutralisieren, unsichtbare Barrieren überwinden?

Die Last eines Lebens ohne Leid und Opfer, die Bürde ersparter Schmerzen: All das trennt die Nachgeborenen von den im Entsetzen erstarrten Erwachsenen. „Erinnerung ist das schlimmste Gift, es lässt uns in anderen Zeiten leben."

Wajsbrots atmosphärisch dichte Romanwelt gleicht einem Koordinatensystem, in dem sich das Vor und Zurück der Personen an den Achsen von Raum und Zeit orientiert. Der Weg, den die Protagonistin geistig zurücklegt, ist weit beschwerlicher, die erinnerte Zeitspanne sehr viel länger als der reale Kurztrip von West nach Ost. Traumwandlerisch hangelt sich die Autorin durch den Gedankenkosmos ihrer Figur; zu den Verletzungen, die diese erlitt und die ihr ein Heimischwerden in Frankreich untersagten. Geflohen vor der geschlossenen Erwachsenenfront eroberte sie eigene Horizonte - nur um von eiserner Schicksalshand wieder eingefangen zu werden.
Die Lebensverneinung, die Verkennung des Zeitenlaufs durch die Elterngeneration mündet in Krankheit und Vergessen: Alzheimer. Gedächtnisinseln werden zu Treibsand, eine mühsam angeeignete Welt entgleitet erneut. In zunehmender Dunkelheit existiert nur noch das, was man am meisten fürchtete – das Fremde. Mit ihrer markanten, glasklaren Sprache ergründet Wajsbrot ebenso behutsam wie zielstrebig die Handlungsmotive zweier Generationen. Sensibel, ohne jede Schuldzuweisung, erhellt sie dunkle Flecken, um das ewig umkreiste Warum zu eliminieren. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0608 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung